Medikamente
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Hauptsache Gesund | 07.09.2017 | 21:00 Uhr Medikamentenabhängigkeit - die Sucht, über die niemand spricht

Wird über Drogen oder Sucht gesprochen, geht es meist um Alkohol oder illegale Rauschmittel. Fast zwei Millionen Deutsche sind abhängig von Medikamenten. Vermeintlich harmlose Arzneimittel können hier der Einstieg sein.

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Bis zu 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind medikamentenabhängig. Der Großteil von ihnen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln; ihr Anteil beträgt ungefähr eine Million. Besonders häufig sind Probleme mit Medikamentensucht unter Frauen und älteren Menschen. Männer, vor allem jüngere, greifen offenbar häufiger zum Alkohol.

Vielen Betroffenen ist gar nicht bewusst, dass sie ohne bestimmte Medikamente nicht mehr auskommen. Erst wenn sich bei einem Absetzen der Arzneien Entzugserscheinungen zeigen, wird die Abhängigkeit offensichtlich. Unser Studiogast Dr. Johannes Lutz, Experte für die Behandlung chronischer Schmerzen an der Zentralklinik Bad Berka erklärt, "Warnzeichen kann sein, wenn man bei einem Medikament, das man lange einnimmt, immer mehr Nebenwirkungen bei immer weniger Wirkung spürt. Viele bemerken aber erst, dass es ein Problem gibt, wenn ihr ganzes System wackelt und sie im Alltag nicht mehr richtig funktionieren."

Wo beginnt Abhängigkeit?

Nicht immer sind es Schlaf- und Beruhigungsmittel, Schmerzmittel oder Amphetamine, mit dafür bekannten Wirkstoffen, die in eine Abhängigkeit führen. Vier bis fünf Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel besitzen das Potenzial, abhängig zu machen. Häufig wird das bei der Verschreibung nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei handelt es sich bei weitem nicht nur um klassische Schlaf- und Beruhigungsmittel. Auch an Nasenspray oder Abführmittel kann sich der Körper so gewöhnen, dass er ohne diese Arzneien nicht mehr auskommt.

Laut aktuellem Drogen- und Suchtbericht 2017 spielen folgende Wirkstoffe beim Problem Anhängigkeit die größte Rolle: Benzodiazepine: gehören zur Gruppe der Schlaf- und Beruhigungsmittel und werden bei Schlafstörungen, Anspannungs- und Unruhezuständen verordnet. Sie wirken aber auch angstlösend, was ihr Potenzial als Suchtmittel erklärt.

Z-Substanzen: Wirkstoffe, die zur Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt werden. Darunter fallen Medikamente wie Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon – der gemeinsame Anfangsbuchstabe erklärt den Dachbegriff „Z-Substanzen“. Anfangs wurde angenommen, dass diese Mittel nicht abhängig machen würden. Dies ist aber inzwischen widerlegt.

Opioid-Analgetika: hochwirksame Schmerzmittel. Sie wirken darüber hinaus aber auch dämpfend, beruhigend und mitunter euphorisierend. Laut Drogen- und Suchtbericht bergen sie ein „besonders hohes Abhängigkeitsrisiko“.

Amphetamine: werden zum Beispiel zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen eingesetzt. Sie gelten als konzentrations- und leistungsfördernd. Ihre Einnahme ist besonders unter jüngeren Menschen verbreitet, die damit den Anforderungen von Studium oder Beruf besser gerecht zu werden hoffen. Oft ist hier die Rede von „Alltags-Doping“.

Was sind Anzeichen einer Abhängigkeit?

Um den Grad einer Abhängigkeit einzuschätzen, setzen Mediziner auf Kriterien, die im so genannten DSM-5-Leitfaden festgehalten sind. Das ist ein international gültiges Klassifikationssystem der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft. Auf eine Medikamentenabhängigkeit weisen folgende Punkte hin:

  • wiederholter Konsum, sodass wichtige Verpflichtungen in der Arbeit, in der Schule oder zu Hause vernachlässigt werden.
  • wiederholter Konsum in Situationen, in denen es auf Grund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann.
  • wiederholter Konsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme.
  • Toleranzentwicklung, gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte Wirkung.
  • Entzugssymptome oder Substanzkonsum, um Entzugssymptome zu vermeiden.
  • längerer Konsum oder in größerer Menge als geplant (Kontrollverlust).
  • anhaltender Kontrollwunsch oder erfolglose Versuche der Kontrolle.
  • hoher Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von der Wirkung des Konsums zu erholen.
  • Aufgabe oder Reduzierung von Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums.
  • fortgesetzter Gebrauch, obwohl körperliche oder psychische Probleme bekannt sind.
  • starkes Verlangen oder Drang, die Substanz zu konsumieren (Craving).

