Ein Mann sagt einem anderen etwas ins Ohr
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Hauptsache Gesund | 10.11.2016 | 21:00 Uhr Massenphänomen Schwerhörigkeit

Ein Mann sagt einem anderen etwas ins Ohr
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Rund 15 Millionen Deutsche sind schwerhörig. Doch nur 2,5 Millionen tragen ein Hörgerät. Im Schnitt vergehen sieben Jahre, ehe ein Betroffener sich dazu durchringen kann, zum Hörgeräteakustiker zu gehen und sich ein Hörgerät anpassen zu lassen. Warum ist das so? Offenbar sehen viele Betroffene das Hörgerät als einen Makel, der sie als alt abstempelt. Außerdem haben viele Menschen auch noch die Hörgeräte ihrer eigenen Eltern oder Großeltern vor Augen: relativ klobige, hässliche Apparate, die gut sichtbar hinter den Ohren prangten und ständig piepsten. Mit diesem Abwarten schaden die Betroffenen ihrem Hörvermögen: Es wird immer weniger trainiert und nimmt immer weiter ab.

Schwerhörigkeit führt zu Vereinsamung

Schwerhörigkeit
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Die Betroffenen berauben sich aber auch einer gewissen Lebensqualität. Altersforscher weisen auf den Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und Vereinsamung hin: „Wenn ich schlecht höre, bin ich unsicher in der Kommunikation. Ich weiß nicht, ob derjenige über mich lacht, er ob er über mich spricht – was will er? Ich muss nachfragen, manchmal sogar zwei Mal. Das vermeidet man gewöhnlich. Und plötzlich steht man allein da und erkennt gar nicht, dass die Hauptursache das schlechte Hören ist, sagt Professorin Anke Lesinski-Schiedat.

Schwerhörigkeit begünstigt Demenz

Ein Klebezettel mit dem Schriftzug
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Geriater gehen mittlerweile davon aus, dass Schwerhörige auch ein bis zu vierfacherhöhtes Risiko haben, eine Demenz zu entwickeln oder zumindest kognitive Einbußen hinzunehmen. Denn, sagt Prof. Klaus Hader vom Zentrum für Medizin im Alter in Hannover. das Gehirn bildet Nervenverbindungen aus oder es baut sie zurück – wenn es nicht beansprucht wird. Inzwischen gibt es Studien, dass das Gehirnvolumen bei Leuten mit starker Schwerhörigkeit abnimmt.

Was passiert bei Schwerhörigkeit?

Mediziner unterscheiden zwei Formen von Schwerhörigkeit. Die erste heißt Schallleitungsschwerhörigkeit. Die Ursachen liegen hier im äußeren Bereich des Ohres. Etwa, wenn ein Pfropf aus Ohrenschmalz den Gehörgang verstopft. Oder das Trommelfell beschädigt ist. Das führt jeweils dazu, dass die Schallwellen nicht richtig durchkommen.  

Die zweite Form der Schwerhörigkeit hat ihre Ursache weiter innen im Ohr. Sie heißt Schallempfindungsschwerhörigkeit. Sind beispielsweise die feinen Haarzellen in der Hörschnecke beschädigt, können sie den Schall nicht mehr richtig in elektrische Signale für das Gehirn umwandeln. Solche Schäden können unter anderem durch Lärm entstehen. Auch wenn der Hörnerv selbst angegriffen ist, zum Beispiel durch einen Tumor, können die Schallsignale nicht mehr korrekt weitergeleitet werden. Solche Veränderungen in unserem Ohr lassen sich in der Regel nicht mehr rückgängig machen. Doch sie lassen sich behandeln – mit Hörgeräten.

Welche Hörgeräte gibt es?

Hörgerät
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Bei Hörgeräten gibt es grob gesagt zwei unterschiedliche Varianten: Im-Ohr-Geräte und Hinter-dem-Ohr-Geräte. Beide unterscheiden sich von der Leistung kaum, sagt Hörgeräteakustiker Sebastian Blobel aus Leipzig. Im-Ohr-Geräte haben den Vorteil, dass man sie wirklich fast gar nicht sieht.

Doch auch die modernen Hinter-dem-Ohr-Geräte sind deutlich unauffälliger, schmaler und eleganter als frühere Modelle. Die Verbindung vom Gerät ins Ohr wird meist nur durch einen dünnen Draht hergestellt, der von außen kaum sichtbar ist. Dabei sind die modernen Hörgeräte nicht nur hochpotente Verstärker, sie können auch direkt mit dem Telefon oder dem Fernsehgerät gekoppelt werden, sodass der Ton gleich im Hörgerät ankommt.

