Eine junge Frau flüstert einer Freundin etwas ins Ohr.
Bildrechte: IMAGO

Hauptsache Gesund | 31.08.2017 | 21:00 Uhr Zu jung, um schlecht zu hören!

Sinnesorgane altern oft schneller, als wir uns das eingestehen. Das zeigt sich auch beim Gehör. Probleme mit den Ohren sind längst nicht mehr nur eine Alterserscheinung. Warum? Wir beanspruchen unser Hörorgan intensiver.

von Matthias Toying

Eine junge Frau flüstert einer Freundin etwas ins Ohr.
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Wenn das Hörvermögen nachlässt, bemerken Angehörige, Kollegen und Freunde es oft eher, als die Betroffenen selbst. Der Grund: Hörverlust ist ein schleichender Prozess. Wer schwer hört, gewöhnt sich daran und nimmt es zunächst nicht wahr. Irgendwann wird es dann zu einer bösen Ahnung: Wenn es zum Beispiel schwieriger wird, einem Gespräch zu folgen, weil im Hintergrund mehrere Menschen durcheinander reden. Wenn es zu überraschenden Beinahe-Unfällen kommt, weil ein vorbeifahrendes Fahrzeug vermeintlich aus dem Nichts erscheint. Wenn es schwierig wird, am Telefon alles richtig zu verstehen. Wenn Schauspieler im Fernsehen scheinbar undeutlich reden. Das alles sind Warnsignale, die viele Betroffene über lange Zeit nicht wahrhaben wollen.

Lärm tötet Sinneszellen

Ein Mädchen mit Kopfhörern schaut gebannt auf ihr Smartphone.
Unsere Ohren sind nahezu permanent im Dienst. Bildrechte: IMAGO

Wer schwerhörig ist, gehört zum "alten Eisen"! So jedenfalls lautet ein weit verbreitetes Vorurteil. Für frühere Generationen mag das sogar gestimmt haben, doch heute gilt es nicht mehr, denn Verschleißerscheinungen der Sensoren im Innenohr machen sich mitunter bereits im Alter von etwa 40 Jahren bemerkbar, manchmal sogar früher. Warum? Unsere Welt ist erheblich lauter geworden. Wir bewegen uns täglich im Straßenverkehr, hören Musik über Kopfhörer, nutzen Maschinen und fast dauernd Kommunikationsgeräte wie Smartphones.

Ein HNO-Arzt untersucht das Ohr einer Patientin.
Werden die Ohren dauerhaft belastet, nehmen sie Schaden. Bildrechte: IMAGO

Nicht jedes Geräusch schadet unserer Gesundheit unmittelbar. Doch in der Summe und bei dauerhafter Einwirkung auf das Gehör, hinterlässt der Lärm Spuren: "Stellen Sie sich vor, ein Sturm bläst unablässig in einen Wald hinein. Was passiert?" Hörakustikermeister Karsten Fischer nutzt gern diese Metapher, um die Vorgänge im Ohr verständlich zu machen: "Die Bäume am äußeren Rand des Waldes biegen sich zunächst nur unter dem Druck des Sturms. Sie halten eine ganze Weile stand. Aber irgendwann brechen sie und dann sind sie nicht mehr zu retten. So ähnlich läuft das in unserem Hörorgan ab. Der Schalldruck tötet die Sensoren, die kleinen Härchen im Innenohr, nach und nach ab. Wenn zu viele Härchen nicht mehr leben, hören wir bestimmte Tonhöhen einfach nicht mehr." In der Regel sind das zunächst die höheren Töne. Ein Grund, weshalb es Älteren oft besonders schwer fällt, Kinder- und Frauenstimmen zu verstehen. "Unser Ohr ist für einen Gebrauch über so viele Jahrzehnte nicht geschaffen", erklärt Karsten Fischer weiter: "Darum ist altersbedingte Schwerhörigkeit oft eine natürliche Erscheinung. Aber man kann etwas tun, damit das Gehör länger fit bleibt.

Wie laut ist was? Lärm wird in Dezibel (dB) gemessen. Ab einem Schalldruck von etwa 80 dB leidet unser Gehör bereits. Aber was ist wie laut? Hier einige Beispiele:
Unterhaltung in vollem Lokal: ca. 70 dB,
Dunstabzugshaube: ca. 75 dB,
Staubsauger: bis 80 dB,
Straßenverkehr: bis 85 dB,
Walkman mit Kopfhörer: ca. 85 dB,
Haartrockner/Fön: ca. 85 dB,
Fräsmaschine: ca. 90 dB,
E-Gitarre: ca. 90 dB,
Diskothek: ca. 100 dB,
Motorkettensäge: ca. 110 dB,
(Messungen: WDR, Schweizerische Unfallversicherungsanstalt)

Ruhe schützt das Gehör

Ein Mann liegt im Bett und hält sich mit dem Kopfkissen die Ohren zu.
Ruhephasen sind wichtig für Körper, Seele – und die Ohren! Bildrechte: IMAGO

Wo erleben wir heute noch Ruhe? Vielleicht im Urlaub, an einem windstillen Abend in der Natur? Im lärmenden städtischen Alltag kaum. Wo sich Lärm nicht vermeiden lässt, sollte man dem Ohr Erholungspausen gönnen, raten HNO-Ärzte und Psychologen.

