Hauptsache gesund

Hauptsache gesund | 11.10.2012 | 21:00 Uhr : Die Osteoporose-Irrtümer

Es gibt zahlreiche Irrtümer bezüglich der Osteoporose. "Hauptsache gesund" hat fünf davon hier aufgelistet, stellt sie richtig und gibt dazugehörige Hintergrundinformationen.

Irrtum 1: Der Knochen besteht hauptsächlich aus Kalzium

Stimmt nicht ganz. Ein Knochen enthält auch relativ viel Wasser, dazu noch Kollagen und andere Mineralsalze wie Phosphat oder Karbonat

Ob eine kalziumreiche Ernährung reicht oder ob man zusätzliche Medikamente benötigt, darüber entscheidet auch das Ergebnis einer Knochendichte-Messung. Nach den aktuellen Osteoporose-Leitlinien wird nach Alter, Geschlecht und bestimmten Risikofaktoren über eine Diagnostik entschieden. Risikofaktoren sind ein oder mehrere Wirbelkörperbrüche bzw. andere typische Knochenbrüche (spontan oder durch banale Unfälle), Behandlung mit Cortison über einen Zeitraum von drei oder mehr Monaten, Rauchen, Schilddrüsenüberfunktion, Osteoporose eines Elternteils, Untergewicht, häufige Stürze oder die Einnahme bestimmter destabilisierender Medikamente. Wenn ein Risiko von 20 Prozent erreicht wird, in den nächsten zehn Jahren einen osteoporotischen Knochenbruch zu erleiden, ist eine Knochendichte-Messung empfehlenswert. Die Krankenkassen bezahlen sie jedoch erst, wenn schon etwas gebrochen ist. Die Messung kostet 42 Euro. Sie ist für Patienten völlig unproblematisch, weil die Strahlenbelastung sehr gering ist.

Irrtum 2: Gegen Osteoporose kann man nichts machen

Es gibt eine Reihe wirksamer Medikamente. Auch ergänzende Maßnahmen wie Kraft- und Bewegungsübungen, kalziumreiche Ernährung, dosierte Sonnenbäder (Vitamin-D-Synthese), Verzicht auf das Rauchen und Training zur Sturzprophylaxe sind wichtige Faktoren bei der Prophylaxe und Therapie.

Vitamin-D-Mangel ist ein häufiges Problem im zweifacher Hinsicht. Gerade ältere Menschen leiden darunter, da sie nur noch selten in die Sonne gehen und somit die körpereigene Produktion von Vitamin D in der Haut nur noch eingeschränkt stattfindet. Mit Vitamin D wird der Einbau von Kalzium in den Knochen erst möglich. Außerdem hilft es bei der Muskelkoordination. Ist diese gestört, sind Stürze und damit auch Knochenbrüche fast unvermeidlich.

Bei Osteoporose ist im Regelfall die zusätzliche Gabe von Vitamin D und Kalzium erforderlich. Kalzium ist der wichtigste "Baustoff". Ist eine spezielle medikamentöse Therapie notwendig, werden Bisphosphonate, östrogenähnliche Hormonpräparate oder auch Antikörpertherapien verordnet. Sie alle haben entweder das Ziel, die knochenabbauenden Zellen zu hemmen und/oder die knochenaufbauenden Zellen zu fördern bzw. die für den Knochenstoffwechsel entscheidenden Substanzen zu unterstützen. Auch Präparate auf homöopathischer Basis können zur Unterstützung bei der Behandlung von Knochenerkrankungen eingesetzt werden. Die Medikamente sind in unterschiedlicher Darreichungsform erhältlich. Dazu zählen Tabletten, Infusionen oder Injektionen, die täglich, wöchentlich, monatlich oder sogar halbjährlich verabreicht werden können. Welches Präparat geeignet ist, entscheidet der Arzt nach Ursache, Wirkung, Nebenerkrankungen, Geschlecht, Alter und Verträglichkeit. Bei der Behandlung mit Bisphosphonaten ist die derzeitige Empfehlung, nach fünf Jahren das Medikament zunächst abzusetzen. In einigen internationalen Studien hatte sich in der Vergangenheit der Verdacht erhärtet, dass Bisphosphonate langfristig den Knochenumbau stören und auf Dauer das Knochenbruchrisiko erhöhen können. So sollten Bisphosphonate langfristig nur Patienten verordnet werden, die sie wirklich benötigen und bei denen sich eine Wirkung abzeichnet.

