Hauptsache Gesund | 03.11.2016 | 21:00 Uhr Todkrank durch MRSA-Keime

Wir streifen sie von Treppengeländern und Türklinken ab. Wir atmen sie ein, essen und trinken sie. Sogar beim Arzt und im Krankenhaus infizieren wir uns mit ihnen. Pro Jahr stecken sich bis zu fünf Prozent der rund 18 Millionen Klinikpatienten mit solchen Multiresistenten Keimen (MSRA) an. Immer mehr Patienten überleben den wochen- und monatelangen Kampf gegen die Infektion nicht, weil die Bakterien nicht auf Antibiotika ansprechen. Von 40.000 Todesfällen sprechen Experten pro Jahr.

MRSA ist eine Abkürzung und steht für Methicillinresistenter Staphylococcus aureus. Damit werden ganz bestimmte Staphylokokken des Typs aureus bezeichnet, nämlich die, die gegen das Antibiotikum Methicillin unempfindlich sind. Das normale, nicht resistente Staphylococcus aureus findet sich fast überall in der Natur. Der Name heißt übersetzt so etwas wie "goldenes Traubenkügelchen".  Etwa ein Drittel der Bevölkerung trägt den Keim auf der Haut oder in den oberen Atemwegen. Normalerweise ist das völlig harmlos und macht nicht krank.

Tödliche Gefahr Antibiotikaresistenz

Wenn unser Immunsystem jedoch aus irgendwelchen Gründen geschwächt ist, verändert sich die Lage. Die Bakterien werden dann nicht mehr so gut in Schach gehalten. Sie vermehren sich explosionsartig und lösen Hautinfektionen, Muskelerkrankungen, Entzündungen des Herzens bzw. der Lunge oder auch eine Blutvergiftung aus. In solchen Fällen gibt man Antibiotika. Das sind Medikamente die gezielt das Wachstum und damit das Leben der Bakterien hemmen. Bei antibiotikaunempfindlichen Bakterien wie MRSA funktioniert das leider nicht.

Diese Gruppe des Staphylococcus aureus hat sich so verändert, dass ihnen diese Arzneistoffe nichts mehr anhaben können. Die Ärzte können den betroffenen Patienten dann leider kaum noch helfen. Die MRSA vermehren sich daraufhin ungehindert weiter, führen letztlich zu einer Blutvergiftung (Sepsis), zu einem septischen Schock und am Ende zum Tod durch Multiorganversagen. Experten mahnen, 20 bis 30 Prozent dieser Infektionen und Todesfälle wären durch eine bessere Einhaltung von bekannten Hygieneregeln vermeidbar.

40.000 Todesfälle durch Krankenhauskeime pro Jahr

Laut Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene sind es bis zu 40.000 Patienten, die jedes Jahr in Deutschland durch Krankenhauskeime ihr Leben verlieren. Und das, obwohl die Politik inzwischen strengere Hygieneregeln erlassen hat. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe fordert ihre strikte Einhaltung. "Es gibt verbindliche Vorgaben. Wir haben mit dem Infektionsschutzgesetz die entsprechenden Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes rechtsverbindlich gemacht", betont der Politiker. "Das gilt für die Tests, die vorgesehen sind, bei bestimmten Risikogruppen, das gilt aber auch für die Isolierung, wenn sie fachlich geboten ist", fährt er fort.

Doch in der Praxis lassen sich diese Vorgaben gar nicht umsetzen, sagt Dr. Matthias Kochanek von der Uniklinik Köln. Laut seinen Berechnungen wären mehr als doppelt so viele Pflegekräfte nötig, um alle Hygiene-Vorschriften einzuhalten. Rechtsanwalt Burkhard Kirchhoff vertritt Patienten aus ganz Deutschland mit Krankenhausinfektionen. "Es ist natürlich so, dass viele Kliniken gerade so eine schwarze Null schreiben. Das heißt, das hat mit wirtschaftlichem Druck zu tun. Und Hygiene ist ein Bereich, wo man relativ einfach sparen kann, weil die Fehler sich immer erst zeitversetzt und wenig nachvollziehbar auswirken", erklärt er.

Neue Hoffnung: Mit Viren gegen MRSA

Lassen sich die Infektionen nicht mit Antibiotika bezwingen, könnte eine Behandlung mit Phagen den gewünschten Erfolg bringen. Phagen sind Viren, die Bakterien zerstören. Sie sind auf einen ganz bestimmten Keim spezialisiert. Trifft ein Phage auf "sein" Bakterium, heftet er sich an dessen Zellwand und injiziert seine DNS. Die Bakterienzelle produziert jetzt neue Phagen. Das macht sie dann so lange, bis es letztlich platzt. Die neuen Phagen werden dabei freisetzt und greifen andere Keime an. Diese Kettenreaktion geht so lange, bis schließlich alle Bakterien zerstört sind. Und dann verschwinden auch die Phagen, denn sie haben keinen Wirt mehr. Doch die Phagentherapie ist noch kaum verbreitet. Vermutlich geht es hier um Geld. Denn die Behandlung muss in aufwändigen Studien getestet werden. Und da es viele multiresistente Keime gibt, und jeder Phage nur gegen ein bestimmtes Bakterium wirkt, müssten viele Studien gemacht werden.

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2016, 16:12 Uhr