Die Hand eines Patienten liegen auf einer dunklen Matte. Rote Lichtpunkte markieren die Messstellen für eine Lasermessung.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hauptsache Gesund | 12.01.2017 | 21:00 Uhr "Leichenfinger" bei Kältereizen – Was steckt dahinter?

Bei klirrendem Frost leidet fast jeder unter "Eisfüßen" und klammen Fingern. Das ist ganz normal. Bei Kälte konzentriert der Körper die Wärme im Kern. Die Extremitäten werden dann schwächer durchblutet und kühlen eher aus. Doch manche Menschen reagieren besonders heftig auf die Kälte. Sie bekommen anfallsartig weiße Finger, die sich anschließend unter schmerzhaftem Kribbeln blau und rot verfärben. Das normalerweise harmlos. Mitunter kann das jedoch ein Zeichen für eine ernste Erkrankung sein.

Die Hand eines Patienten liegen auf einer dunklen Matte. Rote Lichtpunkte markieren die Messstellen für eine Lasermessung.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Früher nannte man die Beschwerden salopp "Leichenfinger". Bei manchen Menschen führt schon ein kleiner Kältereiz dazu, dass urplötzlich alles Blut aus den Händen zu weichen scheint und die Finger kalkweiß werden. Wenig später wechselt ihre Farbe ins Bläuliche, dann, wenn wieder Blut in die Finger schießt, ins Rote. Begleitet wird das von Schmerzen, Kribbeln, Klopfen oder einem Taubheitsgefühl. "Betroffene haben oft das Gefühl, sie könnten mit ihren Händen nichts mehr festhalten", sagt Dr. Katja Mühlberg, Angiologin und Gefäßexpertin von der Uniklinik Leipzig und unsere Expertin im Studio.

Mediziner fassen diese Beschwerden heute unter dem Begriff "Raynaud-Syndrom" zusammen, benannt nach dem  französischen Mediziner Maurice Raynaud (1834–1881). Wegen des blau-weiß-roten Farbspiels wird auch schon mal von Tricolore-Phänomen gesprochen.

Wen betrifft das – und wann kann es passieren?

Dr. Katja Mühlberg
Dr. Katja Mühlberg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über die Anzahl der Betroffenen gibt es nur Schätzungen. In den USA sollen zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung unter dem Raynaud-Syndrom leiden, in Europa dürften die Zahlen ähnlich aussehen. Frauen haben sehr viel häufiger mit den Beschwerden zu tun als Männer. Und das nicht nur bei Minusgraden vor der Tür.

Was geschieht da in den Fingern?

Die Aufnahme einer Lasermessung zeigt die Durchblutung in der Hand eines Patienten. Dabei ist der Ringfinger besonders dunkel, was auf eine schlechte Durchblutung hinweist.
Anhand einer Lasermessung lässt sich erkennen, wie gut die Hände durchblutet sind. Bei diesem Patienten ist die Durchblutung des Ringfingers nicht ausreichend. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mediziner sprechen bei so einem Anfall von einem "Vasospasmus", einem krampfartigen Verengen der Blutgefäße in den Händen. Diese Blutgefäße haben in ihren Wänden Muskeln, über die sich die Gefäße eng oder weit stellen lassen. Diese Muskeln werden durch Nerven gesteuert. Das geschieht unbewusst. Der Sympathikus-Nerv sorgt dabei für eine Verengung der Gefäße bei Kälte. Offenbar liegt bei Raynaud-Patienten eine Überreaktion unseres unbewussten Nervensystems vor, mit dem Sympathikus-Nerv als Hauptverantwortlichem.

Womit kann ein Raynaud-Syndrom zusammenhängen?

Junger Mann blickt mit verzerrtem Gesicht auf Zigarette in seiner Hand
Durch Rauchen kann sich die Durchblutung erheblich verschlechtern. Bildrechte: Colourbox.de

Mediziner unterscheiden zwischen dem primären und dem sekundären Raynaud-Syndrom. "Primär" bedeutet: das Krankheitsbild steht für sich und ist nicht mit einer anderen Erkrankung verknüpft. "Sekundär" heißt – es gibt eine andere Grunderkrankung, als deren Folge das Raynaud-Syndrom auftritt. Das kann eine Durchblutungsstörung sein, es kann an Medikamenten wie Blutdrucksenkern liegen, manchmal kann die Ursache auch berufsbedingt sein, beispielsweise Arbeiten mit vibrierenden Geräten wie dem Presslufthammer. Der häufigsten Gründe jedoch sind ein zu niedriger Blutdruck und das Rauchen. Insbesondere die Zigarette zur Tasse Kaffee kann zu erheblichen Beeinträchtigungen des Blutflusses führen.

