Szekler demonstrieren mit einer 250 Meter langen Fahne ihrer Region gegen Pläne der rumänischen Regierung, ihr Siedlungsgebiet durch eine Verwaltungsreform politisch zu zersplittern.
2013 demonstrierten Zehntausende Szekler gegen die Neuaufteilung ihrer Kreise. Bildrechte: dpa

Szeklerland | Rumänien "Bei uns fordern die Ärmsten Autonomie"

Jahrhundertelang besaßen die Szekler - eine ungarischsprachige Minderheit - Autonomie. Noch heute träumen sie im rumänischen Siebenbürgen davon. Mit Spannung verfolgen sie, was in Katalonien geschieht. Das könnte auch sie zu neuen Initiativen beflügeln.

von Annett Müller

Szekler demonstrieren mit einer 250 Meter langen Fahne ihrer Region gegen Pläne der rumänischen Regierung, ihr Siedlungsgebiet durch eine Verwaltungsreform politisch zu zersplittern.
2013 demonstrierten Zehntausende Szekler gegen die Neuaufteilung ihrer Kreise. Bildrechte: dpa

Jozsef Takacs ist bekennender ungarischsprachiger Szekler in Rumänien. Zu Jahresbeginn stellte der 75-jährige Rentner mit neun anderen Landsleuten eine Bürgeriniative vor, in der sie eine Autonomie für das Szeklerland forderten. Doch auch diese Initivative wurde, wie viele andere zuvor, vom rumänischen Parlament abgelehnt. Sie widerspreche der Verfassung, hieß es zur Begründung. Dort stünde schließlich im Artikel 1, dass Rumänien ein "einheitlicher und unteilbarer Nationalstaat" ist. Ein solcher Passus verbietet jegliche Autonomiebestrebungen.

Über Jahrhunderte autonome Region

Wer aber sind die Szekler überhaupt? Ihre Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als erstmals ihr Name in historischen Quellen über Siebenbürgen auftauchte. Das damalige ungarische Königreich setzte sie in den Karpaten als Grenzwächter gegen Eindringlinge ein. Wegen ihrer Geschichte sagt man ihnen bis heute nach, dass sie stur, schweigsam und schlagkräftig seien - wie Grenzposten nun mal sein mussten. Die Szekler bekamen dafür im Gegenzug jahrhundertelang vom ungarischen Königreich eine Verwaltungsautonomie und Privilegien garantiert, wie beispielsweise Steuervergünstigungen. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Siebenbürgen und damit auch das Szeklerland an Rumänien. Die Region ist bis heute jene mit dem größten Ungarnanteil im südosteuropäischen Land: rund 600.000 Szekler leben dort.

Szeklerland in Rumänien
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenig Rumänisch-Kenntnisse

Die Szekler, aber auch andere Minderheiten, haben weitgehende Rechte in Rumänien, seitdem das Land 2007 in die EU drängte. Es gibt ungarischsprachige Studiengänge im Land und mehrsprachige Ortsschilder. In Gegenden, in denen ein Fünftel der Bewohner mit einer anderen Muttersprache aufwächst, muss diese beispielsweise in den Behörden gesprochen werden. Protokolle von Stadtratsitzungen oder offizielle Entscheidungen sind jedoch in die Amtssprache Rumänisch zu übersetzen. "Wie soll das bei uns gehen?", fragt Szekler Jozsef Takacs, "wenn in unserer Region kaum einer Rumänisch spricht". Er fordert deshalb als Amtssprache Ungarisch. "Das würden wir hier im Szeklerland als wirkliche Gleichberechtigung verstehen", meint Takacs. In Bukarest gibt es dafür - in Regierung und Parlament - nur ungläubiges Kopfschütteln.

Erinnerung an Ceausescu-Zeit

Szeklerfahne der ungarischen Szekler in Rumänien
Szeklerfahne an einem Dorfkonsum im Dorf Varsag. Auf Schritt und Tritt begegnet man der Szeklerfahne in Siebenbürgen. Bildrechte: Annett Müller /MDR

Doch nicht nur an der Sprache erhitzen sich die Gemüter zwischen Szeklern und Rumänen. Beide Seiten trennt ein tiefer Argwohn. Schon in den 1920er-Jahren bekamen die autonomieverwöhnten Szekler von den neuen rumänischen Machthabern eine Selbstverwaltung versprochen, erfüllt hat sich das bis heute nicht.