Irrtum 3: Milchprodukte sind die einzige Kalziumquelle

Eine Frau nimmt eine Flasche Milch aus einem Supermarktregal.
Milch ist nicht die einzige Kalziumquelle.

Manche Menschen vertragen oder mögen keine Milch. Was viele nicht wissen: Vor allem grüne Gemüsesorten enthalten reichlich Kalzium. Porree, Grünkohl, Brokkoli und Staudensellerie sind besonders wertvoll. Auch frische Küchenkräuter wie Petersilie, Schnittlauch oder Kresse sind gute Kalziumlieferanten. Obst und Gemüse mit Oxalsäure seien möglichst zu meiden, empfiehlt Nadja Pietsch, Ernährungsberaterin aus Leipzig: "Die Oxalsäure stört die Kalziumversorgung, weil sie im Darm mit dem Kalzium einen unlöslichen Komplex eingeht und das Kalzium deswegen nicht mehr aufgenommen werden kann." Oxalsäure kommt zum Beispiel in Mangold, Rote Beete und Rhabarber vor.

Bei den Früchten sind es die Beeren, allen voran Johannisbeeren und Brombeeren, die reichlich Kalzium enthalten. Sie können auch aus der Tiefkühltruhe kommen. Viele, die keine Milch mögen, haben gegen Käse nichts einzuwenden. Dabei sollte man möglichst wählerisch sein. Je härter der Käse, desto mehr Kalzium ist enthalten. Parmesan, Emmentaler oder Bergkäse sind die "Spitzenreiter". Auch Nüsse oder Mandeln helfen bei der Kalziumversorgung. Immer gut und ganz ohne Kalorien ist Mineralwasser. "Man kann seine Kalziumzufuhr über Mineralwasser sehr stark beeinflussen", erläutert Nadja Pietsch. "Ein Wasser gilt ab 150 Milligramm pro Liter als kalziumhaltig." Der Kalziumgehalt schwankt von Marke zu Marke beträchtlich. Wie viel pro Liter drin ist, verrät das Etikett. Auch Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen, Bohnen, Sojaprodukte und vor allem Kichererbsen enthalten überdurchschnittlich viel Kalzium. Wer aus diesen Quellen schöpft, muss sich auch ohne Milch nicht sorgen.

Irrtum 4: Bewegung führt zu neuen Knochenbrüchen

Falsch. Druck und Zug am Knochen helfen beim Knochenaufbau. Gut für Osteoporose-Patienten sind Tanzen, Treppensteigen und ein gezieltes Krafttraining.

Eines der wichtigsten Ziele in der Vorbeugung von Osteoporose und Knochenbrüchen ist die regelmäßige körperliche Aktivität, um Muskelkraft und Koordination zu fördern. Damit sollen das Knochenwachstum angeregt und Stürze vermieden werden. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Es ist nie zu spät, mit einem gezielten Bewegungsprogramm zu beginnen. Ein sogenanntes Galileo-Trainingsgerät kann dabei helfen, auch bei bereits an Osteoporose Erkrankten: "Es ist ein Rechts-Links-Kippen wegen des wackeligen Untergrunds. Wir nutzen praktisch die Reflexe des Körpers aus, denn der Körper versucht, sich über Muskelkontraktion im Gleichgewicht zu halten. Das heißt, wenn ich nach rechts kippe, zieht der Körper an der linken Seite und andersherum", erklärt Jürgen Reif, Diplom-Sportlehrer aus Leipzig, das Prinzip des Sportgeräts. Das Training mit dem Gerät stärkt die Muskulatur, außerdem führt das Zusammenziehen der Muskeln zu einem "Zupfen" an den Knochen. Das regt das Knochenwachstum an. Darüber hinaus wird die Durchblutung verbessert, so dass die Knochen gut mit Kalzium und anderen wichtigen Nährstoffen versorgt werden. "Alle, die auf diesem Gerät trainieren, haben gute Erfahrungen machen können. Sie haben auch bessere Osteoporose-Werte als vorher", lobt Jürgen Reif die Therapieerfolge.

