Computerdarstellung des menschlichen Beckenbereichs mit markierten Bereichen der Iliosakralgelenke
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK/IMAGO

Hauptsache Gesund | 27.04.2017 | 21:00 Uhr Wenn das Iliosakralgelenk blockiert

Warum der untere Rücken besonders schmerzanfällig ist

Zieht es nach einer ruckartigen Bewegung plötzlich schmerzhaft im unteren Rücken, befürchten viele einen Bandscheibenvorfall. Dabei steckt meistens eine harmlosere Ursache dahinter, nämlich eine Blockade des Iliosakralgelenks. Etwa 70 Prozent der Deutschen machen einmal im Leben damit Bekanntschaft. Mit gezielten Übungen und therapeutischer Unterstützung sind die Beschwerden meist schon nach wenigen Tagen wieder vergessen.

von Beate Splett

Computerdarstellung des menschlichen Beckenbereichs mit markierten Bereichen der Iliosakralgelenke
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK/IMAGO

Wir haben zwei Iliosakralgelenke (kurz ISG). Sie verbinden das Kreuzbein an der unteren Wirbelsäule jeweils links und rechts mit dem Darmbein, also dem großen, schaufelförmigen Beckenknochen. Die beiden Gelenke sind Schnittstellen zwischen Ober- und Unterkörper. Sie übertragen die Kraft und die Bewegung vom Rücken in die Beine und umgekehrt. Ist diese Übertragung gestört, etwa durch eine Blockade eines der beiden Gelenke, ist die Beweglichkeit stark eingeschränkt. Heftige Schmerzen können vom Iliosakralgelenk in den Rücken, die Beine, den Bauchraum oder das Gesäß ausstrahlen. Der untere Rücken und das Becken werden von mehreren großen Muskelgruppen gestützt und sind fest durch Bänder verbunden. Das macht diese Region besonders unbeweglich und steif. Muskeln können schnell verspannen.

Blockade des Iliosakralgelenkes

Computergrafik: Hüfte im Skelett einer Frau
Bildrechte: IMAGO

Blockaden sind die häufigste Ursache für Probleme mit dem Iliosakralgelenk. Sie können bei Männern und Frauen in jedem Alter auftreten. Gründe dafür sind meist muskuläre Verspannungen durch zu wenig Bewegung, ruckartige Fehlbelastungen oder eine längere Fehlhaltung, etwa durch unterschiedlich lange Beine oder einen Hüftschiefstand. Steckt das Iliosakralgelenk hinter den Rückenschmerzen, ist der Übeltäter meist schnell gefunden. Schon mit einem Besuch beim Hausarzt hilft hier weiter. Mit gezielten Provokationstests und einem Blick auf die Körperhaltung steht die Diagnose oft schnell fest. Nur in seltenen Fällen verbirgt sich eine ernste Erkrankung dahinter. Die Schmerzen am blockierten Gelenk sind zwar sehr unangenehm, dauern aber in den meisten Fällen nur wenige Tage, sofern die Ursache frühzeitig erkannt wird. Je länger die Beschwerden anhalten, umso schwieriger wird es jedoch, sie wieder loszuwerden. Dann können sie zu einer Schonhaltung führen, was die Symptome noch zusätzlich verschlimmert: Die Muskeln werden noch verspannter und die Schmerzen nehmen zu. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, der am besten mit Bewegung durchbrochen werden kann. So löst sich die Blockade bei bestimmten Übungen spontan von selbst. Ist das nicht der Fall, kann ein Physiotherapeut oder Osteopath helfen. Mit gezielten Handgriffen der Manualtherapie kann er die Blockaden lösen und das Gelenk wieder einrenken. Da der untere Rücken nur wenig durchblutet wird, helfen Schmerztabletten hier kaum. Dauern die Beschwerden mehrere Tage an, können Schmerzspritzen vom Arzt Linderung verschaffen.

