Bundeskanzlerin Merkel empfängt den serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic.
Kanzlerin Merkel, hier mit Serbiens Präsident Vučić, ist gegenwärtig eine Freundin der Serben, doch das Feindbild Deutschland steckt tief im kollektiven Bewusstsein der Serben. Bildrechte: IMAGO

Serie zum Tag der Deutschen Einheit Serbien: Feindbild Deutschland steckt noch im kollektiven Bewusstsein

Deutschland hat eine besondere Rolle im blutigen Zerfall Jugoslawiens in den 1990ern gespielt. Als die Bundesrepublik Ende 1991 international vorpreschte und Slowenien und Kroatien als eigenständige Staaten anerkannte, war im serbisch dominierten Rest-Jugoslawien schnell die Rede davon, dass sich die Deutschen an den Serben für zwei verlorene Kriege rächen wollten. Deshalb hegen die Serben noch immer stärkere Vorurteile gegenüber den Deutschen als andere osteuropäische Völker.

von Andrej Ivanji

Bundeskanzlerin Merkel empfängt den serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic.
Kanzlerin Merkel, hier mit Serbiens Präsident Vučić, ist gegenwärtig eine Freundin der Serben, doch das Feindbild Deutschland steckt tief im kollektiven Bewusstsein der Serben. Bildrechte: IMAGO

Wenn ein populistischer osteuropäischer Machthaber ein äußeres Feindbild braucht, hat er mit Deutschland ein leichtes Spiel. Er muss nur die überall vor Jahrzehnten von den deutschen Nationalsozialisten begangenen Verbrechen ausgraben und vom "neuen deutschen Hegemonismus" reden.

So geschah es in Serbien in den 1990er-Jahren, als der Bürgerkrieg in Jugoslawien begann. Als Deutschland seine Wiedervereinigung vollzog, war der Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens schon abzusehen. Die kommunistische wurde durch die nationalistische Ideologie ersetzt. Slowenien und Kroatien strebten zuerst eine Konföderation, dann die Unabhängigkeit an. Im Juni 1991 riefen die beiden jugoslawischen Teilrepubliken ihre Unabhängigkeit aus. In Belgrad sah man darin eine Kriegserklärung.

Genschers Alleingang

Ein Kommandant einer slowenischen Polizei Sonderheiten
In Slowenien war der Krieg 1991 schnell vorüber. Bildrechte: dpa

In Serbien war Slobodan Milošević schon längst an der Macht. Über gleichgeschaltete Medien heizte er den serbischen Nationalismus an. Die Serben lebten sowohl in Kroatien als auch in Bosnien und Herzegowina. In Belgrad entstand die politische Devise "Alle Serben in einem Staat" -  der damalige serbische Führer wollte alle Serben in einem vom Belgrad kontrollierten Territorium vereinigen. Der Krieg begann.

In Slowenien dauerte er nur zehn Tage, Milošević hatte an der nordwestlichen jugoslawischen Teilrepublik kein Interesse. In Kroatien brach dagegen im Spätsommer 1991 die Hölle los. Die militärisch übermächtigen Serben, unterstützt von der jugoslawischen Armee, brachten einen Teil Kroatiens unter ihre Kontrolle.

Auߟenminister Hans-Dietrich Genscher (L, Deutschland/FDP) und Präsident Slobodan Milosevic (Republik Serbien) in Belgrad, 1991.
Außenminister Hans-Dietrich Genscher (li.) weilte im Sommer 1991 in Jugoslawien, traf u.a. auch Slobodan Milošević (re.) in Belgrad Bildrechte: IMAGO

Europa schaute machtlos zu. Nicht jedoch der damalige deutsche Außenminister in der Regierung von Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher. Sobald Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit ausgerufen hatten, drängte Genscher auf ihre Anerkennung. Paris, London und Washington waren dagegen. Es war das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Deutschland im Alleingang eine außenpolitische Offensive startete. Deutschland nicht wohlgesinnte Kritiker meinten damals wie heute, das hätte mit dem "neuen Selbstbewusstsein" und der "neuen Erkenntnis der eigenen Kraft" nach der Wiedervereinigung zu tun gehabt.

Mit Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker erkannte die deutsche Bundesregierung Slowenien und Kroatien am 23. Dezember 1991 als eigenständige Staaten an. Am 15. Januar 1992 folgte die Anerkennung durch alle übrigen EG-Mitgliedstaaten.

Alte Verbrechen im neuen Kontext

Zu dieser Zeit war es überhaupt nicht angenehm, Deutscher in Serbien zu sein. "Die Deutschen wollen sich an den Serben für zwei verlorene Kriege rächen", lautete eine der staatlichen antideutschen Parolen. Man hob im aktuellen politischen Kontext zum Beispiel hervor, dass die deutsche Besatzungsmacht in Serbien während des Zweiten Weltkrieges für einen ermordeten deutschen Soldaten 100 Serben oder "Zigeuner" erschoss; dass die Wehrmacht in der Stadt Kragujevac aus Vergeltung rund 3.000 Menschen an einem Tag erschoss, darunter etwa 300 Schüler, die man aus ihren Schulklassen zerrte.

Die Staatspropaganda witterte in den 1990er-Jahren in Serbien die alte Kriegsachse – zwischen dem Nazi-Deutschland und dem unabhängigen Kroatien, einem faschistischen Satellitenstaat von Hitlers Gnaden. Zu dieser Zeit rehabilitierte die ebenfalls nationalistische kroatische Führung unter Präsident Franjo Tudjman kroatische Altfaschisten, relativierte die im faschistischen Kroatien begangenen Verbrechen, die Ausrottung von Juden, Roma und Serben.

