Jan Gross bei Pressekonferenz in Polen
Der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross hat 1969 Polen verlassen und unterrichtet heute an der Universität in Princeton. Bildrechte: dpa

Umgang mit Geschichte auf Polnisch "Die meisten Polen wissen nichts mit dem Holocaust anzufangen"

Interview mit dem polnisch-amerikanischen Historiker Jan Tomasz Gross

Die polnische Kleinstadt Jedwabne steht für die Mitschuld der Polen am Holocaust. Am 10. Juli 1941 waren die jüdischen Einwohner des Ortes - mehrere Hundert - in einer Scheune verbrannt worden. 1949 wurden mehrere Polen dafür verurteilt, später aber ausschließlich die deutsche Besatzungsmacht verantwortlich gemacht. Der Historiker Jan Tomasz Gross hat mit seinem Buch "Nachbarn" (2001) die polnische Mitschuld am Holocaust in den Blick gerückt. Bis heute ist Gross deswegen in Polen umstritten.

Jan Gross bei Pressekonferenz in Polen
Der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross hat 1969 Polen verlassen und unterrichtet heute an der Universität in Princeton. Bildrechte: dpa

Herr Gross, Sie haben die Debatte um diese Vergangenheit Polens ganz wesentlich mit angestoßen und sind für Ihre Arbeit mit dem Verdienstorden Polens ausgezeichnet worden. Jetzt hat das Präsidentenamt unter Präsident Andrzej Duda ins Gespräch gebracht, Ihnen diesen Orden wieder abzuerkennen. Im Oktober hat die Generalstaatsanwaltschaft eine Ermittlungen wegen Verleumdung  gegen Sie eingeleitet. Was ist da los?

Im vergangenen Jahr habe ich in der Zeitung "Die Welt" geschrieben, dass - obwohl Polen für den Widerstand im Untergrund gegen die Nazis verdientermaßen berühmt ist - doch auch davon gesprochen werden muss, dass die Polen während des Zweiten Weltkrieges mehr Juden getötet haben, als sie Deutsche getötet haben. Und das hat eine wütende Reaktion ausgelöst. Und dann haben viele Hurra-Patrioten, die keine Ahnung von polnischer Geschichte haben und denen Flüchtlinge total egal sind, Petitionen und Briefe an die Kanzlei des Präsidenten geschrieben, dass man mir den Verdienstorden wegnehmen soll, genauso wie sie die Generalstaatsanwaltschaft gebeten haben, gegen mich zu ermitteln, weil ich die polnische Nation verleumdet hätte.

Warum wird darüber plötzlich wieder so stark diskutiert?

Das ist nur ein Weg, um Legitimation zu erlangen. Das macht Kaczynski [PiS-Parteichef - Anm. d. Red. ] schon die ganze Zeit. Das fängt an mit der erfundenen Geschichte um den Unfall des Präsidentenflugzeugs bei Smolensk – das soll angeblich kein Unfall gewesen sein, sondern von irgendwem geplant. Aber keiner sagt, wer genau es gewesen sein soll, stattdessen werden nur Verdächtigungen gestreut, dass es Putin und die politischen Gegner Kaczynskis, in Polen beispielsweise Donald Tusk [früherer polnischer Premierminister - Anm. d. Red.] , gewesen sein müssen. Sie benutzen das, um ihre eigene Autorität zu legitimieren, darum fälschen sie die Geschichte. Da gibt es kein anderes Argument, wie sie ihr Publikum überzeugen können außer: "Guckt uns an, wir verteidigen den guten Ruf Polens und wir sind patriotisch!" Das ist total absurd.

Warum ist das "Neu-Schreiben" der Geschichte so wichtig?

Diese superpatriotischen und xenophobischen Einstellungen manifestieren sich in der Behauptung, dass polnische Menschen die einzigen Opfer waren. Und dass sie in allen historischen Episoden heroisch waren und immer nur von anderen verfolgt wurden. Die Vorstellung also, dass die Verfolgung der Juden etwas ist, das auch von Polen ausging, ist einfach ein komplettes Tabu-Thema.

Wird die Geschichte gerade uminterpretiert?

Ja, es wird sicher Versuche geben, die Geschichte umzuschreiben, und das wird zunehmen. Das Institut für Nationales Gedenken, das sehr viel veröffentlicht, ist gerade erst ver-PiS-t worden, um es mal so zu nennen (die PiS-Partei stellt seit Ende 2015 in Polen die Regierung, Anm. der Red.). Das Kollegium wurde mit komplett inkompetenten, nationalistischen Figuren besetzt. Die entscheiden nun über die Politik und Handlungen dieses sehr wichtigen Instituts, das eine bedeutende Rolle in der Erforschung des Jedwabne-Massakers gespielt hat.
Was die PiS machen wird - und das sehr effektiv - ist, den Lehrstoff an den Schulen zu ändern. Dazu kommt die Übernahme der öffentlichen Medien. All das, diese Hurra-Propaganda und der Schulunterricht, wird einen Effekt auf die junge Generation haben.
Vor einigen Jahren gab es eine Umfrage: Wer hat mehr während des Weltkrieges gelitten? Polen oder Juden? Der überwiegende Teil der Polen, zwischen zwei Drittel und drei Viertel meinte, dass die Polen mehr gelitten hätten als die Juden oder genau so stark oder sie gaben an, es nicht zu wissen. In anderen Worten: Die meisten Polen wissen nichts mit dem Holocaust anzufangen. Das ist unglaublich! Die Hälfte aller getöteten Juden waren polnische Juden. Das ist die größte Tragödie, die die polnische Gesellschaft je erlebt hat. Drei Millionen polnische Staatsbürger wurden auf besonders grausame Weise getötet, sehr schnell, in kurzer Zeit, und die polnische Bevölkerung heute weiß nichts darüber.

Sie sagen, die PiS-Partei wird die Geschichte umschreiben, indem sie die Lehrpläne umschreibt. Wie werden sie das genau machen?

Die PiS wird einfach entscheiden, was in welchem Schuljahr unterrichtet wird. Genau wie mir mein Orden aberkannt werden soll, weil ich Dinge sage, die für diese Hurra-Patrioten untragbar sind. Sie müssen niemandem etwas wegnehmen; sie müssen nur einen Lehrplan aufstellen für die Schulen, der diese Ereignisse fälschen wird.

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2016, 10:20 Uhr