Ein Plakat des albernen Humorfestival 'Juokis'
Das Humorfestival "Juokis" zelebriert bis heute den eher derben litauischen Humor. Bildrechte: Juokis-Festival

Worüber lacht der Osten? Litauen: Zwischen alten Klischees und neuem Neid

In Litauen lacht man gerne über andere: über Reiche, Auswanderer und Esten. Hinter dem mitunter derben Humor verbirgt sich nicht selten Neid. Doch es gibt auch eine aufstrebende junge Comedyszene.

von Vytenė Stašaitytė

Ein Plakat des albernen Humorfestival 'Juokis'
Das Humorfestival "Juokis" zelebriert bis heute den eher derben litauischen Humor. Bildrechte: Juokis-Festival

Humor findet in Litauen in Extremen statt: Zu Open-Mic Veranstaltungen, bei denen junge Comedians Witze über den Alltag und die Probleme der Gesellschaft machen, sind die Clubs in Vilnius voll. Aber auch in der Provinz füllen Kabarett-Truppen mit eher klassischem Humor die Säle. Über deren derben Humor machen sich die Hauptstadtkomiker dann wiederum bei ihren Open-Mic-Veranstaltungen lustig.

Humor spiegelt Gesellschaftsentwicklung in Litauen

So werden in der Provinz gerne uralte Witze aufgeführt, die noch nach Sowjetzeiten riechen. Nur sind sie heute mit xenophoben, rassistischen und homophoben Details ausgeschmückt. Auch ein Mann, der sich als Frau verkleidet, sorgt auf dem Land immer noch für laute Lacher. Etwa beim berühmten Humorfestival "Juokis", dass durch die Städte und Dörfer zieht. Vor einigen Jahren wurde dieses noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgestrahlt. Diese Witze klingen dann so:

Zwei Freundinnen am Flughafen warten auf ihren Flug nach Indien: 'Hast du dich geimpft', fragt die eine. Ja, sagt die andere: 'gegen die Dunklen, damit ich nicht schmutzig werde.'

Von dieser Art des Humors haben viele westlich orientierte junge Leute aber längst die Nase voll. Deshalb hat sich bereits im Jahr 2008 eine Open-Mic Gruppe gegründet, die bis heute erfolgreich ist. Wie auch in Westeuropa üblich, improvisieren die Comedians und kritisieren die Gesellschaft und die Politiker mit viel Ironie.

Auf dem richtigen Weg

Paulius Anbrazevičius ist dem Club kurz nach der Gründung beigetreten und hat vor einigen Jahren die Führung übernommen. Er arbeitet dort als Manager, greift aber auch selbst zum Mikro. Paulius findet, dass der Humors in Litauen auf dem richtigen Weg ist:

Die Leute begreifen langsam, dass Humor viel mehr als nur alte Anekdoten oder Agitprop ist. Leider ist die Lage im Fernsehen etwas trauriger, da dort originelle Humor-Programme keinen Platz finden. Aber das Fernsehen verliert seinen Platz eh an das Internet. Manche Komiker wurden da berühmt und sie wirken freier, ohne Einflusses der Produzenten, des Senders und der Zensur.

Der Komiker Paulius Ambrazevičius am Open-Mic
Der Komiker Paulius Ambrazevičius versucht am Open-Mic, einen anderen, kritischeren Humor zu präsentieren. Bildrechte: Mantas Repečka

Und wass finden die Zuschauer bei den Open-Mic-Abenden am witzigsten? Paulius erzählt, dass die Leute über ganz verschiedene Themen lachen. Von besonders beliebten Witzen über menschliche Beziehungen bis zu politischen Themen. Diese seien aber etwas weniger präsent, da sich junge Menschen leider oft zu wenig für Politik interessieren, sagt Paulius:

Am meisten freut mich, dass immer mehr Leute sowohl Auftritte auf der Bühne wagen, als auch zu unseren Veranstaltungen kommen. Dieser Graswurzel-Humor wird immer stärker. Mit der Quantität steigt dann auch die Qualität. Es ist wie im Sport: je mehr Leute Sport machen, desto größer werden die Chancen, dass einige Spitzensportler dabei herauskommen.

So seien selbst weltweit berühmte Comedians, die in Litauen Gastauftritte haben, positiv überrascht, dass zu den Open-Mics bis zu 300 Leute kämen. Damit könnten die Veranstaltungen sogar dem internationalen Vergleich standhalten.

Klischees und nachbarschaftliche Neckereien

Der volkstümliche Humor bedient sich nach wie vor an Klischees, die ironisch aufgegriffen werden. So gilt die landwirtschaftlich geprägte und wohlhabende Region Suvalkija als geizig. Ebenso wie die jüdische Minderheit, die aber oft auch als besonders schlau dargestellt wird.

Unter unseren Nachbarn sind die Letten eines der beliebtesten Witz-Ziele. Die werden vor allem für ihre Sprache ausgelacht, obwohl lettisch und litauisch die gleichen Wurzeln haben. Von meinen lettischen Freunden höre ich, dass die Letten die litauische Sprache andersherum genauso witzig finden.

Humor als Camouflage für Neid

Mehr als über diesen direkte Nachbarn wird in Litauen aber über Estland gelacht, die dritte der "baltischen Schwestern." Jemand sei "langsam wie ein Este", sagt man hierzulande gerne. Ironischerweise steckt dahinter wohl weniger Wahrheit, sondern mehr Neid. Denn die Esten sind mittlerweile die Vorreiter in vielen Bereichen. So gilt das Land etwa als Europas Musterstaat in Sachen Digitalisierung.

Auch ein relativ neuer Trend zeigt politische Umwälzungen. So lacht man mittlerweile besonders gerne über litauische Auswanderer. Die haben die Neurreichen als Lieblings-Zielgruppe abgelöst. Denn Litauen leidet enorm unter der massenhaften Auswanderung nach dem Zerfall der Sowjetunion. Da tut es gut, auch mal über sich selbst zu lachen:

Der letzte, der Litauen verlässt, bitte Licht im Flughafen ausmachen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: Radio | 11.09.2017 | 17:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2017, 16:14 Uhr

Aus unserer Serie: "Worüber lacht der Osten?"