Es war ein gefundenes Fressen für die serbische Propagandamaschinerie. Nach dem Alleingang Genschers bei der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens war es ein leichtes Spiel, die Serben von einem "Racheakt" der "alten Verbündeten gegen Serbien" zu überzeugen. Es galt, vor dem "äußeren Feind" die Reihen zu schließen, die Serben für den "berechtigten" Krieg zu begeistern, denn das "serbische Volk in den Nachbarländern ist bedroht".

Man stelle sich vor, was für eine Auswirkung es auf die Bevölkerung hat, wenn 24 Stunden am Tag über alle Medien gegen Kroatien - und eben Deutschland und "die Deutschen", Hassparolen verbreitet werden. Da findet irgendwann jede Verschwörungstheorie Gehör.

Deutschlands umstrittene Rolle

Die Frage, die sich im Nachhinein stellte, war: Musste ausgerechnet Deutschland mit seiner nationalsozialistischen Geschichte, wegen der kollektiven Erinnerung der Serben an grausame und massenhaft an Serben begangene deutsche Verbrechen, die Vorreiterrolle in der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens spielen?

"Niemand wagt es auf politischer Seite, die Bundesrepublik damals unter Kohl und Genscher mitverantwortlich (für den jugoslawischen Krieg) zu machen. Obwohl sie ohne jeden Grund und voreilig Slowenien und Kroatien anerkannt hat", bemerkte etwa der Schriftsteller Günter Grass.

In einem Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" aus dem Jahr 1999 konnte man lesen: "Die vom damaligen deutschen Außenminister Genscher durchgesetzte völkerrechtliche Anerkennung von Slowenien und Kroatien hat die derzeitige Balkankrise nicht behoben, sondern verschärft, insofern sie der historisch überholten und durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts kompromittierten Idee des Selbstbestimmungsrechts neuen Auftrieb gab."

Es gibt natürlich auch andere Meinungen über die Rolle Deutschlands im Jugoslawienkrieg. Genscher selbst erklärte seine damalige Position: "Die Entscheidung zur Anerkennung Sloweniens und Kroatiens vollzog nur eine Entwicklung nach, die längst unumkehrbar war." Die FAZ stellte ausgehend von dieser Erklärung fest: "Tatsächlich bestand Jugoslawien im Dezember 1991 schon seit Monaten nur noch auf dem Papier. In Kroatien tobte der Krieg, Dubrovnik und andere Städte wurden von serbischem Militär beschossen. Von der Stadt Vukovar war nur ein Schutthaufen geblieben. Auch in Slowenien hatten Kämpfe stattgefunden, in Bosnien wurde zum Krieg gerüstet. Es ging längst nicht mehr um den Erhalt des Staates, sondern nur noch um die Aufteilung der Konkursmasse des kommunistischen Staates."

Kampfpanzer vom Typ Leopard II und Schützenpanzer Marder (r) der Bundeswehr stehen (Archivbild vom 26.2.1999) auf der Ro-Ro-Anlage des Amerikahafens in Cuxhaven zur Verladung für den Kosovo bereit.
Panzer der Bundeswehr stehen am 26. Februar 1999 in Cuxhaven bereit für den Abtransport Richtung Kosovo Bildrechte: dpa

Als sich die deutsche Bundeswehr 1999 auch noch an den völkerrechtlich umstrittenen, fast drei Monate langen, Luftangriffen der Nato gegen Serbien und Montenegro beteiligte, war das "Feindbild des wieder großgewordenen Deutschlands" in Miloševićs Serbien komplett.

Die Bundeswehr beteiligte sich auch an den Friedenstruppen, die in das Kosovo nach den Luftangriffen einmarschierten. Deutsche Soldaten töteten im Juni 1999 zwei serbische Zivilisten im Kosovo. Die nationalistische serbische Presse schrieb damals: "Deutsche töten wieder Serben". Tatsächlich flüchteten damals zwei Serben in einem Auto aus der Stadt Prizren, deutsche Soldaten durchlöcherten den Wagen, das Geschehen wurde von einer Kamera aufgenommen. Es war das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, dass deutsche Soldaten in einem Auslandeinsatz töteten.

Die Freundschaft

Die heutige Regierung Serbiens unterstreicht die "ausgezeichneten" Beziehungen zwischen den zwei Ländern. Deutschland sei einer der wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Partner, ein "Freund" Serbiens, heißt es.

Heute ist es angenehm, ein Deutscher in Serbien zu sein. Man macht die klassischen Witze über den deutschen Fleiß und die deutsche Pünktlichkeit und Gründlichkeit, und das war es schon. Doch im kollektiven Bewusstsein der Serben steckt noch das in den 1990er-Jahren aufgeheizte "Feindbild Deutschland", ein propagandistisch erstelltes Vorurteil über "die Deutschen als Feinde der Serben".

Büste von Hans-Dietrich Genscher, von 1974 bis 1992 deutscher Außenminister
Eines der Denkmäler für den früheren deutschen Außenminister Hans-Dietrch Genscher in Kroatien Bildrechte: IMAGO

Man stelle sich vor, Berlin würde aus irgendeinem sachlichen Grund, irgendwann einmal, zum Beispiel, den EU-Integrationsprozess Serbiens blockieren. Dann könnte das "Feindbild-Theater" nur all zu leicht wieder beginnen.

In Kroatien wäre das unvorstellbar. In Zagreb hat das "dankbare kroatische Volk" ein Denkmal zu Ehren von Hans-Dietrich Genscher errichtet.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: HEUTE IM OSTEN - Reportage: Wir Serben | 25.03.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2017, 16:11 Uhr