Jens D. Mueller
Bildrechte: Jens D. Mueller

Der Befürworter Nord Stream - direkter Zugang zu den größten Gasreserven der Welt

Mit Nord Stream habe die EU einen direkten Zugang zu den größten Gasreserven der Welt. Die Pipeline sei zu 80 Prozent ausgelastet und eine neue Leitung, Nord Stream 2, nötig, meint Jens Mueller, Sprecher der Nord Stream 2 AG.

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Wie würden Sie die Arbeit von Nord Stream fünf Jahre nach Eröffnung der Pipeline bewerten? Hat sich der Bau für Deutschland und Europa gelohnt?

Mit Nord Stream verfügt die EU, d.h. auch die deutsche Industrie und der deutsche Verbraucher, über einen direkten Zugang zu den größten Gasreserven der Welt. Sie leistet ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit mit einer überdurchschnittlichen Auslastung von knapp 80 Prozent in 2016. Die Investoren sehen ihre Erwartungen voll erfüllt und deshalb ist das Interesse an einem Folgeprojekt groß. Fünf namhafte Unternehmen aus Großbritannien, Frankreich, Österreich und Deutschland wollen gemeinsam mit Gazprom daran mitwirken.

Seit Jahren ist davon die Rede, dass Europa seine Energieversorgung diversifizieren und sich von Russland unabhängiger machen möchte. Wie ist die Nord Stream-Pipeline in diesem Kontext einzuordnen? Ist Europa, ist Deutschland auf russisches Gas angewiesen?

Die EU hat große Fortschritte in der Diversifizierung erreicht. Ganze 30 Prozent des Gasverbrauches kommen aus Russland. Polen z.B. kann schon heute seinen Bedarf zu 90 Prozent aus nichtrussischen Quellen decken. Die Eigenproduktion in der EU wird aber sinken, insbesondere in der Nordsee. Selbst bei stagnierendem Bedarf muss deshalb ein Viertel des gegenwärtigen Verbrauchs zusätzlich importiert werden. Diese Lücke kann durch russisches Gas ebenso wie durch verflüssigtes Erdgas (LNG) gefüllt werden und nur der Wettbewerb wird über die Verteilung entscheiden.

Beim erwarteten starken Anstieg des weltweiten Gasbedarfs täte Europa gut daran, sich des strategischen Vorteils eines leitungsgebundenen Zugangs zu den russischen Reserven bewusst zu sein. Die LNG-Tankerflotte folgt dem höchsten Preis, der nach Expertenmeinung in Asien zu erzielen sein wird. Insofern ist LNG für die Diversifizierung eine wichtige Option, für die aber schon heute ein hoher Preis zu zahlen ist. Deshalb liegt die durchschnittliche Auslastung dieser Kapazitäten in Europa bei gerade einmal 30 Prozent.

Beim Bau der ersten Nord Stream-Pipeline gab es viel Widerstand aus Osteuropa, besonders aus Polen. Man befürchtete, Russland könnte die Leitung zu politischen Zwecken missbrauchen. Waren die Sorgen unbegründet?

Das Interesse an Versorgungsicherheit ist absolut legitim. Wie oben beschrieben, hat die EU in Sachen Diversifizierung Enormes geleistet und in absehbarer Zeit kann jeder Kunde aus vielen Quellen versorgt werden, sodass der Markt entscheidet und nicht die bloße Existenz einer Leitung. Polen ist auch dank der EU-Finanzierung ein Musterbeispiel für Diversifizierung. Deshalb scheinen die politisch geschürten Ängste eher Ausdruck des Wettbewerbs von morgen zu sein. Polen möchte ein Gasdrehkreuz werden, dass aus verschiedenen Richtungen Gas bezieht und in verschiedene Richtungen verkauft. Anderen Ländern geht es um Transitgebühren, den USA um den Absatz von LNG in Europa.

Aktuell ist Nord Stream 2 geplant, der Bau soll bereits 2017 erfolgen. Kann man als wirtschaftlich stärkster Staat Europas in einer derart brisanten außenpolitischen Situation und gegen den Widerstand anderer Mitglieder der Union ein Projekt solcher Größenordnung umsetzen?

Grundsätzlich basiert die Umsetzung des Projekts auf geltendem nationalen und internationalem Recht, auf dessen Grundlage unser Unternehmen eine Baugenehmigung in fünf Ländern beantragt. Außerdem entspricht Nord Stream 2 eindeutig den Hauptzielen der EU-Energiepolitik - Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Deutschland sieht das Projekt als unternehmerisches Vorhaben, andere Länder artikulieren sich aus wirtschaftlichen Gründen wie oben beschrieben sehr intensiv, die große Mehrheit der EU-Mitglieder beteiligt sich nicht an der Debatte. Insofern ist die in der Fragestellung beschriebene Situation nicht gegeben.

Braucht Europa überhaupt eine zweite Ostseeleitung? Immerhin wird die Kapazität der ersten bis heute nicht vollständig ausgeschöpft. Wie sinnvoll ist Nord Stream 2?

Alle namhaften Experten bestätigen den enorm wachsenden Importbedarf. Die existierende Nord Stream-Pipeline ist hervorragend ausgelastet. Im Straßenbau beginnt man nicht erst über Erweiterung nachzudenken, wenn auf vorhandenen Straßen Dauerstau besteht und für eine zusätzliche Spur Stop-and-Go schon garantiert ist. Genauso verhält es sich mit modernen Gasautobahnen. Für den Kunden bedeutet mehr Kapazität erst einmal Versorgungssicherheit und dann funktionierender Wettbewerb.

Zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2016, 09:38 Uhr

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