Prof. Joachim Beige
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hauptsache Gesund | 04.05.2017 | 21:00 Uhr Ein Schrittmacher gegen Bluthochdruck

Interview mit Internist Professor Dr. med. Joachim Beige

Das Klinikum St. Georg in Leipzig ist seit Jahren an der wissenschaftlichen Weiterentwicklung des Schrittmachers gegen Bluthochdruck beteiligt und gilt als europäisches Ausbildungszentrum auf diesem Gebiet. Im Interview erklärt der Internist Professor Dr. med. Joachim Beige die Vor- und Nachteile der Methode.

Prof. Joachim Beige
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Ein Schrittmacher wird nur sehr selten gegen Bluthochdruck eingesetzt. Wie viele Patienten haben bei Ihnen an der Klinik bisher einen bekommen?

Das stimmt, nur ein kleiner Teil der Kandidaten geht tatsächlich mit einem Schrittmacher nach Hause. Wir haben für die ca. 40 Patienten, denen wir einen Schrittmacher implantiert haben, etwa 200 Patienten vorher gesehen. Da waren einige Patienten dabei, die ihre Tabletten gar nicht oder unvollständig schlucken. Die dann, wenn sie diese einnehmen, sogar gefährliche Blutdruckabfälle hatten. Wir finden bei vielen Patienten auch andere Ursachen, die wir anderweitig behandeln können.

Für wen kommt der Schrittmacher dann wirklich in Frage?

Wir orientieren uns an der Definition der Fachgesellschaften für Hypertonie und sind sogar noch etwas strenger. Wir implantieren Patienten, die mindestens einen Blutdruck von 160/90 haben und die bereits drei Medikamente ausdosiert sicher einnehmen. Ein zusätzliches Argument für die Implantation sind bereits vorliegende Organschäden, wie zum Beispiel ein Schlaganfall oder eine Herzvergrößerung. Nur, wenn diese Risikoerhöhung vorliegt, raten wir dazu den Schrittmacher einzusetzen.

Wie funktioniert der Schrittmacher?

Der Schrittmacher reizt den körpereigenen Blutdruckregler an der Halsschlagader,  das "Glomus caroticum" mit den Barozeptoren. Dort wird eine Elektrode implantiert, die mit einem Schrittmacheraggregat stimuliert wird. Der Schrittmacher überlistet somit den Körper, indem er ihm vorgaukelt, der Blutdruck wäre noch höher als er ohnehin ist. Daraufhin schaltet der Organismus Maßnahmen zur Blutdrucksenkung ein, vor allem Gefäßerweiterung und langsamere Herzarbeit. Und dadurch sinkt der Blutdruck tatsächlich.

Wie schwierig ist der Eingriff?

Der Eingriff ist ungefährlich, weil das Blutgefäß nicht eröffnet werden muss. Es ist aber eine technisch anspruchsvolle Operation, weil man diesen Blutdruckmesspunkt genau finden muss. Das braucht Erfahrung. Während der OP wird auch getestet, ob man die Elektrode genau platziert hat. Deswegen dauert der Eingriff auch 90 bis 120 Minuten.

Welche Erfolgsrate hat die OP?

Wir haben bei unseren Patienten eine durchschnittliche Blutdrucksenkung von systolisch rund 40 mmHg. Die Ansprechrate liegt zwischen 80 bis 85 Prozent. Das heißt, auch bei uns gibt es einige Patienten, die unzureichend ansprechen. Die Ursachen sind schwierig zu beurteilen, weil zu uns auch Patienten mit einem Blutdruck von 250 mmHg kommen. Die haben nach der Operation einen Blutdruck von 210 mmHg, das heißt, sie haben schon eine Senkung. Trotzdem ist natürlich jeder mit einem solch hohen Blutdruck unzufrieden, der Patient und auch der behandelnde Arzt.

Wird der Schrittmacher individuell auf die Patienten eingestellt?

Im Prinzip sendet der Schrittmacher einen dauerhaften Stromimpuls. Aber dieser kann auch auf den jeweiligen Patienten und in unterschiedlichen Zeitperioden programmiert werden. Manche Patienten haben ja unterschiedliche Blutdruckverläufe über Tag und Nacht.

Wird der Eingriff von den Krankenkassen gezahlt?

Der Eingriff wird in Deutschland von den Kassen als sogenanntes Sonderentgelt bezahlt – bei der richtigen Indikation und in dafür geeigneten Kliniken. Man muss als Klinik dafür ein paar Bedingungen nachweisen, die vorher der Krankenkasse darlegen, dass man das kann. Dann kann das als Regeleingriff in begrenzten Mengen abgerechnet werden.

Das Interview führte Jana Olsen.


Über dieses Thema berichtet "Hauptsache Gesund"
in der Sendung vom 04.05.2017, 21:00 Uhr, im MDR FERNSEHEN.

Zuletzt aktualisiert: 05. Mai 2017, 11:26 Uhr