Tabletten
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Hauptsache Gesund | 02.11.2017 | 21:00 Uhr Schmerzmittel: Gefährliche Freunde

Auf Schmerzen würden die meisten Menschen wohl gern verzichten. Zum Glück gibt es Schmerzmittel, oft sogar ohne Rezept. Doch Vorsicht: Schmerzmittel können über längere Zeit gefährlich werden und zum Teil sogar lebensgefärhliche Auswirkungen haben!

von Matthias Toying

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Ein Martinshorn hallt durch die Straßen. Über dunkle Häuserfassaden huscht blaues Licht. Es ist kurz vor Mitternacht, als der bewusstlose Peter Witzke in aller Eile in die Notaufnahme eingeliefert wird. Diagnose: Nierenversagen. "Es ging mir ganz schlecht", erzählt der Rentner später. "Abends habe ich meine Tochter gerufen, weil ich Nierenschmerzen und Luftnot hatte." Die Tochter ruft den Rettungsdienst. Als der Notarzt eintrifft, fällt sein Blick auf den Nachttisch. Dort liegt eine Tube Schmerzgel, mit dem Peter Witzke täglich mehrmals Rücken, Schultern und Beine eingerieben hat. Alle drei Wochen verbrauchte er zwei Tuben. Bereits seit einem Jahr. In der Klinik bestätigt sich der Verdacht: Sein Schmerzgel hat das akute Organversagen ausgelöst. Dass ein hilfreiches Medikament seine gelegentlichen Nierenprobleme so dramatisch verschlimmern würde, damit hatte der Rentner nicht gerechnet. Dr. Matthias Janneck, Oberarzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, erklärt dazu: "Wenn jemand, der Vorerkrankungen hat, ein bis zwei Tage eine schmerzlindernde Salbe auf einem Gelenk aufträgt, ist nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen, aber das großflächige und regelmäßige Auftragen, kann bei einigen Patienten doch zu Nebenwirkungen führen."

Es geht ins Blut

In welcher Form man Schmerzmittel zu sich nimmt, spielt keine Rolle. Es kann eine Salbe, ein Gel, es können Tabletten oder ein lösliches Pulver sein. In jedem Fall gelangt der Wirkstoff in die Blutbahn und löst dort biochemische Reaktionen aus. In der Regel stört er die Bildung oder Weiterleitung bestimmter Botenstoffe, die für die Meldung eines Schmerzsignals ans Gehirn verantwortlich sind. Aber genau diese Stoffe beeinflussen auch die Arbeit anderer Organe. Werden sie ausgeschaltet, kann es dazu führen, dass Nieren, Magen oder Herz Schaden nehmen. Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, hat eine Studie der Uniklinik Kopenhagen ermittelt. Dort untersuchte man zwei Wirkstoffe, die es auch in Deutschland rezeptfrei in der Apotheke gibt: "Wir stellten in unserer Studie fest, dass die Einnahme von Diclofenac, mit einem um 50 Prozent erhöhten Risiko von Herzstillstand verbunden war und die Einnahme von Ibuprofen mit einem um 31 Prozent erhöhten Risiko von Herzstillstand", erläutert Dr. Kathrine B. Sondergaard, Kardiologin am Kopenhagen University Hospital.

Schmerz: Ein Warnsignal

 ältere Frau mit Kopfschmerzen
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"Schon die erste Tablette kann ein Risiko darstellen, wenn man einen Schmerz unterdrückt, der ein wichtiges Warnsignal darstellt", macht Dr. Rolf Malessa, Chefarzt der Klinik für Neurologie in Weimar, deutlich: "Wenn zum Beispiel ein blitzartig einsetzender Kopfschmerz auftritt, kann er auf eine Hirnblutung hinweisen. Man sollte nur solche Schmerzen mit Schmerzmitteln bekämpfen, die einem bereits gut bekannt sind, wie etwa der Kopf- oder Halsschmerz bei einer Erkältungskrankheit oder der altbekannte Rückenschmerz, der ein bis zweimal im Jahr seit langem immer wieder auftritt. Aber selbst dann ist dringend zu raten, die Schmerzmittel nur über wenige Tage einzunehmen. Bei einer längerfristigen Einnahme drohen immer ernsthafte Nebenwirkungen." Wenn die Ursache der Schmerzen unklar ist, wenn Begleiterscheinungen wie Fieber, Lähmungen, ein schlechtes Allgemeinbefinden oder Gewichtsabnahme auftreten, dann sollte auf jeden Fall der Arzt befragt werden.

