Galina Mursalijewa russische Journalistin Nowaja Gazeta
Bildrechte: Galina Mursalijewa

"Es funktioniert wie eine Sekte"

50 Tage, 50 Aufgaben, am Ende steht der Selbstmord. Ein grausames Online-Spiel mit dem Namen der "Blaue Wal", das schon mehr als 100 Jugendliche das Leben gekostet hat, bewegt Russland. Aufgedeckt hat die Geschichte die Journalistin Galina Mursalijewa von der Zeitung "Nowaya Gazeta". Ihre Recherchen haben auch zu einer ersten Verhaftung geführt. Doch den Hintermännern droht kaum Strafe.

Galina Mursalijewa russische Journalistin Nowaja Gazeta
Bildrechte: Galina Mursalijewa

Sie sagen, dass ein Online-Spiel in Russland mehr als 100 Jugendliche in den Tod getrieben hat. Das klingt nach einem Hollywood-Film.

Wir haben bis jetzt leider schon 130 Jugendliche gezählt, die sich umgebracht haben. Wir haben das durch die Eltern erfahren, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt vernetzt haben, als sich herausstellte, dass sich in den Profilen der toten Jugendlichen bei dem russischen Pendant zu Facebook Hinweise auf bestimmte Gruppen fanden. 

Wie funktioniert das Ganze?

Die Jugendlichen beschäftigen sich in den sozialen Netzwerken mit irgendwas Positivem, Angenehmem. Mädchen zum Beispiel mit Schminke oder Mode. Und dann werden sie kontaktiert mit Nachrichten wie "Hallo, hat dich dein Freund verlassen?" oder "Hallo, hast du Probleme in der Schule? Dann komm' zu uns!" Und dann bekommen sie den Link zu den "Walen". Das Mädchen geht auf die Seite, da passiert dann auch noch nichts Schlimmes. Aber da finden sich dann schon Videos und Zeichnungen und Musik, die ausdrücken: "Es hat keinen Sinn zu leben." Die Mädchen werden gelobt, dass sie sich der Gruppe angeschlossen haben. "Gut, dass du zu uns gekommen bist." Und werden aufgefordert, eine Art Versteckspiel zu beginnen. Sie bekommen einen Administrator zugewiesen, der ihnen über 50 Tage verteilt Aufgaben stellt. Sie sollen zum Beispiel ein Mädchen zeichnen, das sich vor den Zug geworfen hat. Von dem toten Mädchen kursieren sehr viele Fotos im Netz. Sie war die erste Tote dieser Welle. Oder sie müssen sich selbst verletzen.

Aber von traurigen Bildern bis Selbstmord ist es ein weiter Weg. Was passiert dazwischen?

Es ist leicht, Jugendliche zu verführen. Sie sind in dem Alter sehr emotional. Ein Mädchen, das gerettet werden konnte, hat erzählt, dass ihr gesagt wurde, sie solle 4:20 Uhr aufstehen und Horrorfilme schauen. Oder sehr traurige Musik hören. Das heißt also, auf der einen Seite sind die Kinder total übermüdet, weil sie fast jede Nacht aufstehen und Aufgaben erfüllen müssen. Und das 50 Tage hintereinander. Und dann kommt auf der anderen Seite der Druck dazu. Das gerettete Mädchen hat berichtet, dass sie ihrem Administrator gesagt habe, dass es ihr sehr schlecht gehe und sie nicht mehr mitmachen wolle. Daraufhin wurde ihr gedroht, dass sie aus der Gruppe ausgeschlossen wird und danach alles nur noch schlimmer werde. Und zwar nicht nur für sie, sondern auch für Menschen, die ihr nahestehen.

Welche Jugendliche schließen sich dem Spiel an?

Die Opfer stammten eigentlich alle aus der Mittelschicht, haben beide Eltern, die sich kümmern. Es sind oft Mädchen.

Wer sind diese Administratoren? Wer steht hinter diesem Spiel?

Bisher ist nur einer von ihnen festgenommen worden. Filipp B., ein 21-Jähriger aus der Nähe von Moskau. Er hat die Todesgruppen gegründet und auch zugegeben, 17 Jugendliche in den Tod getrieben zu haben. Es ist schwer zu sagen, warum er das gemacht hat. Also, ob das Ganze einen kommerziellen Zweck verfolgt oder ähnliches. Wir haben Filipp B. interviewt und davon eine psychologisch-linguistische Analyse anfertigen lassen. Das Ergebnis war, dass es sich um eine Art destruktiven Kult handelt. Wie in einer Sekte im Prinzip. Sie umgarnen die Jugendlichen am Anfang mit Liebe und Anerkennung. Nach und nach werden sie aber emotional abhängig gemacht und können nicht mehr aussteigen.

Sie sagen, Filipp B. wurde festgenommen. Welche Strafe droht ihm?

Die Täter haben im Moment leider nichts zu befürchten. Das Problem ist, dass es keinen Straftatbestand gibt, auf dessen Grundlage die Administratoren verurteilt werden könnten. Verleitung zum Selbstmord greift nur, wenn sie die Kinder auch beleidigt oder erniedrigt hätten.

Strafverfolgung ist die eine Sache. Was kann man noch gegen das Phänomen unternehmen?

Die Jugendlichen müssen ja Fotos von ihren Aufgaben in den sozialen Netzwerken posten. Mittlerweile werden solche Bilder blockiert. Auch wenn die Plattform-Betreiber von Todesgruppen erfahren, werden die blockiert. Aber die Administratoren lernen ja sehr schnell und eröffnen dann einfach neue Gruppen. Die russische Gesellschaft ist im Moment eine große Hilfe in dieser Sache. Seit so viel darüber geredet wird und auch Ermittlungen laufen, ist die Bevölkerung sehr aufmerksam und aktiv. Die Menschen machen Screenshots, wenn sie etwas Verdächtiges finden, melden das der Polizei. Und auch die Ermittlungsbehörden arbeiten mit Hochdruck daran, das Phänomen in den Griff zu bekommen.

Galina Mursalijewa hat auf Grundlage ihrer Recherchen ein Buch geschrieben. "Kinder im Netz" ist eine Art Ratgeber für Eltern, wie sie ihre Kinder vor Online-Spielen wie "Der Blaue Wal" schützen können.

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2017, 16:46 Uhr