Die Entwicklung einer Osteoporose kann so deutlich verlangsamt werden. Das Galileo-Training ist auch für die Kräftigung der Arme geeignet - Osteoporose-Patienten beklagen häufig Armbrüche. Vor dem Training sollte man unbedingt den Arzt konsultieren, denn Patienten mit einer entzündlichen Arthrose oder mit Gelenkimplantaten kann diese Therapie sogar schaden. Für Osteoporose-Patienten empfiehlt Jürgen Reif Trainingseinheiten von maximal fünf Minuten pro Tag, zunächst einen Monat lang. Das Training muss in der Regel selbst bezahlt werden.

Entwickelt wurde dieses Trainingsprinzip für die Raumfahrt. Bei langen Aufenthalten in der Schwerelosigkeit werden Muskeln und Knochen nicht beansprucht und bauen sehr schnell ab.

Irrtum 5: Osteoporose ist eine reine Alterserscheinung

Leider falsch. Eine Osteoporose in der Schwangerschaft ist zwar selten, wird deswegen aber auch sehr zum Leidwesen der Betroffenen übersehen. Etwa eine von 250.000 Frauen erleidet eine Schwangerschafts-Osteoporose, vorwiegend mit Wirbeleinbrüchen.

Was dem Ungeborenen uneingeschränkt zur Verfügung steht, mangelt möglicherweise der Mutter. Denn es gibt Frauen, denen eine Schwangerschaft dramatisch an die Substanz ihrer Knochen geht und die an Osteoporose erkranken. Noch weiß man nicht genau, weshalb es bei manchen Frauen in der Schwangerschaft zum Abbau des Knochens kommt. "Osteoporose stellt man nicht fest, denn sie tut nicht weh, so dass es eine hohe Dunkelziffer von Frauen gibt, die in einer Schwangerschaft am Knochen Schaden nehmen, ohne dass es bemerkt wird", weiß Prof. Dr. Helmut Minne, Endokrinologe aus Halberstadt. Osteoporose tut allerdings dann weh, wenn Knochenbrüche, zum Beispiel Wirbelkörperbrüche auftreten. Diese führen zu starken, akuten Rückenschmerzen. "Das ist wirklich ein Punkt, bei dem man sensibler werden muss", mahnt Minne. "Frauen, die Schwangerschaften erleben, sind nicht wehleidig. Und wenn die dann über unerträgliche Schmerzen klagen, muss man hinhören und nachsehen." In den meisten Fällen sind es die Schmerzen, die den ersten Hinweis geben. Röntgenuntersuchungen sind mit Rücksicht auf das Baby in dieser Zeit problematisch. Umso wichtiger ist es, der Osteoporose vorzubeugen: Sich gesund ernähren, viel bewegen und regelmäßig in die Sonne gehen, damit der Vitamin-D-Haushalt im Gleichgewicht bleibt. "Inwieweit das eine Osteoporose verhindern kann, ist offen. Aber dem erhöhten Kalziumbedarf des Körpers in der Schwangerschaft sollte man mit der zusätzlichen Einnahme von Kalzium gerecht werden", empfiehlt Experte Minne. Kommt es dennoch zum Knochenbruch, ist eine Behandlung möglich. Es stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, deren Wirksamkeit bewiesen ist und die die Entstehung weiterer Brüche verhindern können.

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2012, 20:23 Uhr

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