So wird das Iliosakralgelenk wieder beweglich

Durch zu langes Sitzen in einer Position, statische, einseitige Bewegungen oder schweres Heben verspannen die Muskeln. Da das Iliosakralgelenk selbst eher unbeweglich ist, reagiert es besonders häufig auf Überanstrengungen. Es wehrt sich dagegen, indem es blockiert. Folgende Übungen helfen, diese Blockaden wieder zu lösen:

Eine Pysiotherapeutin zeigt einer Patientin an einem Wirbelsäulenmodell den Beckenbereich.
Bildrechte: IMAGO

Wirbelsäule drehen: Mit dem Rücken auf den Teppich oder das Bett legen. Beide Arme seitlich ausstrecken. Den Kopf zur rechten Seite drehen. Dann die Beine mit den Füßen auf dem Boden aufstellen und langsam zur linken Seite absinken lassen. Etwa eine halbe Minute halten. Es zieht im unteren Rücken, der Schmerz sollte aber auszuhalten sein. Anschließend Kopf und Beine jeweils in die andere Richtung bewegen.

Katzenbuckel: Im Vierfüßlerstand, also mit beiden Händen und Knien, auf den Boden stellen. Den Rücken wie bei einem Katzenbuckel kräftig nach oben drücken, das Kinn dabei an die Brust ziehen. Die Stellung für einige Momente halten. Anschließend den Rücken absinken lassen, nach unten so tief wie möglich ins Hohlkreuz gehen, den Kopf nach oben strecken. Diesen Wechsel mehrere Male wiederholen.

Treppen steigen: Im Wechsel mit dem linken und rechten Bein die Stufen einer Treppe hoch steigen. Dabei das Knie so hoch wie möglich anheben.

Wärme löst die Verspannungen

Rotlichtlampe
Bildrechte: IMAGO

Da ein blockiertes Gelenk häufig von verspannten Muskeln begleitet wird, hilft Wärme. Ob Wärmflasche, Rotlichtlampe oder heiße Badewanne: Die wohlige Temperatur erweitert die Gefäße, regt die Durchblutung an und entspannt. Die Muskeln lockern sich, der Schmerz lässt nach. Auch rezeptfreie Cremes oder Wärmepflaster aus der Apotheke mit dem Wirkstoff Capsaicin fördern die Durchblutung und können die Beschwerden lindern.

CT-gesteuerte Schmerztherapie

Reichen Wärme und Bewegung allein nicht aus, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen, bleibt noch die sogenannte Infiltration. Sie kommt vor allem bei Arthrosepatienten mit chronischen Schmerzen zum Einsatz. Dabei werden unter Sichtkontrolle mittels eines Computertomografen Kortison und ein Schmerzmittel lokal in das Gelenk gespritzt. Damit werden gereizte Schmerzrezeptoren gezielt ausgeschaltet. Der Effekt tritt relativ schnell nach der Behandlung ein. Es wird mit drei bis vier Spritzen im Abstand von einer Woche behandelt.

Letztes Mittel: Denervierung

Helfen alle konservativen Maßnahmen nicht, wird die Schmerzweiterleitung der Nerven unterbrochen. Dazu wird eine Sonde unter örtlicher Betäubung zum gereizten Nerv geführt. Bei der Denervierung, wie das Verfahren medizinisch genannt wird, wird der Nerv durch Hitze verödet und so daran gehindert, weiter Schmerzsignale auszusenden. Die so erreichte Linderung hält bis zu einem Jahr an.

Über dieses Thema berichtet "Hauptsache Gesund" in der Sendung vom 27.04.2017, 21:00 Uhr, im MDR FERNSEHEN.

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2017, 10:01 Uhr

Ein Arzt umfasst den Kopf eines auf dem Rücken liegenden Patienten.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Arzt tastet einer auf einer Unteruschungsliege sitzenden Frau das Becken ab.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Siegmund Jähn
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK