Grafische Darstellung eines Schlaganfalls
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Hauptsache Gesund | 19.01.2017 | 21:00 Uhr Notfall Schlaganfall – Zeit ist Hirn

Wenn über medizinische Notfälle gesprochen wird, denken viele zuerst an die Folgen eines Unfalls, an Wunden und Brüche. Viele Patienten kommen aber wegen eines sogenannten internistischen Notfalls in die Rettungsstellen. Ganz vorn dabei sind akute Erkrankungen von Herz und Kreislauf und – der Schlaganfall. Jedes Jahr erleiden 270.000 Menschen einen Schlaganfall, die meisten infolge eines Durchblutungsmangels. Um schlimme Folgen zu verhindern, kommt es dann vor allem auf einen Faktor an: Zeit.

Grafische Darstellung eines Schlaganfalls
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Bei der häufigsten Form des Schlaganfalls ist die Blutversorgung im Gehirn so gestört, dass nicht mehr genug Sauerstoff an unsere "grauen Zellen" gelangt. Doch warum ist rasches Handeln jetzt so wichtig? Prof. Dr. Michael Görtler, unser Experte im Studio: "Kein anderes Organ unseres Körpers reagiert so empfindlich auf Sauerstoffmangel wie das Gehirn. Schon nach wenigen Sekunden beginnt es, seine Funktion einzustellen." Spätestens nach vier bis fünf Stunden setzt das Sterben von Gehirnzellen ein. Für die Ärzte bedeutet das: Es gibt nur ein sehr kleines Zeitfenster, in dem sie versuchen müssen, die Durchblutung in der betroffenen Hirnregion wieder herzustellen. Gelingt das nicht, geht Hirngewebe unwiederbringlich verloren. Neurologen bringen das auf die griffige Formel "Zeit ist Hirn".

Was geschieht bei einem Schlaganfall?

Die meisten Schlaganfälle in Europa, zwischen 80 und 85 Prozent, sind Folge der akuten Verstopfung eines Blutgefäßes. Manche Ärzte sprechen dann auch von einem "weißen" Schlaganfall. Das bedeutet: Dort, wo Blut gebraucht wird, kommt kein Blut mehr an. Verantwortlich für solche Verstopfungen sind Blutgerinnsel. Diese können sich entweder in den Blutgefäßen des Gehirns selbst bilden, zum Beispiel infolge einer Arteriosklerose. Oft entstehen die Blutklumpen aber auch an einer anderen Stelle im Körper, vor allem am Herz und an den Halsschlagadern. Von dort wandern sie mit dem Blutstrom ins Gehirn und bleiben dann in den sich immer feiner verzweigenden Gehirngefäßen stecken. Seltener ist der "rote Schlaganfall", der infolge einer Gehirnblutung entsteht.

Wie bemerke ich einen Schlaganfall?

Unscharfer Blick auf die Hände zweier an einem Tisch sitzender und gestikulierender Menschen
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Ein Schlaganfall führt sehr rasch zum Ausfall von Gehirnfunktionen. Das nehmen wir als "Ausfälle" wahr. Charakteristisch für einen Schlaganfall sind plötzlich einsetzende, halbseitige Lähmungen oder Gefühlsstörungen wie Taubheit. Häufig treten auch Sprachstörungen auf – der Patient versteht nichts mehr, er kann nicht mehr alles sagen oder spricht undeutlich und verwaschen. Typisch sind auch Sehstörungen – Betroffene sehen nur noch halbseitig oder nehmen Doppelbilder wahr. Außerdem kann auch plötzlich einsetzender Schwindel Zeichen für einen Schlaganfall sein.

Wie wird behandelt?

Ein Notarzt bringt einen Patienten zur Stroke Unit eines Krankenhauses
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Erstes Ziel ist die Wiederherstellung der Sauerstoffversorgung in dem vom Absterben bedrohten Hirngewebe. Dafür muss das durch das Blutgerinnsel blockierte Gefäß wieder freigemacht werden. Zwei Möglichkeiten gibt es. Zum einen die so genannte Thrombolyse. Dabei bekommt der Patient eine Infusion mit einem Mittel, welches das Blutgerinnsel auflösen kann. Diese Methode, seit Mitte der 1990er-Jahre Standard in den Kliniken, eignet sich vor allem für kleinere Gerinnsel. Sie geht allerdings immer mit dem Risiko einher, eine Hirnblutung auszulösen. Die Ärzte müssen gut abwägen, welche Patienten damit behandelt werden können. Die Therapie erfordert besondere Kenntnisse – wie sie typischerweise die Ärzte einer Stroke Unit, einer Spezialstation für Schlaganfallpatienten, besitzen.

In den letzten zwei Jahren hat eine andere Methode an Bedeutung gewonnen, mit der auch größere Gerinnsel entfernt werden können. Sie wird Thrombektomie genannt. Bei diesem Eingriff wird ein Katheter von der Leiste aus durch die Adern bis ins Gehirn an die Stelle der Blockade geschoben. Dann kann das Gerinnsel mit einer Art Korb gegriffen und abgesaugt werden. Welche Patienten von dieser Behandlung profitieren, war lange unklar, da auch diese Therapie mit Risiken einhergeht wie z.B. Gefäßverletzungen durch den Katheter. In welcher Situation und bei welchen Patienten sie einen Nutzen bringt, konnte Anfang 2015 durch mehrere große Studien ermittelt werden. Das war der Durchbruch für die Thrombektomie, durch die, rechtzeitig eingesetzt, auch Patienten mit dem Verschluss einer großen Hirnarterie den Schlaganfall ohne schwere Behinderungen überstehen können. Sie erfordert ein Team von Spezialisten, den Neuroradiologen.

Wie sollten sich Betroffene und Angehörige im Notfall verhalten?

Ein Rettungswagen der Feuerwehr fährt am 17.10.2015 in Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen) mit Blaulicht durch eine Straße.
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Jeder Schlaganfall ist ein Notfall. Deshalb muss immer der Rettungsdienst gerufen werden. Wenn möglich, den Zeitpunkt der ersten Symptome aufschreiben. Günstig für die Ärzte ist es, wenn ein Angehöriger des Betroffenen ständig telefonisch erreichbar bleibt. Für die Behandlung eines Schlaganfalls brauchen die Mediziner sehr viele Informationen, die ihnen der Betroffene in seiner Situation oft nicht geben kann – zum Beispiel, welche Medikamente er nimmt und welche Lebensgewohnheiten und Vorerkrankungen er hat.

Auf keinen Fall sollten Sie darauf setzen, dass sich Schlaganfall-Symptome von selbst zurückbilden und alles vielleicht nicht so schlimm ist. Tatsächlich neigen Betroffene mitunter dazu, die Symptome allzu leicht zu nehmen. Diese falsche Gelassenheit kann allerdings ebenfalls Folge des Schlaganfalls sein – denn dieser betrifft schließlich das Organ, mit dem wir Entscheidungen treffen. Jede Minute des Abwartens senkt die Chancen, vom Absterben bedrohtes Hirngewebe zu retten.

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2017, 10:16 Uhr