Hände eines Gichtpatienten
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Hauptsache Gesund | 21.09.2017 | 21:00 Uhr Gicht – Eine Zivilisationskrankheit

Galt die Gicht früher als Krankheit der Reichen und Adeligen, ist sie heute weit verbreitet. Schuld daran ist unter anderem eine falsche Ernährung. In den Industrienationen haben etwa 15 bis 20 Prozent aller Männer einen erhöhten Harnsäurespiegel – die Voraussetzung für eine Gicht.

von Marlen Schernbeck

Hände eines Gichtpatienten
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Ein klassischer Fall beim Hausarzt: Ein Mann, leicht übergewichtig, kommt humpelnd-hüpfend in die Sprechstunde. Er sei nachts mit heftigen Schmerzen in der rechten großen Zehe aufgewacht. Bei der Untersuchung zeigt sich: Die Zehe ist hochrot, geschwollen und schmerzt bei jeder Berührung. Es stellt sich heraus, dass die Harnsäurekonzentration in seinem Blut erhöht ist. Die Diagnose ist schnell gestellt: Der Patient hat einen akuten Gichtanfall. Doch was genau ist die Gicht eigentlich?

Ansammlung von Harnsäure

Bei der Gicht befindet sich zu viel Harnsäure im Blut. Harnsäure ist ein Abbauprodukt von Purinen. Das sind zum einen wichtige Zellbestandteile im Körper, zum anderen werden sie mit der Nahrung aufgenommen. Ist der Harnsäurespiegel zu hoch, bilden sich Kristalle. Die lagern sich dann in Gelenken, aber auch in der Haut und den Nieren ab und führen zu schweren Entzündungen.

Vorsicht bei Fleisch und Alkohol

Ein Teller mit Currywurst und Pommes und ein Glas Bier stehen auf einem Couchtisch. Im Hintergrund läuft der Fernseher.
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Insbesondere Wurst und Innereien enthalten viele Purine. Ein jahrelanger, übermäßiger Fleischverzehr kann die Harnsäuremenge im Blut unbemerkt in die Höhe treiben. Auch Alkohol steigert die Harnsäurekonzentration. Der Grund: Alkohol hemmt die Harnsäureausscheidung über die Niere. Ein akuter Gichtanfall wird deshalb häufig durch ein üppiges Fleischmahl oder Alkoholexzesse ausgelöst. Meistens treten die ersten Entzündungszeichen im Großzehengrundgelenk auf. Das Gelenk benötigt dann vollkommene Ruhe. Außerdem verschaffen Kältesprays Linderung.

Chronische Gicht

Unbehandelt entwickelt sich nach einigen Jahren aus der akuten Form eine chronische Gicht. Dabei werden der Gelenkknorpel zerstört und die gelenknahen Knochenteile nicht mehr richtig ernährt. Im Bereich des Ohrknorpels sowie im Gelenk können Harnsäure-Knoten, sogenannte Tophi, entstehen. Außerdem kann es zu Nierenschäden kommen.

Die Rolle der Vererbung

Blaue Doppelhelix
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Warum bekommt jemand bei den gleichen Lebensgewohnheiten eine Gicht und der andere nicht? Tatsächlich spielt in etwa 90 Prozent der Fälle die Vererbung eine entscheidende Rolle. Manche Menschen scheiden genetisch bedingt weniger Harnsäure aus. Verzehren sie zusätzlich viel purinreiche Kost oder trinken übermäßig viel Alkohol, steigt das Risiko, an Gicht zu erkranken. Häufig tritt die Gicht kombiniert mit anderen Stoffwechselstörungen auf. Dazu zählen Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörung, Adipositas und Bluthochdruck. Als weitere Auslöser sind auch Nierenerkrankungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten bekannt. Frauen sind weniger betroffen: Sie sind bis zur Menopause durch Östrogene geschützt.

Ernährung und Bewegung

Eine Tasse Kräutertee mit Thymianstengeln
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Wichtig ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung: viel frisches Gemüse sowie Salat, mehr Vollkornprodukte und weniger Fleisch und Fisch, Fett, Zucker und Alkohol. Purinreiche Lebensmittel sollten vermieden werden. Auch Bier ist tabu, denn es enthält viel Guanosin, eine Vorstufe der Harnsäure. Trotzdem sollte reichlich getrunken werden, vor allem Wasser und Kräutertee, empfohlen werden zwei bis drei Liter am Tag. Das regt die Harnsäureausscheidung in der Niere an. Auch Kaffee ist unbedenklich. Bewegung an der frischen Luft fördert außerdem eine gesunde Lebensweise und verbrennt überschüssige Kilos.

Fruchtzucker meiden

Erdbeeren
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Neue Erkenntnisse zeigen: Fruchtzucker beschleunigt den Abbau von Purinen, dadurch kann sprunghaft zu viel Harnsäure entstehen. Und er hemmt zusätzlich – ähnlich wie der Alkohol – die Harnsäureausscheidung in der Niere. Besonders viel Fruchtzucker enthalten gesüßte Softgetränke, aber auch bestimmte Früchte und Säfte scheinen das Risiko einer Gicht zu erhöhen.

Es gibt aber eine Ausnahme: Erdbeeren. Sie kann man nicht nur problemlos essen, sondern sie wirken sogar positiv bei Gicht. Die roten Früchte enthalten nämlich viel Kalium. Das fördert die Nierentätigkeit und damit die Ausscheidung von Harnsäure über den Urin.

Puringehalte von Lebensmitteln:

Insgesamt sollten Sie nicht mehr als 500 mg Harnsäure pro Tag mit der Nahrung zu sich nehmen.

Milch wird in ein Glas geschüttet
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Purinfreie Lebensmittel

  • Milch und Milchprodukte (Milch, Joghurt, Quark, Butter etc.)
  • pflanzliche Fette (Margarine und Öl)
  • Wasser

Hände halten Karoffeln
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Purinarme Lebensmittel (bis 40 mg Harnsäure pro 100 g Lebensmittel)

  • Kartoffeln
  • Alle Gemüsesorten und Gemüsesäften
  • Pfifferlinge
  • Walnüsse und Paranüsse
  • Alle Käsesorten
  • Eier

Mandeln
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Lebensmittel mit mittlerem Puringehalt (40-170 mg Harnsäure pro 100 g Lebensmittel)

  • Mais aus der Dose, Rosenkohl, Blumenkohl, Brokkoli, Artischocken
  • Trockenobst
  • Erdnüsse, Haselnüsse, Mandeln, Sesam
  • Fleisch und Wurstwaren

frische Forelle
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Purinreiche Lebensmittel (über 170 mg Harnsäure pro 100 g Lebensmittel)

  • Innereien wie Leber, Nieren, Herz, Lunge
  • Hülsenfrüchte (z.B. weiße Bohnen, Linsen und Erbsen)
  • bestimmte Fische (z.B. Forelle, Hering, Heilbutt, Meeresfrüchte)
  • Hefe (1 Würfel mit 42 g enthält 189 mg Harnsäure)

Tipp: Purin-Rechner

Die Deutsche Gicht-Liga bietet im Internet einen Purin-Rechner an. Wer ein Smartphone hat, kann sich den Purin-Rechner auch als App auf sein Gerät laden. Der Rechber zeigt auf Knopfdruck den Puringehalt von Lebensmitteln.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 21. September 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2017, 09:01 Uhr