Die damals 67-jährige Adrina Iliescu (Bukarest) und ihre damals einjährige Tochter
Beim ersten Geburtstag von Eliza 2006 entstand dieses Foto von Iliescu und ihrer Tochter. Bildrechte: IMAGO

Rumänien Spätes Mutterglück

Adriana Iliescu könnte mit ihren fast 79 Jahren längst Großmutter sein. Doch dafür ist die Rumänin zu spät Mutter geworden. Ohne eine Eizellenspende wäre ihr Kinderwunsch ein Traum geblieben. In Deutschland ist solch eine Spende verboten, viele Frauen aber umgehen das Verbot und reisen nach Osteuropa.

von Annett Müller, Bukarest

Die damals 67-jährige Adrina Iliescu (Bukarest) und ihre damals einjährige Tochter
Beim ersten Geburtstag von Eliza 2006 entstand dieses Foto von Iliescu und ihrer Tochter. Bildrechte: IMAGO

Als die 66-jährige Literaturdozentin Adriana Iliescu eines Tages ihren Chef um ein wichtiges Gespräch bat, dachte er, sie wolle den Ruhestand beantragen. In ihrem Alter wäre das auch keine Überraschung gewesen. Iliescu aber bat um Mutterschaftsurlaub. Anfang 2005 brachte sie in einer staatlichen Klinik in Bukarest ein Mädchen zur Welt - Iliescu war zu diesem Zeitpunkt die älteste Mutter der Welt und kam mit der Geburt ins Guinness-Buch der Rekorde.

Während Frauen in ihrem Alter für gewöhnlich einen Gang zurückschalten und an die Rente denken, startete die Unidozentin noch einmal durch, wusch Windeln, kochte Babybrei, lehrte ihre Tochter Eliza sprechen, laufen, lesen. Dass jüngere Frauen sie bemitleidenswert anschauen oder hinter ihrem Rücken tuscheln, störe sie nicht. Die hätten "doch alle nur Komplexe", sagte Iliescu vor Jahren in einem Interview.

Im Rentenalter gebären

Annegret Raunig aus Berlin, Adriana Iliescu aus Bukarest, Rajo Devi Lohan aus dem indischen Alewa haben eines gemeinsam: Sie sind mit Mitte 60 noch einmal Mutter geworden.

