Auge mit TÜV-Plakette
Bildrechte: IMAGO

Hauptsache Gesund | 06.04.2017 | 21:00 Uhr Wenn das Auge altert

Es beginnt schleichend und schmerzfrei. Bis sich erste Symptome einstellen, können Jahrzehnte vergehen. Viele bemerken es erst, wenn sie eine Lesebrille brauchen. Später lässt das Farbsehen nach. Die Welt erscheint immer grauer. Gesichter entgegenkommender Passanten wirken verschwommen, sind schwer zu erkennen. Das alles ist beunruhigend. Aber es ist ein natürlicher Prozess, den früher oder später jeder erlebt.

von Matthias Toying

Auge mit TÜV-Plakette
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"Bestimmte Gewebe im Auge können sich nicht regenerieren", erklärt Augenarzt Dr. med. Frank Rohrwacher, der in seiner Praxis in Leipzig viele ältere Patienten behandelt: "Unser Auge ist von Natur aus nicht dafür gemacht, dass wir 90 Jahre alt werden. Bis die Evolution das ausgleicht, wird mit Sicherheit noch sehr viel Zeit vergehen. Deshalb muss man das medizinisch lösen." An dieser Aufgabe hat die Ophthalmologie, die Medizin des Auges, in den letzten Jahrzehnten verstärkt gearbeitet und damit teilweise auch Erfolg gehabt.

Nebel im Wald
Im Alter kann sich die Augenlinse eintrüben und das Farbsehvermögen nachlassen. Der Blick ist das wie ein Sehen im Nebel. Bildrechte: IMAGO

Die Trübung der Augenlinse ist dafür ein Beispiel. Weit über 90 Prozent der Menschen über 65 Jahre leiden unter dieser Alterserscheinung, schätzt der Berufsverband der Augenärzte. Sie entsteht durch eine Verklumpung bestimmter Eiweißverbindungen und wird im fortgeschrittenen Stadium "Grauer Star" genannt. Normalerweise wird er in lokaler Betäubung, innerhalb von 15 Minuten operiert. Das wäre für die Generation unserer Großeltern noch undenkbar gewesen. Heute sehen die meisten Patienten schon wieder klar und scharf, sobald sie vom OP-Tisch aufstehen: "Die Operation ist sehr sicher", erklärt Prof. Dr. med. Gisbert Richard, ehemaliger Direktor der Augenklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf: "Es ist mit Abstand die häufigste OP in der gesamten Medizin, sowohl in Deutschland als auch weltweit." Bei der Operation werden künstliche Linsen eingesetzt. Sie können sogar eine Brille ersetzen, wenn der Patient das möchte. Bis der Eingriff am Auge aber durchgeführt werden kann, muss die Trübung der Linse ein bestimmtes Stadium erreicht haben. Das dauert oft jahrelang. Es sind Jahre, in denen der Betroffene mit seinen Einschränkungen irgendwie zurechtkommen muss. Nicht selten kommen weitere Funktionsstörungen hinzu. Die altersbedingte Makuladegeneration ist ein Beispiel dafür: Die Betroffenen nehmen dunkle Flecken im Gesichtsfeld wahr und sehen alles unscharf. Es ist ein Leiden, das bislang noch nicht dauerhaft geheilt werden kann.

Im Alltag selbständig bleiben

Ein Augenarzt untersucht eine alte Frau.
Im Alter werden die Augen schlechter. Bildrechte: IMAGO

Ob man nun vorübergehend oder dauerhaft schlecht sieht: In jedem Fall ist es nützlich, sich darauf einzustellen. Wenn die Augen schlechter werden, macht das Angst. Statt der Angst "ins Auge zu blicken", versuchen viele, den Verlust ihres Sehvermögens so lange wie möglich zu ignorieren. Erst wenn im Haushalt kleinere Unfälle passieren, wenn Geschirr zu Bruch geht oder Stolperfallen nicht rechtzeitig gesehen werden, merken auch Angehörige, dass etwas nicht in Ordnung ist. Spätestens dann wird es Zeit, das persönliche Wohnumfeld auf die neuen Bedürfnisse hin zu verändern. Die meisten Betroffenen wollen selbständig bleiben. Viele leben allein und müssen im Haushalt zurechtkommen. Auch wer in einer Partnerschaft lebt, ist gut beraten, trotz eingeschränktem Sehvermögen weiterhin möglichst viele Arbeiten in der Wohnung zu erledigen. Sonst könnte es schnell zu Konflikten kommen, wenn die Partnerin/der Partner  immer mehr Aufgaben übernehmen muss. Die Frage ist: Wie lernt man, alles zu bewältigen, ohne alles zu sehen?

