Hauptsache gesund | 12.01.2011 | 21:00 Uhr : Wie viele Medikamente verträgt der Mensch?
"Die meisten Menschen sterben an ihren Medikamenten und nicht an ihren Krankheiten", meinte der französische Dichter Moliére bereits vor mehr als 300 Jahren. Dieser Satz könnte auch aus der heutigen Zeit stammen. Schätzungsweise 16.000 bis 25.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen von Medikamenteneinnahme. Bedeutend höher ist der Zahl derer, die mit schweren Nebenwirkungen in Krankenhäusern behandelt werden müssen.
Senioren nehmen statistisch gesehen jeden Tag mindestens sechs verschiedene Medikamente ein. In vielen Fällen sind es weitaus mehr. Jedes für sich genommen könnte bereits zu den über 80 Mitteln (laut Priscusliste) gehören, die für Ältere ungeeignet sind. Denn ältere Menschen haben einen anderen Stoffwechsel als junge. Das liegt vor allem daran, dass Leber und Nieren im Alter nicht mehr in vollem Umfang arbeiten. Dadurch bauen sie Arzneistoffe langsamer ab. Die angegebene Normaldosierung kann deshalb für ältere Menschen häufig viel zu hoch sein und zu gefährlichen Nebenwirkungen führen. Eine Faustregel lautet: je älter, desto weniger Medikamente sollte der Betroffene einnehmen.
Was ist die Priscusliste?
"Priscus" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "alt, altehrwürdig". Den Namen priscus hat sich ein Verbundprojekt von sieben Forschungsgruppen aus Nordrhein-Westfalen und Hannover gegeben. Gemeinsam wollen sie untersuchen, was man bei der Behandlung älterer Menschen mit Medikamenten berücksichtigen sollte, vor allem, wie die vielen Arzneien, die gleichzeitig genommen werden, aufeinander abgestimmt werden müssen. Anlass für den Zusammenschluss der Forscher ist die Tatsache, dass Menschen im Alter ganz häufig unter mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden wie zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche, Osteoporose etc. Niemand weiß genau, wie man diese sogenannten "multimorbiden" Patienten medikamentös optimal behandelt. Eines der ersten Ergebnisse der Forschungsarbeit stellt die sogenannte "Priscusliste" dar. Dabei handelt es sich um eine Aufstellung von Medikamenten, die für ältere Patienten wenig geeignet sind. 83 Arzneistoffe aus 18 Arzneistoffklassen wurden als "potenziell inadäquat" für ältere Patienten bewertet. Die vollständige Liste kann im Internet eingesehen werden.
Gefährliche Wechselwirkungen
Je mehr Medikamente ein Patient nimmt, umso größer ist die Gefahr für Interaktionen. Ein Beispiel: Für die im Durchschnitt 14 gleichzeitig verordneten Arzneimittel müsste der Arzt 91 verschiedene Kombinationspaare prüfen – dies ist im Alltag nicht machbar, schon gar nicht ohne die Unterstützung von Computerprogrammen. Dazu kommen unerwartete Ereignisse. So muss jemand wegen einer Erkältung zeitweilig ein Antibiotikum nehmen. Das reagiert jedoch mit den Tabletten für die Blutfettwerte, macht sie sogar unwirksam! Aber auch bei den Medikamenten, die die Menschen ohne Verordnung des Arztes einnehmen, sind Wechselwirkungen möglich. Zum Beispiel sollte man die Wirkstoffe Ibuprofen und Acetylsalicylsäure (ASS) nicht gleichzeitig einnehmen, sondern dazwischen ein paar Stunden warten. Wer sicher gehen will, dass seine Medikamente sich gut vertragen, kann in jede Apotheke gehen und die Wechselwirkungen mit einem speziellen Computerprogramm checken lassen!
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Friedemann Schmidt, Apotheker, Leipzig
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