Rajo Devi Lohan (72), Indien, eine der ältesten Mütter der Welt (2010)
Jahrelang hatte die Bäuerin Rajo Devi Lohan aus dem nordindischen Alewa versucht, mit ihrem Mann ein Kind zu bekommen. Weil es nicht klappte, versuchten sie es mit künstlicher Befruchtung. Im Jahr 2008 - mit 70 Jahren - bekam sie ein Mädchen, an den Komplikationen, die sich nach der Geburt einstellten, wäre sie fast gestorben. Lohan hatte eine Eizelle von einer jüngeren Frau erhalten. Dass eine Frau schwanger wird, spielt vor allem in den dörflichen Gegenden Indiens eine wichtige Rolle: Einer Mutter zollt man mehr Respekt. Bildrechte: IMAGO
Rajo Devi Lohan (72), Indien, eine der ältesten Mütter der Welt (2010)
Jahrelang hatte die Bäuerin Rajo Devi Lohan aus dem nordindischen Alewa versucht, mit ihrem Mann ein Kind zu bekommen. Weil es nicht klappte, versuchten sie es mit künstlicher Befruchtung. Im Jahr 2008 - mit 70 Jahren - bekam sie ein Mädchen, an den Komplikationen, die sich nach der Geburt einstellten, wäre sie fast gestorben. Lohan hatte eine Eizelle von einer jüngeren Frau erhalten. Dass eine Frau schwanger wird, spielt vor allem in den dörflichen Gegenden Indiens eine wichtige Rolle: Einer Mutter zollt man mehr Respekt. Bildrechte: IMAGO
Annegret Raunigk mit ihrem Baby Lelia
Die Berlinerin Annegret Raunigk (hier auf einem Bild von 2005) war schon mehrfach Mutter und Großmutter, als sie 2015 mit 65 Jahren noch einmal Nachwuchs bekam: Es waren Vierlinge. Im Fernsehen sagte sie, es sei schon stressig, aber eine Frage der Organisation. Sie wolle keines ihrer Kinder missen. Raunigk hatte sich die befruchtete Eizelle in einer ukrainischen Klinik einsetzen lassen, die Kinder selbst gebar sie in der Berliner Charité. Ihr Fall wurde von zahlreichen Ärzten und Politikern kritisiert. Er vermittle die Botschaft, dass es für ein Kind nicht zu spät sei. Bildrechte: dpa
Patricia Rashbrook und ihr Ehemann John Farrant posieren am 04.05.2006 vor ihrem Haus in Lewes (East Sussex).
Oft kostet die In-Vitro-Fertilisation ein Vermögen. Die Britin Patricia Rashbrook brachte 2006 einen Jungen auf diese Weise zur Welt. Sie war 62 Jahre alt. Aus früherer Ehe hatte sie bereits drei Kinder. Die Behandlung kostete Rashbrook 10.000 Pfund, das wären heute umgerechnet 11.000 Euro. Sie hatte mehrere Fehlversuche in Italien, in einer Klinik in Russland glückte die Behandlung, die wegen ihrer Gesundheitsrisiken für Leihmutter und Embryonen riskant ist. Bildrechte: dpa
Eliza Maria Iliescu, Rumänien
Iliescu hatte mehrere Fehlschläge bei der künstlichen Befruchtung. 2004 wurden ihr erneut drei befruchtete Embryonen eingesetzt, zwei starben. Daraufhin entschieden die Mediziner, den dritten Fötus anderthalb Monate vor Geburtstermin zu holen. Das Mädchen Eliza wog knapp 1.400 Gramm, bei diesem Gewicht spricht man von einem extrem unreifen Frühgeborenen. Nur durch die Versorgung im Brutkasten konnte das Baby am Leben gehalten werden. Bildrechte: dpa
Eliza liescu
Anfang 2017 feierte Eliza ihren inzwischen zwölften Geburtstag, sie geht in die 7. Klasse eines Bukarester Gymnasiums. Sie ist an Medienrummel gewohnt. Was sie von künstlicher Befruchtung hält, dazu wird sie erst in ein paar Jahren eine Meinung haben. (Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen | 19.10.2016 | 17:14 Uhr.) Bildrechte: Öffentlich-rechtliches TVR Rumänien/MDR
Die damals 67-jährige Adrina Iliescu (Bukarest) und ihre damals einjährige Tochter
Die Bukarester Literaturdozentin Adriana Iliescu sorgte 2006 international für Schlagzeilen, als sie mit 66 Jahren ein Mädchen gebar. Ihre behandelnden Gynäkologen hätten am liebsten verschwiegen, dass das Kind aus einer Eizellen- und Samenspende anonymer Spender entstanden war. Iliescu gab dies aber auf einer Pressekonferenz kurz nach der Geburt ihres Babys bekannt. Bildrechte: IMAGO
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Mehr Zeit als Rentnerin

War es mit 66 Jahren nicht längst zu spät für Nachwuchs und erst recht für eine Frau, die alleinstehend ist? Die heute fast 79-jährige Iliescu lehnt ein Interview zu diesen Fragen ab. Sie will sich nicht rechtfertigen müssen, wenngleich ihr Fall seit Jahren weltweit für mediales Aufsehen sorgt. In regelmäßigen Abständen berichten rumänische Medien über die Mutter, die in ihrem Rentenalter nur Vorteile sieht. Sie könne sich jetzt zu 100 Prozent auf Eliza konzentrieren und sei nicht wie jüngere Frauen hin- und hergerissen zwischen Kind und Karriere. Mutter zu sein, sei ihr Lebenstraum gewesen: Als sie mit 20 Jahren schwanger war, musste sie wegen einer TBC-Erkrankung abtreiben. Danach hat es jahrzehntelang einfach nicht mehr geklappt.