 

Viele Betroffene zögern trotzdem, zum Hörgeräteakustiker zu gehen, weil sie sich scheuen, viel Geld für ein Gerät auszugeben, das sie dann vielleicht nicht benutzen. Dabei gibt es Modelle, deren Kosten die Krankenkasse komplett übernimmt und die in jedem Fall auch eine deutliche Hörverbesserung bringen. Zwar sind die Kassengeräte in puncto Bedienkomfort nicht ganz so gut wie die teureren Geräte, doch erfüllen sie in jedem Fall ihren Zweck. Hochwertigere Geräte erfassen beispielsweise die Hörsituation – ob es sich also um eine gesellige Runde handelt oder um ein klassisches Konzert – und passen sich entsprechend an. Bei den Kassenmodellen sind das Dinge, die man noch am Gerät einstellen muss.

Bei der Beratung durch den Hörgeräteakustiker müssen sich die Kunden nicht sofort für ein Gerät entscheiden. In der Regel stellt ihnen das Geschäft drei verschiedene Modelle zur Verfügung, die jeweils ein paar Tage lang ausprobiert werden können, sagt Akustiker Sebastian Blobel aus Leipzig. Erst danach muss sich der Kunde für ein Gerät entscheiden.

Eine neue OP-Methode bei entzündungsbedingter Hörminderung

Häufige Ohrentzündungen, schlechtes Hören oder auch heftige Ohrenschmerzen beim Fliegen oder Tauchen: All das kann seinen Grund in einer zu engen eustachische Röhre (Ohrtrompete oder Tuba auditiva) haben. Das Problem hatte auch Heide-Rose Tandetzky aus Könnern in Sachsen-Anhalt. Dank eines neuen OP-Verfahrens, das eigentlich aus der Herzdiagnostik kommt, konnte ihr geholfen werden.

Die 69-Jährige leidet seit ihrer Kinder an ständigen Ohr-Entzündungen. Da das Mittelohr schlecht belüftet ist, bildet sich darin immer wieder Feuchtigkeit, die weitere Entzündungen begünstigt. Mehrere Operationen am Ohr und zwei Hörgeräte sind die Folge. Schließlich macht ihr Professor Klaus Begall, HNO-Spezialist am Ameos-Klinikum Halberstadt, einen Vorschlag: Mit einem Ballonkatheter könnte ihre Ohrtrompete geweitet und damit eine bessere Belüftung des Innenohrs erreicht werden. Anne-Rose Tandetzky wagt den Eingriff: Unter Vollnarkose führen die Ärzte über die Nase einen Katheter in die Ohrtrompete ein. Dort wird ein winzig kleiner Ballon bei einem Druck von 10 bar mit isotonischer Salzlösung Kochsalzlösung gefüllt und bleibt dort für zwei Minuten liegen. Dadurch wird die Ohr-Tube geweitet. Für die Rentnerin hat diese sogenannte Tubendilatation gleich zwei entscheidende Vorteile: Ihr Mittelohr ist jetzt besser durchlüftet und die chronischen Entzündungen klingen ab. Zugleich hat sich ihr Hörvermögen wieder deutlich verbessert. Warum, das erklärt Professor Begall so: „Immer wenn das Mittelohr nicht richtig belüftet ist, kommt es zu einem gewissen Unterdruck und der bewirkt, dass die Gehörknöchelkette sich nicht frei genug bewegen kann und den Schall nur mit Verlusten überträgt. Ist die Belüftung wieder hergestellt, wird auch der Schall wieder besser übertragen.

Das neue Ballonkatheterverfahren ist für die Ärzte ein echter Fortschritt: Man habe schon vielen Menschen helfen können und die Komplikationsrate sei gering, sagt HNO-Arzt Dr. Jörg Langer aus Halberstadt. Für Heide-Rose Tandetzy ist das Leben durch den Eingriff schöner geworden, denn sie kann Unterhaltungen jetzt wieder viel besser folgen.

Bei Schwerhörigkeit ist frühes Handeln wichtig: Wenn Sie den Verdacht haben, dass sich Ihre Hörleistung vermindert hat, können Sie bei den meisten Hörgeräteakustikern kostenlose Hörtests machen lassen. Unter der Nummer 09001 217221 gibt sogar die Möglichkeit des Hörtests per Telefon.

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2016, 13:41 Uhr