Eine Holzfigur liegt zugedeckt in einem Bett.
Bildrechte: IMAGO

Hauptsache Gesund | 27.10.2016 | 21:00 Uhr Narkolepsie: Wenn der Schlaf zur Sucht wird

Eine Holzfigur liegt zugedeckt in einem Bett.
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Sarah Zessin hat Narkolepsie. Wir besuchen die 23-Jährige mit einem Kamerateam in ihrer Wohnung. Plötzlich bricht sie zusammen, für uns völlig ohne Vorwarnung. Schlagartig wird uns bewusst, was Narkolepsie heißt: Sie ist schlafsüchtig! Ihr Alltag ist ein einziger Kampf, den sie häufig verliert. "Es ist wie ein Schlafdrang, dem man sich nicht entziehen kann", sagt sie, nachdem sie sich wieder aufgerappelt hat. "So wie abends, wenn man sehr lang unterwegs gewesen wäre und sich gerade noch ins Bett schleppt."

Tabletten gegen den Schlafdrang

Sarah muss schon zum Frühstück Tabletten nehmen, die sie wachhalten sollen. Vier Stunden lang hat sie dann etwas Klarheit, bevor sie wieder unaufhaltsam müde wird. Immer an ihrer Seite: Assistenzhund Mia, die darauf trainiert ist, Sarah vor Schäden zu bewahren.

Gefährliches Muskelversagen

Plötzlich werden wir Zeuge eines gefährlichen Symptoms der Narkolepsie: Sarah bekommt eine Kataplexie. Ihre Muskeln versagen völlig den Dienst. Sie sackt in sich zusammen und fällt hin. Für einige Momente ist sie wie gelähmt. Mia versucht  zu helfen, schleckt ihr das Gesicht ab, gibt dem Gehirn Reize. Doch es dauert etwas, bis die Muskeln Sarah wieder gehorchen. "Man fällt zusammen, als würde man einer Marionette die Fäden wegschneiden, man bleibt bei vollem Bewusstsein. Man kriegt mit, dass das weh tut, wenn man auf dem Boden aufschlägt. Man bekommt mit, was die Leute sagen."

Ausgelöst werden solche Kataplexien durch Emotionen. Sarah fand lediglich einen Witz des Kameramanns lustig, daraufhin war sie zusammengebrochen. An ruhigen Tagen hat sie ungefähr drei Kataplexien, an besonders schönen oder traurigen Tagen sehr viel mehr.

Albtraumhafte Empfindungen

Ebenso überfallartig bekommt Sarah auch mehrmals täglich albtraumhafte Halluzinationen. Auch sie sind Bestandteil der Narkolepsie. Assistenzhund Mia spürt sie kommen und wird unruhig. Während unseres Besuchs hat Sarah eine sogenannte haptische Halluzination, einen Phantomschmerz. Sie fühlt sich, als würde sie mit nackten Beinen durch einen Dornenstrauch laufen. Nur mit Hilfe ihrer ganzen Familie konnte Sarah eine Ausbildung zur Ergotherapeutin machen. Ihr größter Wunsch wäre, eines Tages mit Hilfe ihres Assistenzhundes auch in ihrem Job arbeiten zu können. Immerhin traut sie sich dank Mia wieder, allein einkaufen zu gehen. So haben die beiden dem Schlaf wieder ein bisschen Normalität abgerungen.


Fragen an Dr. Steffen Schädlich, Schlafmediziner am Martha-Maria-Krankenhaus in Halle

Wie entsteht die Schlafsucht und was passiert im Körper?
"Eine Ursache für die Narkolepsie vermuten Forscher im Hypothalamus. Das ist eine Hirnregion, die den Schlafrhythmus reguliert. Bei Narkoleptikern kommt es zu einem unaufhaltsamen Absterben von Orexin-Zellen, die das Schlaf-Wach-Verhalten beeinflussen."

Sarah Zessin ist eine von ca. 4.000 diagnostizierten Narkoleptikern in Deutschland. Die Dunkelziffer ist aber zehnmal so hoch. Wahrscheinlich gibt es 40.000 Betroffene. Warum ist es so schwer, diese Krankheit zu erkennen?
"Wenn ein Mensch zum Arzt geht und sagt: 'Ich bin immer so schnell müde und ich schlafe immer ein", dann ist doch die erste Reaktion: 'Na dann leg dich doch hin, dann gehe früher ins Bett." Die werden oft nicht ernst genommen."

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2016, 09:37 Uhr