Leihmutter in der Menopause

ein frühgeborenes Kind
Als Eliza Anfang 2005 auf die Welt kam, war sie mit 1.400 Gramm ein unreifes Frühchen. Bildrechte: dpa

Als die künstliche Befruchtung auch in rumänischen Geburtskliniken ein Thema wurde, holte Iliescu den Kinderwunsch nach - ausgerechnet in der Menopause, wo der weibliche Körper keine befruchtungsfähigen Eizellen mehr herstellt. Iliescus Mutterschaft galt deswegen in der Presse 2005 noch als "medizinisches Wunder", heute ist ein solcher Eingriff fast Routine.

Iliescus Tochter wurde per In-Vitro-Fertilisation im Labor gezeugt, aus der Eizelle und dem Sperma zweier anonymer Spender. Wer die Eltern von Eliza sind, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Für Iliescu ist das kein Problem, sie hält sich für die leibliche Mutter, schließlich hat sie mit einer entsprechenden Hormonbehandlung das Kind ausgetragen - trotz Menopause. Die Erfolgsquote ist in diesem Alter bis heute gering. Auch sind späte Geburten umstritten, weil sie zahlreiche Gesundheitsrisiken bergen - für Leihmutter und Embryonen. Iliescu musste bei der Behandlung mehrere Fehlgeburten hinnehmen, bis sie Eliza zur Welt brachte - per Kaiserschnitt und sechs Wochen zu früh. Das Neugeborene wog mit 1.400 Gramm nicht einmal die Hälfte eines Durchschnittsbabys. Ohne Versorgung im Brutkasten hätte es nicht überlebt.

"Egoistisch und unverantwortlich"

Der Bukarester Theologe Florian Bichir.
Theologe Florian Bichir: "Natur regelt doch nicht vergeblich." Bildrechte: MDR/Annett Müller

Darf man im Rentenalter noch ein Kind bekommen? "Wünschen darf man sich alles", sagt der Politikexperte und Theologe Florian Bichir und fragt sich zugleich: "Aber muss man auch alles realisieren?" Er hat für orthodoxe Kirchenblätter immer wieder über den Fall Iliescu geschrieben. "Die Natur regelt doch nicht vergebens, dass eine Frau ab einem bestimmten Alter nicht mehr fruchtbar ist", meint er.

Dass die alleinstehende Iliescu so spät noch Mutter geworden sei, hält der Theologe bis heute "für egoistisch und unverantwortlich". Zu früh werde damit die Tochter mit Themen wie Pflegebedürftigkeit, Trauer und Tod konfrontiert. In der Tat könnte es passieren, dass Eliza in der Pubertät ihre Mutter pflegen muss, statt mit ihren Freunden um die Häuser zu ziehen. Und was, wenn die Mutter stirbt, bevor Eliza 18 Jahre ist? Das minderjährige Mädchen wäre auf einen Schlag eine Waise. "Wie kann man sich als Mutter auf ein solches Risiko einlassen", meint Bichir. Als die rumänische Presse bei Adriana Iliescu nachfragte, entgegnete sie, das sei ein "intimes Thema, das sie mit niemanden besprechen möchte".

Wann ist es für Nachwuchs zu spät?

Der Bukarester Gynäkologe Bogdan Marinescu.
Gynäkologe Bogdan Marinescu: "Meine Patientin hatte gute Werte." Bildrechte: MDR/Annett Müller

Hätte Adriana Iliescu mit 66 Jahren bei der Nationalen Adoptionsagentur in Rumänien vorgesprochen, hätte sie gewiss keine Chance gehabt. "Sie wäre natürlich durch das soziale Raster für adoptionsfähige Eltern gefallen", ist sich der Bukarester Gynäkologe Bogdan Marinescu sicher. Er verhalf Iliescu zum späten Mutterglück. Für ihn zählte, dass "meine Patientin die biologischen Werte einer 35-Jährigen aufwies. Das war beneidenswert", erinnert sich der 76-jährige Arzt.

