Ein Kinderarzt impft in seiner Praxis in Kaufbeuren einen Jungen zum Schutz gegen Masern.
Impfen ist in Polen Pflicht. Immunisiert wird gegen elf Krankheiten. Bildrechte: dpa

Impfzwang für Babys in Polen Eltern entführen ihre Kinder aus dem Krankenhaus

Das Thema "Impfen" erhitzt die Gemüter. Auch in Polen. Dort gilt eine allgemeine Impfpflicht. Wer seine Kinder nicht impfen lässt, muss mit hohen Bußgeldern rechnen und im schlimmsten Fall sogar mit Entzug des Sorgerechts. Um sich der Pflichtimpfung zu entziehen, greifen polnische Eltern immer häufiger zu drastischen Mitteln.

Ein Kinderarzt impft in seiner Praxis in Kaufbeuren einen Jungen zum Schutz gegen Masern.
Impfen ist in Polen Pflicht. Immunisiert wird gegen elf Krankheiten. Bildrechte: dpa

Der Fall eines jungen Elternpaares aus Bialogard sorgt in Polen derzeit für Aufsehen. Die beiden hatten am 15. September ihr eigenes Kind einen Tag nach der Geburt aus einer Klinik "entführt", weil sie eine Impfung gegen Tuberkulose ablehnen.

Bildcollage Mann und Mutter die ihr Baby stillt
Haben ihr Kind aus der Geburtsklinik "entführt": Elternpaar aus Bialogard Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der leitende Arzt hatte wegen der Impfverweigerung das Familiengericht eingeschaltet – gegen die Eltern wurde ein Sorgerechtsverfahren eingeleitet. Dem Paar drohte ein teilweiser Entzug des Sorgerechts, es tauchte deshalb ab. Aus dem Versteck wandte sich der Vater auf Youtube an die polnische Bevölkerung: "Vor drei Tagen waren wir noch eine glückliche Familie, die auf die Geburt ihres Babys wartete. Jetzt fühlen wir uns wie Verbrecher und Verfolgte." Mittlerweile ist das Elternpaar mit seinem Säugling wieder zu Hause. Das Sorgerechtsverfahren, das zunächst vorläufig eingestellt wurde, soll am 13. Oktober wieder aufgerollt werden.

Neuer Trend: Nein zur Impfung

Der Fall aus Bialogard ist exemplarisch. Immer mehr Eltern in Polen wollen ihre Kinder nicht impfen lassen. 2010 lag die Zahl der nicht geimpften Kinder noch bei 2.500 – 2016 wurden bereits 29.000 nicht geimpfte Kinder gezählt. Die erste Pflichtimpfung – gegen Tuberkulose und Hepatitis B – bekommen Neugeborene direkt nach der Geburt im Krankenhaus. Insgesamt müssen Kinder und Jugendliche bis zum 19. Lebensjahr gegen elf Krankheiten geimpft werden.

Ein acht Wochen altes Kind erhält eine Impfung zum Schutz gegen Masern.
Die erste Impfung bekommen Säuglinge in Polen schon kurz nach der Geburt. Bildrechte: dpa

Saftige Geldstrafen

Wer diese Impfungen verweigert, muss tief ins Portemonnaie greifen. Bis zu 10.000 Zloty Bußgeld sind möglich, umgerechnet rund 2.300 Euro. Am Ende droht sogar der Entzug des Sorgerechts. Zunächst werden Impfverweigerer jedoch abgemahnt. Die Impfung ist dann binnen sieben Tagen nachzuholen. Lassen die Eltern diese Frist verstreichen, folgt der Bußgeldbescheid. Viele Impfgegner versuchen aber, das System "auszutricksen" – sie ignorieren Mahnungen, geben ihre aktuelle Adresse nicht an oder wechseln den Hausarzt.

Ärzte contra Impfgegner

Die Meinungen zum Thema Impfen gehen in Polen, wie in anderen Ländern auch, weit auseinander. Behörden und Ärzte warnen: Infektionskrankheiten wie Masern seien auf dem Vormarsch. Impfgegner kontern mit angeblichen Nebenwirkungen der Impfungen, etwa Autismus oder Allergien. Ärzte werfen Impfgegnern dagegen vor, dass sie sich auf Halbwissen aus Internetforen berufen. Medizinische Eingriffe brächten immer gewisse Risiken mit sich, meint Prof. Tomasz Grodzki. Er bekleidet im Schattenkabinett der Bürgerplattform den Posten des "Gesundheitsministers". Letztendlich würden Impfverweigerer aber nicht nur ihre eigenen Kinder, sondern auch alle anderen gefährden, wenn sie auf das Impfen verzichten.

Impfpflicht abschaffen?

Demonstration von Impfgegnern in Polen
Immer mehr Polen fordern eine Abschaffung der allgemeinen Impfpflicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Fall des "entführten" Säuglings nutzen Impfgegner jetzt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Sie demonstrierten vor dem Familiengericht in Bialogard und forderten eine Abschaffung der Impfpflicht. Familien dürften nicht mit hohen Geldstrafen belegt werden und Gefahr laufen, dass das Jugendamt ihnen die Kinder wegnehme, sagten Vertreter der Impfgegner-Organisation "Stop-Nop". Das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung müsse höher wiegen als die Pflicht des Staates, Neugeborene durch hohe Impfquoten zu schützen. Sich impfen zu lassen, sollte auch in Polen eine freie Entscheidung sein, so wie es in anderen europäischen Ländern wie Deutschland, Norwegen und Großbritannien der Fall sei. In Polen werde dagegen "gegen alles gespritzt".

In Deutschland gibt es in der Tat keinen Impfzwang. Seit 2015 ist jedoch eine Impfberatung vor der Erstaufnahme in eine Kita vorgeschrieben. 14 EU-Länder schreiben dagegen Impfungen gegen mindestens eine Krankheit vor. In Frankreich und Italien wurde die Anzahl der vorgeschriebenen Impfungen neulich sogar erhöht.

Impfung vor laufender Kamera

polnischer Gesundheitsminister Konstanty Radziwiłł und Sejm-Marshall Stanisław Karczewski
Gesundheitsminister Radziwill impft einen Politikerkollegen medienwirksam vor laufender Kamera. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Polen wird an der Impflicht wohl vorerst nicht gerüttelt. Die Regierung macht dazu eine klare Ansage: Gesundheitsminister Konstanty Radziwill und Senatsmarschall Stanislaw Karczewski haben auf einer Pressekonferenz am 21. September medienwirksam zum Impfen aufgerufen. Vor laufender Kamera impfte Gesundheitsminister Radziwill, seines Zeichens Mediziner, seinen Parteikollegen Karczewski gegen Grippe.

Auch Ministerpräsidentin Beata Szydlo äußerte sich zur aktuellen Impfdebatte. Konkrete Lösungsvorschläge oder Ansätze machte sie allerdings nicht. "Impfungen sind notwendig – aber ich kann es nicht einschätzen, weil ich kein Arzt bin. Aber man darf die Stimmen der Bevölkerung, die ihre Kinder nicht impfen wollen, nicht vernachlässigen", sagte die Regierungschefin. Ein salomonisches Urteil, könnte man sagen.

Die wachsende Impfmüdigkeit in Polen macht sich offensichtlich bereits bemerkbar, wie steigende Erkrankungszahlen zeigen: Während 2010 in Polen nur 13 Fälle von Masern registriert wurden, waren es 2016 bereits 133 Fälle.

(ama, voq, TVN24, Polsat News, Gazeta Wyborcza, Radio Maryja)

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 02.06.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2017, 16:07 Uhr