Treffen mindestens vier dieser Symptome zu, ist von einer "schweren Substanzmissbrauchsstörung", also einer Medikamentensucht, auszugehen.

Missbrauch, Abhängigkeit, Sucht – wo liegen die Unterschiede?

Ein Schüler vor einer leeren Tafel
Medikamentensucht ist längst nicht nur ein Thema von betroffenen Erwachsenen. Bildrechte: IMAGO

Von einem Missbrauch wird klassischerweise gesprochen, wenn ein Arzneimittel ohne medizinischen Grund oder nicht bestimmungsgemäß, also zu einem anderen Zweck als zur Behandlung einer Erkrankung, eingesetzt wird. Solch ein Missbrauch führt aber nicht unbedingt zu einer Abhängigkeit. Diese entsteht, wenn der Körper ohne die ständige Gabe eines Medikaments nicht mehr auskommt. Von einer Sucht sprechen viele Experten, wenn noch die psychische Komponente dazukommt, also das Verlangen danach, sich das Medikament zu beschaffen und wieder und wieder einzunehmen.

In aktuellen Veröffentlichungen treffen die Experten andere begriffliche Unterscheidungen. Hier ist jetzt die Rede von "moderater" und "schwerer Substanzgebrauchsstörung". Die Einordnung hängt davon ab, wie oft im Jahr ein Patient durch die Einnahme von Medikamenten zum Beispiel wichtige Verpflichtungen in der Schule oder auf der Arbeit vernachlässigt oder ob es dadurch zu zwischenmenschlichen Problemen kommt. Entscheidend ist unter anderem außerdem, ob es schon zu Entzugssymptomen oder einem Kontrollverlust kommt.

Die 4-K-Regel Um die Gefahr von Abhängigkeiten zu mindern, sollten Medikamente immer nach folgender einfachen Faustregel eingenommen werden. Man spricht von der 4-K-Regel, weil die Stichwörter jeweils mit dem Buchstaben „K“ beginnen.

Klare Indikation. Ein Arzneimittel sollte nur bei klarem Grund der medikamentösen Therapie und mit einer Aufklärung über ein möglicherweise bestehendes Abhängigkeitspotential verordnet werden.

Korrekte Dosierung. Nach Möglichkeit sollten kleinste Packungsgrößen verschrieben werden. Die Dosierung sollte so gewählt werden, wie es für die zu behandelnde Krankheit angezeigt ist.

Kurze Anwendung. Arzt und Patient sollten vorab die Dauer der Behandlung vereinbaren. Nach dem Ablauf dieses Zeitraums sollte sorgfältig überprüft werden, wie die Weiterbehandlung erfolgt.

Kein schlagartiges Absetzen. Immer mit dem Arzt besprechen!

Quelle: Drogen- und Suchtbericht 2017 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung

Wo gibt es Hilfe?

Ärzte in Fachkliniken betreuen Patienten, die von ihrer Sucht loskommen wollen, mit verschiedenen Maßnahmen auf diesem Weg. Wichtiges Therapieziel: die Patienten sollen dazu ermutigt werden, wieder Selbstverantwortung zu übernehmen und Kraft gegen die Sucht zu finden. Dazu gehört es, Wege zu finden, sich selbst besser wahrzunehmen und zu erkennen, wie man von anderen wahrgenommen wird. Die Klinik leistet aber auch praktische Hilfe, wenn es darum geht, die Lebensumstände zu verändern, die immer wieder zu Rückfällen führen. Etwa einen Beruf aufzugeben, bei dem man immer wieder in Kontakt mit Medikamenten kommt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 07. September 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017, 10:05 Uhr