Gefährliche Nebenwirkungen von freiverkäuflichen Schmerzmitteln

Paracetamol
Paracetamol Paracetamol kann lebensgefährliche Nebenwirkungen wie Leberversagen und Bluthochdruck haben. Das ist inzwischen weitgehend bekannt und aus diesem Grund wurden die Packungsgrößen begrenzt. Bildrechte: IMAGO
Paracetamol
Paracetamol Paracetamol kann lebensgefährliche Nebenwirkungen wie Leberversagen und Bluthochdruck haben. Das ist inzwischen weitgehend bekannt und aus diesem Grund wurden die Packungsgrößen begrenzt. Bildrechte: IMAGO
Aspirin plus C Brausetablette Brausetabletten Packung quer ASS-ratiopharm 500, 2002
Acetylsalicylsäure (ASS) Dieses Mittel wirkt blutverdünnend und kann unter anderem Magen-Darm-Blutungen, Hirnblutungen, Atemnot und Nierenversagen als unerwünschte Nebenwirkungen nach sich ziehen. Herzpatienten erhalten das Mittel oft in geringer Dosierung, um das Risiko eines Infarkts zu verringern. Die bei Schmerzen eingenommene Dosis ist jedoch deutlich größer. Bildrechte: IMAGO
Tabletten Ibuprofen USP, 200 mg der Marke Kirkland
Ibuprofen Als mögliche Nebenwirkungen können bei diesem Mittel zum Beispiel Asthma-Anfälle, Nierenversagen sowie Herzinfarkt auftreten. Außerdem besteht das Risiko eines Magen-Darm-Durchbruchs. Bildrechte: IMAGO
Diclofenac
Diclofenac Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, aber auch zu Magen-Darm-Blutungen und Nieren- und Leberversagen, Herzinfarkt oder Schlaganfall zählen zu den lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, die mit diesem Wirkstoff auftreten können. Bildrechte: IMAGO
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Schmerz ist nicht gleich Schmerz!

"Die Wahl des Schmerzmittels ist davon abhängig, welche Art der Erkrankung Sie haben", führt Dr. Rolf Malessa aus. "Es ist ein Unterschied, ob ich einen Zahnschmerz, einen Rheumaschmerz, eine Migräne oder einen Nervenschmerz habe. Letzteres kommt viel häufiger vor, als man allgemein glaubt. Selbst Rückenschmerzen haben häufig eine Nervenschmerz-Komponente. Das sind dann oft chronische Schmerzen, auf die frei verkäufliche Schmerzmittel nur sehr gering wirken", erklärt der Neurologe. Deshalb seien die Betroffenen gezwungen, sehr viel von einem Medikament einzunehmen, das aber kaum wirke und zudem besonders viele Nebenwirkungen habe, besonders wenn man es dauerhaft einnehme. "Da ist das Desaster vorprogrammiert", warnt der Experte. Auf die Frage, welchen Rat er seinen Schmerzpatienten geben könnte, antwortet er: "Man kann eine ernsthafte Erkrankung mit einem Schmerzmittel vielleicht für kurze Zeit erträglich machen. Aber ich kann damit das Problem nicht lösen. Was ich mit der Einnahme der Schmerzmittel eigentlich erreichen will - nämlich einsatzfähig zu bleiben, meine Aufgaben erfüllen zu können - gerade das wird durch die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln besonders gefährdet.  Folgeerkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt werfen mich dann richtig aus der Bahn." Deshalb mache es keinen Sinn, einen Schmerz zu ignorieren und zu unterdrücken. Es sei wichtig, den Schmerz als das zu nehmen, was er ist: Eine Chance, am eigenen Körper etwas zu verbessern!

Anmeldung Schmerzstation Weimar: 03643 571346

Schmerztherapie statt Medikamente

Inzwischen gibt es Möglichkeiten, Schmerzen zu behandeln, ohne auf die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln angewiesen zu sein. An vielen Kliniken in Deutschland wurden sogenannte Schmerzzentren eingerichtet. Dort behandeln und forschen Mediziner, die sich speziell auf die Bedürfnisse von Patienten spezialisiert haben, die unter dauerhaften Schmerzen leiden. Man nimmt sich hier die Zeit, die Ursachen der Schmerzen herauszufinden. Die Behandlung umfasst unter anderem auch Entspannungstraining, Akupunktur und Verhaltenstherapie.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 02. November 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2017, 12:27 Uhr