Der Warschauer Historiker Marcin Zaremba
Der Warschauer Historiker Marcin Zaremba Bildrechte: Marcin Zaremba

Interview "Die vierte Phase des Holocausts"

Der polnische Historiker Marcin Zaremba sorgt mit einen Forschungsergebnissen für Aufregung, weil sie so wenig ins bisherige Geschichtsbild der Polen passen. Er untersuchte, wie seine Landsleute im Zweiten Weltkrieg und kurz danach ihre jüdischen Nachbarn und Mitmenschen behandelten.

Der Warschauer Historiker Marcin Zaremba
Der Warschauer Historiker Marcin Zaremba Bildrechte: Marcin Zaremba

Laut Dokumenten, die Sie veröffentlichen, haben die Polen während der deutschen Besatzung mehr Juden als Deutsche getötet. Um welche Zahlen handelt es sich?

Deutsche Berichte aus dem damaligen "Generalgouvernement" belegen, dass in der Zeit zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 ungefähr 1.300 Deutsche getötet wurden. Dazu muss man noch 900 Mithelfer vor allem aus den Reihen der polnischen und ukrainischen Polizei rechnen. Wir reden über die Zeit nach dem Angriff im September 1939 auf Polen, bei dem es 17.000 deutsche Opfer gab – und vor August 1944, als der Aufstand im besetzten Warschau ausbrach, in dem wiederum zwischen 2.000 und 9.000 Deutsche getötet wurden. In derselben Zeit – also zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 - wurden mehr als 10.000 Juden an die Deutschen ausgeliefert oder von Polen ermordet.

In Polen hat die sogenannte "Blaue Polizei" mit den Nazis zusammengearbeitet. War sie auch im Warschauer Ghetto tätig?

Im Warschauer Ghetto gab es die jüdische Polizei. Doch aus dem berühmten Bericht des deutschen SS-Brigadeführers Jürgen Stroop, der für die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes verantwortlich war, geht hervor, dass die polnische "Blaue Polizei"an dieser Aktion beteiligt war. Zwei Polen sollen dabei umgekommen und mehrere verletzt worden sein. Doch die Rolle der "Blauen Polizei" ist noch nicht erforscht. Haben sie etwa an der Mauer herumgestanden, haben sie vielleicht auf die Aufständischen geschossen? Diese Fragen sind noch offen.

Den polnischen Widerstandskämpfern der Heimatarmee und den sogenannten "verstoßenen Soldaten" werden Antisemitismus und Morde an Juden vorgeworfen. Was ist an den Vorwürfen dran?

In der Heimatarmee ist es zu einzelnen Fällen gekommen, das stimmt, doch das war nicht der Mainstream. Die Gesinnung ihrer Führungsgremien würde ich als linksliberal bezeichnen. Es wäre aber ungerecht zu sagen, dass die Heimatarmee Juden getötet hat. Die Heimatarmee hat polnische Kollaborateure getötet – es waren rund 2.500 Polen oder Volksdeutsche. Die Organisation Zegota hat den Juden in den Ghettos geholfen.

Bei den sogenannten "verstoßenen Soldaten" - also den Partisanen der Nationalen Streitkräfte - gab es oft keine Führungsstrukturen, keine Befehlshaber. Wurde im Jahr 1942 ein Kollaborateur getötet, war es die Faustregel, dass man die Frau und die Kinder am Leben ließ. Doch schon 1945 wurden auch Frauen und Kinder getötet. Kurz nach dem Krieg herrschte in Polen ein blutiger Bruderkrieg: Es war eine ruinierte Gesellschaft – mit starkem Antisemitismus.

Die Polnische Heimatarmee war eine Militärorganisation im Nazi-besetzten Polen. Sie war die größte militärische Widerstandsorganisation in Europa während des Zweiten Weltkriegs. 1944 zählte sie 350.000 Mann.

Sie sprechen in Bezug auf die Nachkriegsjahre in Polen von der "vierten Phase des Holocausts". Worauf beruht diese scharfe Formulierung?

Der Holocaust wurde von den Deutschen initiiert. Die Entscheidungen kamen aus Berlin. Während des Holocausts haben die Polen gesehen, dass das Menschenleben keinen Wert mehr hatte. Sie haben zugeschaut, wie der Mensch wegen seiner Abstammung behandelt werden kann. Der Holocaust war eine Schule des Hasses. In den ersten Nachkriegsjahren trugen die Polen diese Last des Krieges: Die neue Welle der Gewalt war ein Resultat der Holocaust-Erfahrung – und dazu gehören nicht nur polnische Pogrome an den Juden, sondern etwa auch die Aktion "Weichsel" von 1947, also die Zwangsaussiedlung der Ukrainer aus dem Südosten der Volksrepublik Polen.

Marcin Zaremba ist Historiker an der Universität Warschau. Er erforscht die polnisch-jüdischen Beziehungen. 2012 veröffentlichte er unter dem Titel "Die große Angst" seine Forschungsergebnisse über Pogrome an den Juden im Nazi-besetzten Polen und in den Nachkriegsjahren.

Über dieses Thema berichtete MDR auch im TV: MDR Aktuell | 21.04.2017 | 17:45 Uhr
MDR Zeitreise | 18.04.2017 | 21:15 Uhr

(Zuerst veröffentlich am 20.04.2017 )

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 12:26 Uhr