Illustration zeigt Lage und Verlauf des Darms in einem Frauenkörper.
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Hauptsache Gesund | 06.04.2017 | 21:00 Uhr Schlank und schlau mit einem gesunden Darm

Lange war der Darm für viele nicht mehr als einen Schlauch zur Verdauung. Doch in den letzten Jahren hat die Forschung erstaunliche Erkenntnisse über den Darm zutage gefördert. Im Mittelpunkt stehen dabei die Billionen Mikroorganismen, die in unserem Darm leben. Sie spielen nicht nur eine wichtige Rolle bei der Verdauung, sondern auch dabei, ob wir schlank bleiben oder dick werden – und haben sogar Einfluss sogar auf unseren psychischen Zustand.

von Jörg Simon

Illustration zeigt Lage und Verlauf des Darms in einem Frauenkörper.
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Sie heißen Laktobazillen, Bifido-Bakterien oder Enterokokken. Diese Namen klingen zunächst ein bisschen gruslig. Dabei sind viele dieser Mikro-Lebewesen ganz normale Dauergäste in unserem Darm. Mehr als 1.000 verschiedene Arten leben dort. Sie ernähren sich von dem, was unsere Verdauung ihnen übrig lässt, vor allem von den sogenannten Ballaststoffen. Auf den ersten Blick könnte man diese Bakterien also für bloße Schmarotzer halten. Doch das wäre grundfalsch. Denn die Lebewesen im Darm nutzen unseren Körper nicht nur als Quartier, sondern geben uns auch etwas zurück. Sie gewinnen zusätzliche Energie für unseren Körper, indem sie eigentlich unverdauliche Nahrungsbestandteile verwerten und helfen auf ganz verschiedene Weise, unsere Gesundheit zu erhalten, unsere Abwehrkräfte zu trainieren und unser Wohlbefinden zu fördern.

Lange gebrauchten Forscher für diese Mikro-Welt in unserem Körper das Wort "Darmflora". Weil im Darm aber keine "Pflanzen" siedeln, sondern eben Bakterien und andere Kleinst-Lebewesen, verwenden Wissenschaftler nun meist den treffenderen Begriff "intestinale Mikrobiota" oder "Darmbiota".

Wie kommen die Bakterien in unseren Körper?

E. coli Bakterium
Zu der Vielzahl der Darmbewohner gehören auch Bakterien der Art Escherischia coli. Bildrechte: IMAGO

Den Grundstock für die Bakterienwelt in unserem Darm bekommen wir von unseren Eltern mit. Für die Zusammensetzung ist offenbar entscheidend, ob ein Kind auf natürlichem Wege oder per Kaiserschnitt zur Welt kommt, ob es längere Zeit gestillt wird oder früh an Brei und andere Kost gewöhnt wird. Bei jedem Körperkontakt mit unseren Eltern werden auch nützliche Keime ausgetauscht. Im Laufe des Lebens pendelt sich bei jedem Menschen eine individuelle Zusammensetzung der Darmbiota ein. Infektionskrankheiten können das natürliche Gleichgewicht der Bakterien im Darm allerdings genauso durcheinanderbringen wie der Einsatz von Antibiotika. Für etliche chronische Krankheiten ist inzwischen bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Darmbiota und dem Auftreten dieser Krankheiten gibt.

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Rund 100 Billionen Mikroorganismen leben im Darm eines Menschen.

Was haben die Darmbakterien mit unserem Körpergewicht zu tun?

Unsere Studioexpertin, die Ärztin und Autorin Prof. Michaela Axt-Gadermann, spricht in ihrem Buch "Schlank mit Darm" von "Hüftgold-Bakterien" und "Rank-und-schlank-Bakterien". Was hat es damit auf sich? Tatsächlich haben verschiedene Keime Einfluss auf unseren Appetit, auf die Art und Weise, wie wir Körperfett speichern und unseren Blutzuckerspiegel regulieren.

