Meldung vom 17.03.2017 Ein Online-Spiel soll Jugendliche zum Suizid verleiten

Der "Blaue Wal" hält gerade Osteuropa in Atem. In Russland sollen dem Spiel schon Dutzende Jugendliche zum Opfer gefallen sein.

"Steh' um 4:20 Uhr auf und geh' auf das Dach deines Hauses. Je höher, desto besser." Die Aufgaben des Administrators beginnen scheinbar harmlos. "Schau' dir den ganzen Tag Horrorfilme an." Jeden Tag nehmen sie an Intensität zu - bis hin zur Aufforderung zur Selbstverstümmelung. Mit jedem Level im Spiel werden die Herausforderungen härter. Nach 50 Tagen soll der Selbstmord stehen.

Warnung vor Onlinespiel Blauer Wal
Der Blauwal ist das Erkennungszeichen für Mitglieder des Online-Spiels. Auf Instagram warnen Nutzer Eltern eindringlich davor. Bildrechte: Instagram

Was klingt wie ein Film, ist perfide Realität und beschäftigt derzeit ganz Osteuropa. Das Online-Spiel "Der Blaue Wal" gibt es in Russland schon seit mehr als einem Jahr und hat dort nach Angaben der russischen Regierung bisher mindestens 90 Jugendliche das Leben. Medien sprechen sogar von 130 Toten. Nun gibt es die ersten Todesfälle wohl auch in Kasachstan und Kirgistan. Auf Youtube finden sich mittlerweile Videos aus Polen und den baltischen Ländern, in denen Jugendliche über das Online-Spiel berichten.

Ein Sog aus trauriger Musik und Schreckensfilmen

Galina Mursalijewa russische Journalistin Nowaja Gazeta
Die Journalistin Galina Mursalijewa von der "Nowaya Gazeta" hat das Phänomen des tödlichen Online-Spiels in Russland aufgedeckt. Bildrechte: Galina Mursalijewa

Alles beginnt in den sozialen Netzwerken. Über eine Online-Plattform, dem russischen Pendant zu Facebook, werden Jugendliche in sogenannte Todesgruppen eingeladen. "Es funktioniert ähnlich wie bei Sekten", sagt Galina Mursalijewa. Sie hat für die Zeitung "Nowaya Gazeta" als erste in Russland über das Phänomen berichtet. "Die Jugendlichen werden mit Liebe umgarnt. Ihnen wird gesagt, wie schön es sei, dass sie den Weg zu den Walen gefunden haben und solche Sachen." Langsam werden sie in den Sog aus dunklen Bildern, trauriger Musik und Schreckensfilmen gezogen, die alle nur eine Botschaft vorgaukeln: Es lohne sich nicht, zu leben.

Ähnlich muss es wohl auch bei Sergej Pestows Tochter abgelaufen sein. Pestow hat versucht, aus dem Profil seiner Tochter in den sozialen Netzwerken zu rekonstruieren, wie sie so weit getrieben werden konnte, sich umzubringen. Pestow hat eine Art Selbsthilfegruppe gegründet, das "Zentrum zur Rettung von Kindern vor Cyber-Kriminalität". "Wir sind über 150 Eltern, deren Kinder alle gestorben sind. Und das war kein Selbstmord, sondern Mord." Peskows Worte sind drastisch, doch aus seiner Sicht werden die Jugendlichen psychisch manipuliert. "Das Kind kapselt sich ab, hat das Gefühl, dass es von niemandem gebraucht wird. Und in diese Leere tritt dann ein Mensch, der sich zum Ziel gesteckt hat, das Kind in den Tod zu führen."   

Administrator der Todesgruppen verhaftet

Dieser Mensch hieß wohl in vielen Fällen Filipp B. Er hat die Todesgruppen gegründet. Im November vergangenen Jahres wurde er verhaftet. Filipp B., ein 21-Jähriger, der als Einzelgänger beschrieben wird. Unzählige Interviews hat er gegeben, seit Monaten taucht er in den russischen Medien auf. Auch die "Nowaya Gazeta" hat ihn interviewt. Das Video zeigt einen unsicheren jungen Mann, die Haare an den Seiten kahl rasiert, schmächtig, unscheinbar. Doch seine Aussagen wirken kalt und menschenverachtend. Es scheint ihm um Aufmerksamkeit zu gehen, so jedenfalls der Eindruck, wenn man seine Äußerungen liest.

Er hat zugegeben, 17 Jugendliche in den Tod getrieben zu haben. "Die Täter haben nichts zu befürchten", sagt Mursalijewa. Im Moment gebe es in Russland keinen Straftatbestand, auf dessen Grundlage B. verurteilt werden könnte. "Jemanden in den Selbstmord zu treiben, ist zwar strafbar. Dazu muss der Täter das Opfer aber erniedrigt oder misshandelt haben. Das ist hier nicht der Fall."

Warnung vor Onlinespiel Blauer Wal
Von offizieller Seite wird einiges getan, um vor dem Online-Spiel zu warnen. Der Kreml hat einen eigenen Spot geschaltet. Bildrechte: Instagram

Immerhin scheinen die russische Justiz und die Bevölkerung aufgewacht zu sein. Sondereinheiten wurden gegründet, um die Administratoren der Gruppen zu ermitteln. Viele Hinweise kommen aus der Bevölkerung. Auch Pestows Selbsthilfegruppe ist aktiv: "Wir haben mehr als 600 Freiwillige, die am Computer sitzen, in den bestimmten Gruppen, dort Kinder finden, und die Infos dann den Strafverfolgungsbehörden und den entsprechenden Eltern übermitteln, damit die Bescheid wissen, was ihre Kinder im Netz machen." Zudem gibt Pestow Interviews in den russischen Medien.

Das Netz ist schneller als Eltern und Schulen

Eine schwierige Gratwanderung, findet Florian Rehbein, Psychologe am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. "Alleine den Finger heben und sagen, ihr dürft das Spiel nicht spielen, hat meist genau den gegenteiligen Effekt bei Jugendlichen. Sie werden neugierig und suchen erst recht danach." In Zeiten von Smartphones sei es auch für Eltern schwierig, den Medienkonsum ihrer Kinder zu überwachen. Zumal sich solche Gefahren in geschlossenen Gruppen abspielen. "Eigentlich muss man in den Schulen anfangen, darüber aufzuklären. Aber das Netz ist meist schneller als die staatlichen Strukturen", sagt Rehbein.

Sceenshot einer Internetseite
Wenn man bei Instagram nach Hashtags sucht, die auf das Spiel verweisen, wird den Usern psychologische Hilfe angeboten. Bildrechte: Instagram

Ein großes Problem ist auch, dass alle Inhalte im Zusammenhang mit dem Spiel im Netz frei zugänglich sind. Zwar hat Instagram mittlerweile eine Warntafel geschaltet, wenn man nach den entsprechenden Hashtags sucht. Darauf wird psychologische Hilfe angeboten. Doch die kann man mit einem Klick ignorieren. Die russische Online-Plattform, über die sich das Spiel verbreitet hat, hat sich auf Drängen von Journalistin Mursalijewa und betroffenen Eltern darauf eingelassen, Schock-Fotos und Videos zu sperren. 

In Deutschland ist der "Blaue Wal" bislang noch nicht angekommen. Doch Polen, Ungarn, Bulgarien und die baltischen Länder kämpfen schon mit dem Problem. Auch aus Frankreich haben sich schon Betroffene bei Galina Mursalijewa gemeldet. Das Problem aber wird bleiben, die Hintermänner zur Rechenschaft zu ziehen.

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2017, 16:44 Uhr