Hauptsache gesund | 22.03.2012 | 21:00 Uhr : Wie viel Nahrungsergänzung braucht der Mensch?
Nahrungsergänzungsmittel für rund 900 Millionen Euro landen pro Jahr in deutschen Einkaufswagen. Kalzium für gesunde Knochen zum Beispiel, Omega-3-Fettsäuren für die Augen, Vitamin C für die Abwehrkräfte. Doch was brauchen wir wirklich davon?
"Nahrungsergänzungsmittel haben schon ihren Sinn. Man muss nur genau schauen, welchen.", erklärt Professor Dr. Birgit Dräger. Die pharmazeutische Biologin forscht und lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu Arzneistoffen und Nahrungsergänzungsmitteln. "Wer sich gesund ernährt, braucht sicherlich keine Nahrungsergänzung.", sagt die Professorin. "Doch es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die Ergänzungen benötigen. Zum Beispiel chronisch Kranke, insbesondere mit Magen- oder Darmerkrankungen und Ältere, die nicht mehr alles schlucken und kauen können."
Vitamin C ist nicht das Problem
Es gibt drei Gruppen von Nahrungsergänzungen: Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Zwischen den aktuellen Verkaufszahlen und dem eigentlichen Bedarf klafft aber eine große Lücke. Vitamin C beispielsweise ist das beliebteste Vitamin der Deutschen. Regelmäßig wird es von elf Millionen eingenommen. Doch tatsächlich brauchen die wenigsten Vitamin C. "Studien zufolge nehmen wir reichlich Vitamin C über unsere Lebensmittel zu uns. Zitrusfrüchte sind rund ums Jahr verfügbar, Paprika enthält viel. Was den wenigsten bewusst ist, Vitamin C ist auch ein Konservierungsmittel. Es gibt viele Lebensmittel, die viel Vitamin C enthalten und bei denen wir das Vitamin gar nicht vermuten, Brühwürstchen zum Beispiel", weiß Professor Dräger. Auf der Zutatenliste ist es aber nicht als Vitamin C aufgeführt, sondern unter seiner chemischen Bezeichnung Ascorbinsäure oder als E 300.
Woran es am häufigsten mangelt
Mangel herrscht dagegen häufig an anderer Stelle. Laut der "Nationalen Verzehrsstudie II", einer vom Max-Rubner-Institut durchgeführten Befragung zu Ernährungsgewohnheiten von Jugendlichen und Erwachsenen, erreicht dagegen ein Großteil der Deutschen nicht die empfohlene Menge an Jod, Vitamin D und Folsäure. Folsäure wird insbesondere schwangeren Frauen empfohlen, um eine gesunde Entwicklung des Embryos zu fördern. Jod ist wichtig für die Funktion der Schilddrüse und kann mit Jod angereichertem Speisesalz unproblematisch ergänzt werden. Vitamin D ist wichtig für die Knochenbildung. Säuglingen wird es heutzutage zur Rachitisprophylaxe verschrieben. Auch Osteoporose-Patienten erhalten Vitamin D zusammen mit Kalziumpräparaten, denn mit Vitamin D gelangt das Kalzium besser in die Knochen. Daneben gibt es derzeit zahlreiche interessante Studienergebnisse, nach denen Vitamin D insbesondere bei älteren Heimbewohnern vor Infekten und den Folgen von Stürzen schützt. "Allerdings muss man vorsichtig sein, denn auch Vitamin D kann ernsthaft überdosiert werden", warnt Professor Birgit Dräger.
Am besten ist eine gesunde Ernährung
Bei den Mineralstoffen sind Eisen, Magnesium, Selen und Kalzium gute Ergänzungen – allerdings immer nur im Einzelfall. Problematisch ist dabei, dass ein Laie überhaupt nicht einschätzen kann, ob und welche Vitamine, Mineralstoffe und Pflanzenstoffe ihm fehlen. "Selbst Ärzte und Fachleute sind sich häufig unsicher. Bei einigen Vitaminen und Mineralstoffen kann man das im Blutspiegel messen, aber nicht bei allen", erklärt Professor Birgit Dräger. "Zudem sind diese Analysen zum Teil sehr teuer." Außerdem reagiert jeder Mensch anders auf Zusatzstoffe. Es kommt darauf an, wie groß und wie schwer ein Patient ist, oder welche Medikamente er zu sich nimmt. "Ich würde versuchen, mich dauerhaft gut zu ernähren", empfiehlt Professor Birgit Dräger. "Und wenn ein Nährstoff ergänzt wird, sollte die Dosierung nicht zu hoch sein. Arzt und Apotheker sollten immer Bescheid wissen, was man zusätzlich einnimmt."
Expertin im Studio
Prof. Dr. Birgit Dräger,
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
