Eine 3D-Grafik stellt Aktivitäten im menschlichen Kopf dar.
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Hauptsache Gesund | 12.10.2017 | 21:00 Uhr Krieg im Kopf: Hilfe gegen Kopfschmerzen

Plötzlich auftretende, extrem starke oder aber auch ganz regelmäßig wiederkehrende Kopfschmerzen sind ein Fall für den Arzt. Er muss abklären, ob der Kopfschmerz infolge einer anderen Krankheit auftritt oder selbst eine Erkrankung ist. In Deutschland gibt es inzwischen eine Reihe zertifizierter Kopfschmerzzentren, an die sich Patienten mit chronischen Schmerzattacken auch direkt wenden können.

von Matthias Toying

Eine 3D-Grafik stellt Aktivitäten im menschlichen Kopf dar.
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Nicole Schillinger arbeitet in Freiburg im Breisgau in einer Apotheke und berät Patienten. Bei ihrer Arbeit muss sie hochkonzentriert sein. Morgens aber ist sie fast immer unausgeschlafen, denn in der Nacht überfällt sie fast immer zur gleichen Zeit ein unerträglicher Schmerz. "Er reißt mich aus dem Tiefschlaf, beginnt an einer Stelle über dem Auge zu bohren wie ein Messer, das im Kopf gedreht wird, und breitet sich dann über die ganze Gesichtshälfte aus", erzählt sie. Auf einer Skala von eins bis zehn liege dieser Schmerz bei zehn. Er sei so unerträglich, dass es schon Momente gegeben habe, an denen sie am liebsten vom Balkon gesprungen wäre.

"Selbstmordkopfschmerz"

Junge Frau mit Kopfschmerzen
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Nicole Schillinger leidet unter sogenannten Clusterkopfschmerzen. Der Name "Cluster" leitet sich aus dem Englischen ab und bedeutet "Bündel" oder "Ballung". Das beschreibt, wie die Schmerzen auftreten: geballt und immer in heftigen Attacken, die sich über einen Zeitraum von Wochen oder Monaten verteilen. Sie können dann für eine Weile verschwinden, kehren aber irgendwann wieder mit ganzer Wucht zurück, meist im Herbst und im Frühjahr. Die Ursachen sind noch nicht hinreichend erforscht. Mediziner vermuten aber eine Störung im Hypothalamus, also der Gehirnstruktur, die als Zeitgeber des Menschen gilt und zum Beispiel der Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Das würde erklären, warum Clusterkopfschmerzen typischerweise zu festen Zeiten auftreten, wie im Falle von Nicole Schillinger in der Nacht.

Zu wenig bekannt

Im Umfeld der Betroffenen kann man zunächst oft nicht glauben, dass ein Schmerz so überwältigend sein kann, dass jemand nicht mehr in der Lage ist, am Leben teilzunehmen, geschweige denn zu arbeiten. Erst durch die Öffentlichkeitsarbeit der bundesweit organisierten Clusterkopfschmerz-Selbsthilfegruppen und weniger spezialisierter Ärzte, wird diese Erkrankung allmählich bekannt und ernstgenommen. Die Behandlung aber lässt noch immer zu wünschen übrig.

Ein Mann sitzt nach vorn gebeugt auf einer Parkbank. Seit Kopf ist auf die Hände gestützt.
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Mathias Mannhardt lebt in Eisenach und musste seinen ursprünglichen Beruf als Qualitätsprüfer in der Metallindustrie wegen seiner Kopfschmerzen aufgeben. Bei ihm kommen die Schmerzattacken inzwischen sogar täglich. Als sie vor etwa zehn Jahren begannen, ging er zunächst zu seiner Hausärztin. Sie schickte ihn zum Neurologen, der ihm riet, er solle die stärksten Kopfschmerzmittel nehmen, die es in der Apotheke gibt. "Also habe ich mir frei verkäufliche Schmerzmittel gekauft. Bis zu 15 Tabletten hab ich pro Tag genommen. Aber es half kaum", erinnert sich der Thüringer.