Was ist damit gemeint? Sowohl am Arbeitsplatz, als auch im häuslichen Umfeld gibt es Räume, die besonders still sind. Sie sollten bevorzugt genutzt werden. Wenn möglich, sollten Störgeräusche ausgeschaltet werden. Dazu gehören offene Fenster, durch die Straßenlärm dringt, Ventilatoren, laute Klimaanlagen und natürlich Dauerbeschallung. Ständig laufende Hintergrundmusik oder ein immerfort laufender Fernseher zehren an den Nerven und stressen das Gehör, selbst wenn der Lärmpegel die Schädlichkeitsgrenze von 80 Dezibel noch nicht erreicht. Und ein Tipp vor allem für Männer: Verwenden Sie beim Hantieren mit lauten Maschinen auf jeden Fall Gehörschutz! Männer setzen sich im Laufe ihres Lebens häufiger gesundheitsschädlichen Lärmquellen aus und verlieren ihr Hörvermögen daher statistisch eher als Frauen.

Eine Frau putzt sich mit Wattestäbchen die Ohren.
Ohrenstäbchen machen das Ohr nicht freier. Im Gegenteil. Bildrechte: IMAGO

Wenn das Gehör nachlässt, ist eine Untersuchung durch einen HNO-Arzt unbedingt notwendig. Denn neben natürlichen Alterserscheinungen können auch Erkrankungen die Ursache sein: Entzündungen, ein verletztes Trommelfell oder eine Verkalkung der Gehörknöchelchen (Otosklerose). Mitunter verstopft einfach zu viel Ohrenschmalz den Gehörgang. "Das passiert vor allem jenen, die regelmäßig versuchen, ihre Ohren mit Wattestäbchen zu reinigen.", erklärt Dr. med. Wiebke Laffers, Oberärztin der HNO-Klinik der Bonner Universität: "Sie glauben, sie würden das Ohrenschmalz beseitigen, stopfen es in Wirklichkeit aber immer tiefer hinein, bis sich vor dem Trommelfell ein riesiger Klumpen bildet. Ich sage immer: Alles was kleiner ist, als der Ellenbogen, gehört nicht ins Ohr."

Hör-Taktik: Was ist das?

Drei Frauen halten sich die Ohren zu.
Bildrechte: IMAGO

Nehmen wir mal an, Sie hören schlechter als früher, sind aber noch nicht bereit, ein Hörgerät zu tragen. Dann können Sie taktisch vorgehen, um besser zu hören und ihren Alltag zu meistern.

Dr. Ing. Hannes Seidler von der Deutschen Gesellschaft für Akustik und Wissenschaftler an der HNO-Klinik der TU Dresden hat dafür einige Tipps: "Wählen Sie einen ruhigen Raum, wenn Sie Gespräche führen möchten, also kein lautes Restaurant und keinen Bahnhof, um nur zwei Beispiele zu nennen. Schließen Sie die Fenster und setzen Sie sich ihrem Gesprächspartner gegenüber, so dass sie Blickkontakt haben und von seinen Lippen ablesen können. Achten Sie auf Lichtquellen, so dass kein Schatten auf den Mund des Sprechers fällt. Räumen Sie störende Gegenstände, wie etwa eine Blumenvase, zur Seite. Fragen Sie gezielt nach und wiederholen Sie das, was Sie verstanden haben. In einer größeren Gesellschaft wählen Sie einen Platz, von dem aus Sie einen guten Überblick und Sichtkontakt haben. Zum Gespräch wählen Sie Personen aus, die deutlich sprechen. Informieren Sie in jedem Fall Ihren Gesprächspartner über Ihre Hörschwäche, dann kann er sich darauf einstellen."

Und Gesprächspartnern, die mit einem Hörgeschädigten sprechen, empfiehlt er: "Vermeiden Sie es, laut zu reden oder gar ins Ohr zu schreien. Das ist gut gemeint, erschwert das Verstehen aber noch mehr. Viel besser ist, langsam und deutlich zu artikulieren. Suchen Sie den Blickkontakt. Geben Sie vor dem Gespräch das Thema bekannt, damit der Hörgestörte besser folgen kann. Setzen Sie natürliche Mimik und Gestik ein. Verwenden Sie kurze, einfache Sätze."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 31. August 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2017, 09:40 Uhr