Schließlich kommen noch Autoimmunerkrankungen infrage, insbesondere Lupus erythematodes (die sogenannte "Schmetterlingsflechte")  oder eine Sklerodermie. Deshalb sollte die Ursache der kältestarren Hände unbedingt ärztlich abgeklärt werden.

Wie kann geholfen werden?

Bei einem primären Raynaud-Syndrom, hinter dem sich also keine andere Erkrankung versteckt, gibt es leider keine große Auswahl an Behandlungsmöglichkeiten. Mitunter kann medikamentös eine Verbesserung der Durchblutung erreicht werden. Die Ärztin wird meist raten, Kälte- aber auch Nässereiz zu meiden und sich gut vor der Witterung zu schützen. Helfen können durchblutungsfördernde Massagen, Bewegung sowie Wasseranwendungen, die mit Kälte- und Wärmereizen arbeiten und damit das Verengen und Erweitern der Gefäße trainieren.

OP – nur im Extremfall!

Bei Menschen, die durch das Raynaud-Syndrom besonders schwer belastet sind bzw. bei denen dadurch bereits ernste Gewebeschäden in den Fingern eingetreten sind, ist prinzipiell auch ein operativer Eingriff möglich. Bei der sogenannten Sympathektomie werden Anteile des verantwortlichen Sympathikus-Nerven lokal durchtrennt. Darauf zielt auch die Sympathikolyse, hier lähmen die Ärzte den Nerv mit einer Injektion. Zu diesen Eingriffen wird aber nur im Extremfall geraten, weil sie mit dem Risiko starker Nebenwirklungen verbunden sind.

Raynaud-Syndrom und Autoimmunerkrankungen

Krampfartig steife, kalkweiße Finger – hinter solchen Beschwerden kann sich eine ernste Autoimmunerkrankung verbergen. Eine davon ist die Sklerodermie. Dieser Begriff ist eine Kombination aus den griechischen Wörtern "skleros" für "hart" und "derma" für "Haut". Die systemische Sklerodermie ist eine entzündliche Erkrankung, die zunächst die kleinen Blutgefäße angreift. Zusätzlich bildet der Körper vermehrt Bindegewebsfasern und baut diese kaum wieder ab. Das führt zu einer Verhärtung des Bindegewebes nicht nur in den Händen und in der Haut, sondern im ganzen Körper. Man nennt die Erkrankung auch eine "Kollagenose". Besonders schwere Verläufe gibt es, wenn innere Organe betroffen und in ihrer Funktion eingeschränkt sind, etwa Herz, Lunge, Nieren und Verdauungstrakt. Das kann lebensgefährlich werden. Ein bestehendes Raynaud-Syndrom gilt als wichtiger Hinweis auf eine Sklerodermie, vor allem dann, wenn noch andere Krankheitszeichen hinzukommen: kleine, schlecht heilende Verletzungen der Fingerkuppen, zunehmend derbe Haut, Verfärbungen an den Händen.

Kalte Hände, kalte Füße – Was hilft? Kleidung nach dem Zwiebelprinzip: mehrere Schichten wärmen besser wegen zusätzlich wärmender Luftschichten. Fäustlinge sind besser als Fingerhandschuhe. Auch auf Pulswärmer schwören manche.

Taschenwärmer (Gelpäckchen mit Metallstreifen), "selbstheizende" Schuheinlegesohlen, elektrisch beheizbare Kleidung (Strümpfe, Handschuhe, Einlegesohlen)

Bewegung: rhythmisches Bewegen der Finger mit einem Grip-Ball oder ähnlichen Trai-ningsgeräten. Auch Stricken ist super!

Eventuell: wärmende Salben mit Kampfer, Cineol (aus Eukalyptus) oder Terpentinöls (aus Strandkiefer)

Langfristig: Gefäßtraining mit wechselwarmen Hand- und Fußbädern. Zum Abschluss immer kaltes Wasser. Auch Sauna und Ausdauersport sind zu empfehlen.

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2017, 10:42 Uhr