Kompetenzzentren

"In Bezug auf die Schmerztherapie ist Deutschland noch ein Entwicklungsland", meint Prof. Hartmut Göbel, Gründer des weltweit ersten Clusterkopfschmerz-Kompetenzzentrums in Kiel. "Die medizinische Ausbildung über Kopfschmerz ist mangelhaft und müsste dringend reformiert werden", ist seine Überzeugung. Zwar hätten sich inzwischen noch andere neurologische Kliniken auf Kopfschmerz spezialisiert, aber man könne sie noch an zwei Händen abzählen.

Eine der Kliniken ist das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum in Jena. Als Mathias Mannhardt dort anrief und seine Schmerzen schilderte, wollte man ihn direkt einbestellen. "So etwas kannte ich gar nicht. Normalerweise wartet man bei einem Spezialisten mehrere Monate, bis man einen Termin bekommt", schildert er seine Verwunderung. Dr. Peter Storch, der das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum leitet, erklärt, warum Patienten zeitnah kommen sollten: "Patienten mit Clusterkopfschmerz können sich bei uns noch am gleichen Tag, spätestens am übernächsten Tag vorstellen, denn bei dieser Art Kopfschmerz kommt die Episode schnell. Mitunter kann es passieren, dass man beim Facharzt einen Termin bekommt, wenn die Episode schon wieder vorbei ist." Deshalb sei es sinnvoll, sich direkt an ein Kopfschmerzzentrum zu wenden. Das rät er auch jenen Betroffenen, die in Gegenden wohnen, in denen es überhaupt keinen niedergelassenen Neurologen oder Schmerztherapeuten gibt. Mathias Mannhardt erhält konzentrierten Sauerstoff zur Linderung seiner Attacken und kann an einer klinischen Studie teilnehmen. Dabei erhält er ein Präparat, das wirkt, bevor der Schmerz eintritt und das bereits zur Behandlung von Migräne getestet wurde.

"Schraubstockkopfschmerz"

Denn quälende Schmerzen verursacht auch die Migräne: Der Kopf pocht und pulsiert. Manche Betroffene schildern einen Schmerz, der sich anfühlt, als würde ihr Kopf in einen Schraubstock eingespannt. Hinzukommen Begleiterscheinungen wie Schwindel oder Übelkeit.

Frau hält sich ihren Kopf.
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Diese Art der Kopfschmerzerkrankung betrifft vor allem Frauen. "Wir vermuten, das Hormone dafür die Auslöser sind", erklärt Dr. Peter Storch vom Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum in Jena. "Es gibt einige Hinweise darauf: Bei Eintritt der Wechseljahre wird Migräne seltener. Bei Kindern bis zur Pubertät ist Migräne unter Jungen und Mädchen gleich verteilt. Danach aber sind die jungen Frauen stärker betroffen."

Im Vergleich zu Clusterkopfschmerz ist Migräne viel häufiger. Sie ist auch bekannter und wird daher eher als ernsthafte Erkrankung akzeptiert. Wie sie behandelt wird, beschreibt Dr. Peter Storch so: "Wir nennen es einen multimodalen Ansatz. Zunächst stellen wir eine Reihe von Diagnosen mit Hilfe von MRT und Ultraschall, führen neurologische Untersuchungen durch wie das Abklopfen von Reflexen. Damit schließen wir aus, dass es sich um eine andere Erkrankung im Hirnbereich handelt. Danach arbeiten Neurologen, Schmerztherapeuten und Psychologen eng zusammen. Die Patienten erlernen eine Reihe von Entspannungstechniken, machen Physiotherapie, Ausdauersport, Psychotherapie. Denn Migräne kann durch nichtmedikamentöse Verfahren, durch Entspannung sehr wohl gelindert werden."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 12. Oktober 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 23:13 Uhr