Estland: Im Schatten des mächtigen Nachbarn

von Markus Nowak

Das Verhältnis zwischen Estland und seinem mächtigen Nachbarn Russland im Osten ist nicht gerade von tiefer Freundschaft geprägt. Als Estland 2011 als erster postsowjetischer Staat den Euro als Zahlungsmittel einführte, sorgte das für Verstimmung im Osten. Russische Medien sprachen von einer "Provokation", weil auf der Münze die Grenzumrisse Estlands angeblich auch russisches Territorium einbezogen. Die russische Botschaft in Tallinn sprach von "sich bedauernswerterweise wiederholenden Versuchen, die geltenden Grenzen zu revidieren."

Russland beobachtet seit der Unabhängigkeit der Esten 1991 widerwillig, wie die einstige Sowjetrepublik Anschluss an den Westen sucht. 2004 trat das Land der EU und der Nato bei. Streitpunkte zwischen Estland und Russland sind vor allem die Grenze zwischen beiden Ländern – und die große russische Minderheit in Estland.

2005 hatten die beiden Länder bereits einen ersten Versuch unternommen, den genauen Verlauf der See- und Landesgrenze zwischen den beiden Staaten durch einen Vertrag festzulegen. Aber der Kreml kündigte den bereits unterschriebenen Abschluss nur wenige Wochen später wieder auf, weil Estland in der Einleitung zum Vertrag auf die russische Besatzung und deren Aggression hinweisen wollte. Erst 2011 wurde das Grenzabkommen von beiden Seiten endgültig unterzeichnet.

Russische Minderheit in Estland

Der größte Konflikt mit Russland besteht aber aufgrund der starken russischen Minderheit in Estland. Rund 330.000 Russen oder Russischstämmige leben in dem kleinsten baltischen Land - sie bilden etwa ein Viertel der knapp 1,4 Millionen Einwohner. Der Großteil von ihnen lebt im Osten in der Nähe der russischen Grenze und ist orthodox, während die estnische Bevölkerung lutherisch oder nicht-religiös ist. In der Region um die Grenzstadt Narwa etwa haben von den 85.000 Einwohnern nur 6.000 Bewohner einen estnischen Pass. Moskau hat sich zum Anwalt der russischsprachigen Bewohner des Landes gemacht und beanstandet, dass 100.000 Bewohner Estlands keine Staatsbürgerschaft besitzen. Denn estnische Staatsbürger wurden nach der Unabhängigkeit nur diejenigen Landesbewohner oder deren Nachkommen, die bereits in der Zwischenkriegszeit die estnische Staatsbürgerschaft besessen hatten.

Familie
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Um die estnische Staatsbürgerschaft zu bekommen, müssen die russischsprachigen Bewohner des Landes einen Sprachtest absolvieren. Von vielen "Staatenlosen" aber wird dieser als zu schwer angesehen, spricht doch eine Großzahl der Zuzügler nach über 40 jähriger Zugehörigkeit Estlands zur Sowjetunion nur Russisch. Die slawische Sprache hat kaum etwas mit dem Estnischen, einer finno-ugrischen Sprache, gemein. Weiteres Kriterium für die Einbürgerung ist eine Loyalitätserklärung gegenüber dem estnischen Staat.

2007 erlebte Estland eine Welle von Protesten, angeführt von russischstämmigen Jugendlichen. Grund für die stärksten Unruhen seit dem Zerfall der Sowjetunion war die von estnischen Behörden veranlasste Umsetzung des "Bronze-Soldaten von Tallinn". Das Mahnmal verbinden Esten mit der sowjetischen Besatzungszeit und weniger mit der Befreiung vom NS-Regime, der das Denkmal gewidmet ist. Infolge jenes Denkmalstreits kam es zu einer schweren Krise im russisch-estnischen Verhältnis, da sich der östliche Nachbar gegen die Umsetzung der Statue wandte.

In den spannungsreichen Beziehungen spielte Russland öfters auch die Karte wirtschaftlicher Sanktionen, meist aber inoffiziell. So werden immer weniger russische Waren über die estnischen Häfen umgeschlagen. Dafür ist Estland, wenn es um die Energieerzeugung geht, von Russland unabhängiger als die beiden anderen baltischen Nachbarn. Der nördlichste baltische Staat deckt nahezu seinen kompletten Energiebedarf durch das besonders umweltbelastende Ölschiefer. Jedoch mit abnehmender Tendenz. Denn der "baltische Tiger" hat die EU-Vorgabe, bis 2020 den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch auf einen Viertel zu steigern, bereits 2012 erfüllt. Dennoch gibt es auch Streitigkeiten mit Russland in Bezug auf die Energiepolitik: So zählte Tallinn zu den Kritikern des Baus der Ostseepipeline "Northstream".

Das Verhältnis von Moskau zur einstigen Sowjetrepublik ist stark geprägt und belastet von der Vergangenheit. Die zentralen Streitpunkte sind – wie auch in den anderen beiden baltischen Ländern – die Umstände des "Beitritts" Estlands zur Sowjetunion 1940 und noch einmal 1944, der völkerrechtliche Status der bis 1991 dauernden Besatzung und die Bewertung jener Zeit. Denn im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts wurde Estland zusammen mit Lettland und Litauen 1940 von der UdSSR annektiert. Nach sowjetischer Lesart jedoch traten die baltischen Staaten der UdSSR bei und auch das heutige Russland spricht von einer "Befreiung" der Balten von der Nazi-Herrschaft. Ein weiterer wunder Punkt für Moskau ist die NATO-Mitgliedschaft Estlands. Russland hatte sich bemüht, eine Art "Linie" entlang der Grenzen der UdSSR zu ziehen, die die NATO im Zuge ihrer Osterweiterung nicht überschreiten sollte. Vergeblich.

Über Markus Nowak Jahrgang 1982, Studium der Neueren/Neusten Geschichte in Berlin, Warschau und Mailand, Redakteursausbildung am Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses (München) und in der Katholischen Nachrichten-Agentur (Bonn), Autor für Osteuropa, lebt in Berlin

(zuerst veröffentlicht am 04.06.2014)

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2016, 16:38 Uhr