Seit Mitte der 1970er-Jahre gibt es in Deutschland speziell dafür ausgebildete Fachkräfte, sogenannte Lehrer für lebenspraktische Fähigkeiten, kurz Reha-Lehrer genannt: "Wir bringen den Klienten, die größere Probleme mit dem Sehen haben, bei, wie sie trotzdem ihren Alltag meistern können", erläutert die Leipziger Reha-Lehrerin Ulrike Schade ihre Aufgabe. Viele ihrer Zunft gibt es nicht. Bundesweit sind es nur rund 300 Reha-Lehrer. Obwohl unsere Gesellschaft bekanntermaßen stark altert, der Bedarf an Reha-Lehern daher steigt, mangelt es an Nachwuchs. Hauptgrund: Die Ausbildung muss selbst bezahlt werden.  

Praktische Tipps für Zuhause

"Man braucht keineswegs alles neu einrichten", erläutert Ulrike Schade: "Die meisten Maßnahmen sind ganz praktisch, kleine Veränderungen, auf die man selbst oft nicht kommt." Das Wichtigste sei Ordnung: "Denn das Auffinden von Dingen, die ich nicht sehen kann, ist natürlich besonders schwierig." Sie gibt ein Beispiel aus der Küche: "Sie haben vielleicht immer ein Gewürzregal gehabt. Da standen schön aufgereiht die Streubehälter. Alle sahen gleich aus, weil das dekorativ war und Sie die Aufschriften gut erkennen konnten. Nun verwechseln Sie schwarzen mit weißem Pfeffer oder Curry mit Paprika, weil Sie die Etiketten nicht mehr genau sehen. Die Lösung: Besorgen Sie sich nach und nach Gewürzbehälter, die verschiedene Formen haben. Wenn der weiße Pfeffer in einem Behälter ist, der sich deutlich von dem mit schwarzem Pfeffer unterscheidet, dann ist die Verwechselungsgefahr kleiner. Zusätzlich gibt es aus dem Blindenbedarf sogenannte Markierungspunkte. Das sind kleine selbstklebende Plastiknoppen. Wenn Sie wissen, dass der Behälter mit Curry einen Markierungspunkt hat, und der mit Paprika zwei, dann sind Sie auf der sicheren Seite, mal abgesehen davon, dass Sie auch Ihre Nase viel öfter einsetzen sollten, als Sie das vielleicht bisher getan haben. Nun schaffen Sie noch Ihr Gewürzregal ab und stellen die Streuer in ein Bastkörbchen, das sie im Küchenschrank verstauen. Mit einem Griff haben Sie nun alle Gewürze in der Hand."

festlich gedeckter Tisch
Dieser Tisch ist zwar festlich gedeckt, aber für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen zu kontrastarm. Bildrechte: IMAGO

Menschen mit Sehproblemen haben auch oft Angst auszugehen, im Restaurant zu essen oder Einladungen zu Festen anzunehmen. Der Grund sei ihre Unsicherheit bei Tisch. Sie können nicht genau erkennen, wo welches Geschirr steht und fürchten, etwas umzustoßen. Für solche Fälle empfiehlt die Reha-Lehrerin, farbige Servietten und Untersetzer in der Handtasche dabei zu haben: "Wenn ich einen knallroten Untersetzter unter mein Wasserglas stelle, kann ich es deutlicher erkennen, als auf einer weißen Tischdecke. Eine farbige Serviette unter einem weißen Porzellanteller – und schon hebt sich der Teller farblich vom Untergrund ab." Selbst den sicheren Umgang mit dem Besteck könne man lernen. Schließlich essen auch blinde Menschen mit Messer und Gabel. Viele kochen, backen und putzen zuhause ohne fremde Hilfe.

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2017, 22:54 Uhr