Natürlich habe er sich auch moralische Fragen gestellt: "Doch sagen Sie mal einer Frau, dass sie zu alt für etwas ist. Das ist nun wirklich nicht die feine Art." Marinescu gehört heute zu den prominentesten Gynäkologen Rumäniens, der Iliescu-Fall hat ihn berühmt gemacht und über 50-jährige Frauen ermutigt, doch noch ihren Babywunsch in die Tat umzusetzen. "In ein paar Jahrzehnten wird der Mensch vielleicht im Durchschnitt über 100 Jahre alt werden. Sollen wir dann sagen, dass es mit 50 oder 60 Jahren schon zu spät für Nachwuchs ist?", fragt Marinescu.

Verbot lässt sich leicht umgehen

Orte der besonderen Sorte: Kinderwunschzentrum Leipzig
Mikroskopische Aufnahme einer künstliche Befruchtung. Bildrechte: MDR JUMP

Adriana Iliescu ist weltweit längst nicht mehr die einzige Mutter, die wegen ihres Alters für Schlagzeilen sorgt. Im Mai 2015 brachte eine Berlinerin in der Charité Vierlinge zur Welt - im Alter von 65 Jahren. Sie ließ sich die durch Samen- und Eizellenspenden erzeugten Embryonen in einer Klinik in der Ukraine einsetzen, denn in Deutschland ist das verboten. In vielen anderen Ländern Europas aber gibt es weniger strenge Regelungen, das deutsche Verbot lässt sich damit leicht umgehen. Sollte das politische Berlin damit nicht besser die Eizellenspende und die Leihmutterschaft legalisieren? Ein Thema, das im März auch der Deutsche Ethikrat diskutierte.

Eizelle für 2.000 Euro

Hochhaus in Bukarest
In einem solchen Hochhaus in Bukarest lebt Iliescu mit ihrer Tochter, von 440 Euro Rente monatlich. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Längst lassen sich Schätzungen zufolge Tausende Frauen im Ausland Eizellen einsetzen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Man reist vor allem nach Spanien, Tschechien, Russland und Polen. Auch in Rumänien sind Eizellenspenden erlaubt - vorausgesetzt, die Spenderin erhält dafür kein Geld. Die Realität ist in den meisten Fällen eine völlig andere. Nicht aus altruistischen Gründen lassen sich viele Spenderinnen auf den hormonellen, risikoreichen Eingriff ein, sondern aus finanziellen Gründen. Das Internet ist voller Anzeigen von Mitte 20-jährigen Rumäninnen, die ihre Eizellen für eine Summe von bis zu 2.000 Euro anbieten – das Dreifache eines monatlichen Durchschnittslohnes im Land.

Pläne für die Zukunft

Adrina Iliescu und Eliza Iliescu
Der rumänische Sender TVR war zu Gast, als Eliza Anfang des Jahres zwölf Jahre alt wurde. Bildrechte: Öffentlich-rechtliches TVR Rumänien/MDR

Die mehrfachen Eizellenspenden, auf die Adriana Iliescu angewiesen war, hätte sie sich finanziell niemals leisten können. Doch die ungewöhnliche Patientin bekam eine kostenlose Behandlung, sie war der Testfall. Inzwischen tatsächlich in Rente, empfing Iliescu Anfang des Jahres das öffentlich-rechtliche rumänische Fernsehen in ihrer Zweiraumwohnung in einem Bukarester Neubauviertel: Es gab den zwölften Geburtstag von Eliza zu feiern. Iliescu ließ die Öffentlichkeit einmal mehr teilhaben. Es gab eine Torte als Geschenk. Tochter und Mutter müssen mit 440 Euro Rente im Monat auskommen, nicht viel für die teure Millionenstadt Bukarest.

Eliza sitzt an einem verstimmten Klavier und klimpert sichtlich vergnügt. Stolz hört ihr Adriana Iliescu zu. Wenn ihre Tochter volljährig ist, wird sie 84 Jahre alt sein. Iliescu hat noch Zukunftspläne: Sie träumt davon, eines Tages Großmutter zu werden. Es ist ein Wettlauf gegen Zeit. Er könnte klappen - vorausgesetzt, ihre Tochter lässt sich beim Kinderkriegen nicht so viel Zeit wie sie.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 19.10.2016 | 17:14 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2017, 18:59 Uhr