Als Mitte der 1960er-Jahre Nicolae Ceausescu die Staatsspitze übernahm, wollte er durch eine nationalistische Siedlungspolitik die ethnische Zusammensetzung in der Region verschieben - zugunsten der Rumänen. Das zerstörte das Verhältnis zwischen beiden Ethnien nachhaltig. Als vor fünf Jahren im Zuge einer Regionalreform die historischen Szekler-Kreise getrennt werden sollten, fühlten sich viele an die Ceausescu-Zeit erinnert und witterten eine Rumänisierung. Zehntausende Szekler gingen daraufhin auf die Straße und forderten lautstark Autonomie. Es war einer der größten Proteste in der Region. Die Regionalreform verschwand in der Versenkung.

Uneinigkeit über Autonomie-Forderung

Doch der Protest war nicht der einzige in den vergangenen Jahren. Bereits Anfang der 1990er-Jahre hatte die Region vehement eine Autonomie gefordert. Ende 2006 organisierten die Szeklerkreise ein Referendum, das wie die jüngste Volksabstimmung der Katalanen vom Verfassungsgericht gestoppt worden war. 99,5 Prozent der zur Abstimmungen gegangenen Szekler sprachen sich für eine Autonomie aus.

Wie die aber konkret aussehen soll, darüber streitet sich die Gemeinschaft seit Jahren. Während sich gemäßigte Vertreter mit mehr finanziellen Freiheiten und mehr Befugnissen im Kultur- und Verwaltungsbereich zufriedengeben würden, verlangen die Radikalen eine Autonomie wie in Katalonien. Szekler Jozsef Takacs gibt sich gemäßigt. Er will lediglich eine finanzielle und kulturelle Autonomie und keine Abspaltung von Rumänien, wenngleich der frühere Hausarzt im Dorf Joseni keinerlei Vertrauen in die Zentralregierung in Bukarest hat: "Die klauen uns unsere Einnahmen. Wir arbeiten hier und die verjubeln unser Geld".

Rumänien als kurioser Sonderfall

Der so genannte 'Szekler-Express' bringt ungarische Pilger zu einem katholischen Festival im Szeklerland.
Blick ins Szeklerland Bildrechte: dpa

Immer wieder hört man im Szeklerland, dass zu viele Einnahmen aus der Region in den Staatshaushalt nach Bukarest wanderten, von denen man schließlich nichts habe. Der Soziologe Sorin Ionita vom Bukarester Think Tank "Expert Forum" prüfte vor Jahren die Zahlen, die eine ganz andere Realität ergeben. Die Szeklerkreise - Harghita, Covasna und Teile von Mures - gehören bis heute zu den ärmsten des Landes, sie sind dringend auf Einnahmen aus anderen Regionen angewiesen, die Bukarest zentral weiterverteilt. Rumänien sei damit - verglichen mit Katalonien - ein "kurioser Sonderfall", meint Ionita: "Bei uns fordern die Ärmsten Autonomie, indem sie selbst die Illusionen nähren, dass sie reicher seien als sie in Wirklichkeit sind."

Ungarn-Partei: Keine Ähnlichkeiten mit Katalonien

In Rumänien verfolgen dieser Tage nicht nur Soziologen wie Sorin Ionita die Geschehnisse in Katalonien, sondern auch viele Landespolitiker. Sollte es zu einer Abspaltung kommen, würde Bukarest das neue unabhängige Katalonien mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anerkennen. Bis heute akzeptiert das Land auch das unabhängige Kosovo nicht. Aus einem ganz einfachen Grund: Man will Autonomiebestrebungen im eigenen Land nicht befeuern. Vor Tagen versuchte der Chef der größten Ungarn-Partei im Land, Kelemen Hunor, Besonnenheit in dieser Frage zu vermitteln. Als rumänische Journalisten den UDMR-Chef fragten, welche Ähnlichkeiten es zwischen der Situation in Barcelona und dem Szekerland gebe, antwortete er kategorisch: überhaupt keine. Von seinem Verband habe in den vergangenen 27 Jahren keiner jemals von Separatismus gesprochen. Hinzu kommt, dass in Rumänien weitaus mehr Ungarn leben als nur die Szekler. Insgesamt sind es 1,2 Millionen Ungarn im Land, knapp sechs Prozent der Bevölkerung in Rumänien. Ein Großteil von ihnen kann mit der Autonomie-Forderung der Szekler-Landsleute wenig anfangen.

Von sich reden machen

Szekler Jozsef Takacs wird seine Autonomiepläne deswegen nicht aufgeben. Was derzeit in Katalonien passiert, geht ihm aber zu weit. Eine Abspaltung seiner Region vom Land will er schließlich nicht. "Aber schauen Sie sich mal an, wie mutig die in Barcelona für ihre Rechte eintreten", meint er. Das ermuntere auch ihn zum Weitermachen. Was genau er als neue Initiative mit anderen Szeklern plane, sei noch nicht spruchreif. "Aber man wird wieder von uns hören", verspricht Takacs.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im: Radio | 28.10.2013 | 02:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 20:59 Uhr