Unter den Billionen Keimen im Darm gibt es Bakterien, die Nahrungsreste besonders effektiv verwerten und immer noch eine Extra-Portion Energie aus jedem Bissen herausholen, die dann natürlich in Form von Fettpolstern auf den Hüften landet. Auf der anderen Seite gibt es Bakterien, die es etwas lockerer angehen lassen und weniger Nahrungs-Kalorien in unsere Vorräte leiten. Übergewicht und die Zusammensetzung der Darmbakterien hängen nachweislich zusammen. Wenn in unserem Darm die "Rank-und-schlank"-Bakterien dominieren, verbrauchen wir jeden Tag bis zu zehn Prozent mehr Kilokalorien. Das kann im Kampf gegen das Übergewicht mitentscheiden.

Können wir gezielt "gute Bakterien" anlocken?

Offenbar hat das, was wir essen, entscheidenden Einfluss auf die Mikrowelt im Darm. Bakterien, die uns willkommen sind, können wir regelrecht "anfüttern". Bestimmte Bestandteile unserer Nahrung sind bestes Bakterienfutter. Man nennt sie "Präbiotika". Darunter versteht man bestimmte unverdauliche Kohlenhydrate, mit denen unser eigenes Verdauungssystem wenig anfangen kann, die aber begehrte Nahrung für Bakterien vor allem im Dickdarm sind. Sie stecken zum Beispiel in Chicoree, Artischocken, Zwiebeln, Knoblauch, Spargel, Nüssen, Pilzen oder Sojaprodukten. So helfen wir offenbar unserer Darmbiota, schädliche Keime zu verdrängen und "Hüftgold"-Bakterien abzuwehren.

Darüber hinaus können wir uns auch "gute" Bakterien direkt zuführen. Seit langem ist bekannt, dass so etwas zum Beispiel über probiotischen Joghurt geht. Dieser enthält lebende Mikroorganismen, die in unserem Darm ihre gesundheitsfördernde Wirkung entfalten sollen. Damit solche Bakterien dann aber wirklich Einfluss auf unser Wohlbefinden bekommen, sollten wir ihnen wiederum genug "Futter" bieten. Probiotika und Präbiotika wirken also zusammen.

Wie beeinflussen die Darmbakterien unsere Psyche?

Wissenschaftler entdeckten immer mehr Hinweise, dass Darmbakterien auch unser seelisches Wohlbefinden beeinflussen. Ein gutes Gleichgewicht der Darmkeime lässt uns Stress und Anspannung besser verarbeiten. Offenbar beeinflussen die Gäste in unserem Darm auch Glücksgefühle und guten Schlaf. Wenn die richtige Mischung im Darm nicht stimmt, erhöht das womöglich das Risiko für Depressionen und Angststörungen.

Was passiert, wenn die Darmflora durcheinanderkommt?

Unsere Expertin im Studio, Prof. Michaela Axt-Gadermann, sagt: "Eine verarmte Darmflora macht uns anfälliger für Allergien, Zuckerkrankheit, Darmentzündungen und Darmkrebs." Einzelne Studien sehen auch einen Zusammenhang zwischen den Bakterien im Darm und Krankheiten wie Alzheimer, multiple Sklerose oder Parkinson. Ob die gestörte Darmflora Auslöser oder Folge dieser Erkrankungen ist, lässt sich noch nicht immer sicher sagen. Eines ist aber sicher: In den nächsten Jahren werden Forschungen noch weitere überraschende Verbindungen zwischen den Besiedlern unseres Darms und unserer Gesundheit zutage fördern.

Expertin im Studio

Expertin im Studio

Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann,

Professorin für integrative Gesundheitsförderung, Coburg,

Autorin der Bücher "Schlank mit Darm" und "Schlau mit Darm"

Werbung eines Herstellers.
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Reise durch den darm von Dr. med. Carsten Lekutat.
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Ein Mann beim Darmkrebs-Test.
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