Aufgeschnittene Zitrusfrüchte
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Hauptsache Gesund | 30.03.2017 | 21:00 Uhr Schmerzfalle Faszien

Wie bei Zitrusfrüchten durchziehen die Faszien unser Muskelgewebe und schützen Knochen, Gelenke, Organe und Nerven. Doch sie sind weit mehr und könnten auch hinter Schmerzen stecken, für die es lange keine Erklärung gab.

Aufgeschnittene Zitrusfrüchte
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Was Muskeln, Knochen und Gelenke sind, das ist jedem klar. Und jeder weiß auch, dass sie bei Verletzungen oder zu großer Belastung schmerzen können. Aber was genau sind Faszien und wieso tun sie weh?

Das feine, weiße Häutchen

Querschnittsdarstellung eines menschlichen Oberarmmuskels mit Faszien
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Als Faszien werden bestimmte Teile des Bindegewebes bezeichnet. Es handelt sich um feine weißliche Häutchen, die alle Körperstrukturen wie Muskeln, Knochen, Gelenke, Organe und sogar Nerven umhüllen. Es ist ähnlich wie in Inneren einer Orange: Jede Wabe der Frucht ist von einer zarten weißen Hülle umgeben. Sie grenzt die einzelnen Strukturen und Segmente voneinander ab und gibt ihnen Halt. Ganz ähnlich ist es in unserem Körper.

Schmerzbehandlung durch Rolfing

Welche wichtige Rolle dieses filigrane Netz für die Gesundheit spielt, blieb lange verborgen. Dr. Robert Schleip ist heute einer der führenden Faszienforscher in Deutschland. Er begann als Körpertherapeut und behandelte die Schmerzen seiner Klienten mit einer Technik namens "Rolfing".

Dr. Robert Schleip
Dr. Robert Schleip Bildrechte: Fascial Fitness Association GmbH

Diese Variante der manuellen Körperarbeit ist nach der amerikanischen Therapeutin Ida Rolf benannt und manipuliert gezielt das Fasziennetz. Bei seiner Arbeit mit vielen Schmerzpatienten erlebte Schleip jeden Tag, dass es den Menschen durch das "Rolfen" viel besser ging. Doch wissenschaftlich erforscht oder sogar bewiesen war dieser Effekt nicht. Der Naturwissenschaftler war unzufrieden, wie wenig die Medizin über dieses Bindegewebe weiß. Mit einem Team der Universität Ulm deckte er auf, was andere Forscher schon ahnten: Faszien sind viel mehr als Füllmaterial. Sie sind vielmehr auch Leitungsbahnen für Signale, also eine Art Sinnesorgan. Sie verleihen uns ein Körpergefühl und sie machen uns beweglich.

Die Wissenschaftler erkannten auch, dass Faszien verdicken oder verfilzen können. In diesem Zustand sind sie weniger elastisch, gleiten nicht mehr optimal und können Schmerzen verursachen. Ist das der Grund für so viele ungeklärte Schmerzsyndrome? Der Beleg steht noch aus. Die Forscher vermuten aber schon jetzt, dass sich auch die positive Wirkung von Akupunktur oder Yoga über die Faszien erklären lässt. Das geheimnisvolle Netzwerk in unserem Körper ist offenbar ein Schlüssel für viele schwer zu behandelnde Krankheiten.

Faszien selbst trainieren mit der Faszienrolle

Gezieltes Training und Bearbeiten der Faszien liegt aktuell im Trend. Waren die Faszien Jahrzehnte vor allem im Fokus von sogenannten Körperarbeitern, die sich auf das rechtlich geschützte "Rolfing" ausbilden ließen, gibt es heutzutage viele Physiotherapeuten, die nur einzelne Elemente dieser Lehre anwenden oder die Griffe der Erfinderin Ida Rolf weiterentwickeln und eigene Elemente beifügen. Mit Hilfe von sogenannten Faszienrollen kann der Trend zum Bindegewebstraining auch von Laien zu Hause durchgeführt werden. Die harten Schaumstoffwalzen gibt es in unterschiedlichen Größen und Härtegraden für etwa 30 bis 40 Euro. Übungsanleitungen erläutern, wie man damit Faszien am Rücken, den Beinen oder Armen lockern kann. Der Balanceakt ist anstrengend und wird auch zum Teil als schmerzhaft beschrieben.

Übungstipps von Fitnesstrainer Jürgen Reif

Für die erste Übung setzen Sie sich auf den Boden. Die Hände stützen Sie hinter dem Rücken ab, die Beine ziehen Sie etwas an. Die Rolle wird jetzt wie ein Kissen unter das Gesäß gelegt. Walzen sie auf ihr eine Minute lang leicht vor und zurück. Das stimuliert die Faszien im Po leicht und macht sie weicher. Es kann sein, dass diese Übung am Anfang etwas schmerzt.

Frauen beim Faszientraining.
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Für die zweite Übung bleiben wir in dieser Position. Verändert wird jedoch die Strecke unserer Rolle. Sie schieben Ihren Körper über die Walze und sie wandert dabei vom Gesäß über den ganzen Rücken bis zu den Schultern hoch und dann wieder zum Po zurück. Für manche ist das eine schwierige Wackelpartie. Auch hier sind anfangs Schmerzen zu erwarten. Bleiben Sie trotzdem dran. Es lohnt sich!

Die dritte Übung ist vor allem für Menschen geeignet, die auf dem Boden schlecht klarkommen oder den starken Druck auf den Rücken nicht – oder noch nicht – aushalten können. Stellen Sie sich einfach an eine Wand und klemmen Sie die Rolle in Gesäßhöhe zwischen sich und die Mauer. Nun vorsichtig in die Knie gehen und die Faszienrolle zu den Schultern hinaufwandern lassen. Je nachdem, wie stark Sie sich dabei gegen die Wand drücken, steuern Sie die Intensität der Faszienmassage.

Zuletzt aktualisiert: 31. März 2017, 10:36 Uhr

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