Eine Frau kratzt sich am Arm.
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Hauptsache Gesund | 09.11.2017 | 21:00 Uhr Juckreiz: Das unterschätzte Warnsignal

Juckreiz ist mehr als eine lästige Erscheinung, die es schnell zu unterdrücken gilt. Er kann auch Zeichen einer inneren Erkrankung sein. Doch der Ursache auf den Grund zu gehen, gelingt selbst Fachärzten oft nicht.

von Matthias Toying

Eine Frau kratzt sich am Arm.
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Bei Heike Heidenreich beginnt es ganz unvermittelt. Sie sitzt zuhause im Sessel, liest ein Buch, als sie ein Kribbeln im Fußrücken spürt. Zunächst kratzt sie sich ganz unbewusst. Einmal, zweimal, immer wieder. Schließlich wirft sie einen Blick auf ihren Fuß und erschrickt ein wenig: "Es fing an mit ganz kleinen Bläschen, die entstanden sind am Fußrücken. Und ich habe einfach nur gekratzt. Die Flächen wurden größer. Ich habe halt einfach gedacht, dass es wieder weg geht, aber der Juckreiz wurde unheimlich schlimm." Das Jucken breitet sich aus, zieht am Schienbein hoch. Überall haben sich hässliche Pusteln gebildet. Wo ihre Fingernägel Spuren hinterlassen, sickert Blut und Eiter heraus: "Es war total belastend - auch für die Partnerschaft. Denn man kann sich vorstellen, wenn man sich blutig kratzt, man schämt sich selbst gegenüber dem Partner"

Verzweifelte Spurensuche

Wenn der Juckreiz nicht aufhört, wenden sich Patienten an ihren Hausarzt oder an einen Spezialisten für Hauterkrankungen. Meist verlassen sie die Praxis mit einem Rezept für ein Medikament, das den entzündungshemmenden Wirkstoff Kortison enthält. Er sorgt dafür, dass die Wunden abheilen, der Juckreiz nachlässt. Doch was, wenn es wieder anfängt, sobald die Arznei abgesetzt wird? Manche Patienten wechseln dann den Arzt, in der Hoffnung, ein anderer könne ihnen besser helfen: "Wir haben Fälle, bei denen Menschen eine verzweifelte Odyssee hinter sich haben, von Praxis zu Praxis gelaufen sind, ohne dass sich ihr Leiden wesentlich gebessert hat," berichtet Silke Herold, Chefärztin des Fachkrankenhauses für Dermatologie Schloss Friedensburg in Thüringen. Und weiter führt sie aus: "Die Therapien versuchen oft, Entzündungen zu stoppen, ohne zu ermitteln, was diese Entzündungen ausgelöst hat." Der Grund dafür sei in unserem Gesundheitssystem zu suchen, das den Ärzten keine Möglichkeit lasse, ausreichend Zeit für jeden einzelnen Patienten aufzuwenden. Aber auch die Patienten selbst seien oft ungeduldig. "Was sie dabei nicht ahnen ist, dass sie schlimmstenfalls eine gefährliche Krankheit verschleppen", warnte die Dermatologin.

Mögliche Ursachen

Haut mit Ausschlag
Nicht immer löst ein Ausschlag oder ein Insektenstich den Juckreiz aus. Bildrechte: IMAGO

Es gibt kaum ein Symptom, das so vielfältige Ursachen haben kann, wie Juckreiz. Typische Hauterkrankungen oder äußerliche Infektionen, wird vermutlich jeder Hautarzt sofort erkennen. Ihr Erscheinungsbild ist mit bloßem Auge sichtbar. Läuse und andere Parasiten hinterlassen Spuren. Sie sind übrigens nicht nur bei Kindern zu finden. Auch Bewohner in Altenpflegeeinrichtungen haben bisweilen unter den kleinen Tierchen zu leiden. Schwieriger ist es, von den äußeren Zeichen auf mögliche innere Erkrankungen zu schließen. Juckreiz ist nicht selten eine Begleiterscheinung von Diabetes. Bestimmte Krebserkrankungen können sich durch ein Jucken der Haut ankündigen. Nieren, Galle und Leber können Juckreiz auslösen, wenn sie nicht einwandfrei funktionieren: "Als erstes müssen wir die Qualität des Juckreizes analysieren", erklärt Silke Herold. "Da ist der Patient sehr gefordert, denn er sollte uns möglichst genau beschreiben, wie sein Juckreiz ist. Juckreiz kann sehr unterschiedlich sein. Der Juckreiz nach dem Sport zum Beispiel, wenn der Schweiß auf der Haut trocknet, das ist ein ganz anderer, als der Juckreiz, der durch Mückenstiche ausgelöst wird, die man immer wieder aufkratzt. Und dieser unterscheidet sich wieder von dem, der von Durchblutungsstörungen verursacht wird." Es gehöre deshalb dazu, geschickt zu fragen und genau zuzuhören. "Wichtig ist auch, wann genau der Juckreiz auftritt", betont die Expertin.

Juckreiz-Ambulanzen

Was die Dermatologen in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben, könnte man einfach gesagt, als das Geheimnis des intensiven Zuhörens bezeichnen. Als erste Klinik in Deutschland, baute die dermatologische Abteilung der Universität in Münster ein spezielles Untersuchungskonzept aus, bei dem Zeit eine große Rolle spielt. Inzwischen findet man sogenannte Kompetenzzentren für Pruritus – wie der medizinische Fachbegriff für Juckreiz lautet - auch in Hamburg, in Heidelberg und an der Charité in Berlin. Große Universitätskliniken, wie die in Dresden und Leipzig, bieten spezielle Sprechstunden an, die nach dem Vorbild von Münster arbeiten. Ihnen allen gemeinsam ist, dass Ärzte verschiedener Fachrichtungen die Fälle. Auch das Fachkrankenhaus Schloss Friedensburg in Thüringen untersucht seine Patienten nach diesem Prinzip: "Wir betrachten den Menschen ganzheitlich, mit allen seinen Organen", beschreibt die Chefärztin ihr Konzept, das in einem Punkt ganz anders ist, als überall sonst. Es wird grundsätzlich ohne Kortison behandelt, das für seine Nebenwirkungen bekannt ist.

Therapie ohne Kortison

"Viele Kollegen können sich nicht vorstellen, dass man auch schwere entzündliche Hauterkrankungen ohne Kortison behandeln kann. Wir erzielen damit aber sehr gute Erfolge. Unsere Stärke ist die innerliche Therapie. Ein Beispiel: Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Nahrungsmittel Juckreiz auslösen können. Deshalb haben wir Ernährungstherapeuten im Team. Wir ermitteln Allergien und sagen den Menschen, was sie essen können, ohne wieder krank zu werden", so die Dermatologin. Deshalb betreibt die Klinik auch eine Lehrküche. Die Klinik steht grundsätzlich allen Patienten zur Verfügung, aber besonders solchen, bei denen eine konventionelle schnelle Therapie nicht mehr funktioniert. Es gibt in Deutschland noch eine zweite Klinik dieser Art, die Spezialklinik Neukirchen in Bayern. Auch hier werden Allergien, Haut- und Umwelterkrankungen anhand eines ganzheitlichen kortison- und bestrahlungsfreien Therapiekonzeptes behandelt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 09. November 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2017, 22:10 Uhr

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