Das Foto von ICTY zeigt den Angeklagte Slobodan Praljak am 29.11.2017 während des UN-Kriegsverbrechertribunals zum früheren Jugoslawien, in Den Haag, wie er eine Flüssigkeit zu sich nimmt.
Slobodan Praljak am 29. November 2017 Bildrechte: dpa

Ex-Jugoslawien: Fragile Stabilität

Der kroatische Ex-General Slobodan Praljak wurde im November 2017 vom Kriegsverbrechertribunal wegen Kriegsverbrechen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Gleich nach der Urteilsverkündung schluckte Praljak Gift. Er starb wenige Stunden später. In Kroatien wird der Kriegsverbrecher als Held gefeiert.

von Andrej Ivanji

Das Foto von ICTY zeigt den Angeklagte Slobodan Praljak am 29.11.2017 während des UN-Kriegsverbrechertribunals zum früheren Jugoslawien, in Den Haag, wie er eine Flüssigkeit zu sich nimmt.
Slobodan Praljak am 29. November 2017 Bildrechte: dpa

"Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher! Ich weise Ihr Urteil zurück!", schrie der 72-jährige bosnisch-kroatische Ex-General, griff nach einer kleinen Flasche, schluckte das darin enthaltene Gift und starb wenige Stunden später. Die Richter des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), die Sekunden zuvor eine zwanzigjährige Haftstrafe für Praljak bestätigten, konnten nur verblüfft zuschauen, was in ihrem Gerichtssaal passierte. Der Urteilsspruch, mit dem das ICTY nach über zwei Jahrzehnten seine Arbeit beendete, wurde live übertragen.

Spektakuläre Aktion überschattete kurzzeitig das Urteil

Slobodan Praljak
Slobodan Praljak vor dem Kriegsverbrechertribunal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der frühere Regisseur und spätere Kriegsverbrecher inszenierte seinen Suizid perfekt und sorgte vergangene Woche für Schlagzeilen in der ganzen Welt. Für eine kurze Zeit überschattete er mit seiner spektakulären Aktion das schwerwiegende Urteil, das weitreichende Folgen für Kroatien, Bosnien und Serbien haben wird: Nicht nur Praljak und fünf weitere bosnische Kroaten wurden nämlich wegen Verletzung des Kriegsrechts, Verbrechen an der Menschlichkeit und ethnischer Säuberung zu insgesamt 111 Jahren Haft verurteilt, auch die kroatische Staatsspitze aus den 1990er-Kriegsjahren wurde de facto für das "gemeinsame kriminelle Vorhaben", Teile Bosniens ethnisch zu säubern, schuldig gesprochen.

Empörung, Genugtuung und Schadenfreude

Kerzen für Slobodan Praljak
Gedenken für Slobodan Praljak in Zagreb. "Held" steht auf dem Plakat und: "Danke, General!" Bildrechte: IMAGO

Während Bosniaken dieses Urteil mit Genugtuung und Serben mit Schadenfreude wahrnahmen, löste es unter Kroaten Empörung aus. Die meisten kroatischen Medien bezeichneten den Selbstmord als die "Heldentat" eines Mannes, der sich mit dem "ungerechten" Urteil nicht hätte abfinden können; das kroatische Parlament gedachte mit einer Schweigeminute des Generals; die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović  sprach von einem "Mann, der es vorzog, sich sein eigenes Leben zu nehmen, statt für Taten zu leben, von denen er überzeugt war, sie nicht begangen zu haben"; Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenković redete vom "tiefen moralischen Unrecht" und Parlamentspräsident Goran Jandroković warf die "Deutung der Geschichte" des ICTY ab, denn "eine solche Deutung trage nicht zur Versöhnung zwischen den Völkern bei, weil die Grundlage für Versöhnung die historische Wahrheit ist". Aus seiner Sicht wäre das wohl die kroatische "historische Wahrheit".

Historische Wahrheiten

Doch ob Serben, Bosniaken oder Albaner, die Völker, die bis zum Ausbruch des Krieges 1991 jahrzehntelang friedlich miteinander in Jugoslawien lebten, haben ihre eigene "historische Wahrheit". Die Helden der einen, sind die Henker der anderen. Man weist stets auf die eigene Opfer und die Verbrechen der anderen hin. Jede politische Führung pflegt den Mythos von der absoluten Unschuld des eigenen Volkes. Selbstkritische Stimmen werden totgeschwiegen. Ein Prozess der Vergangenheitsbewältigung, eine Aufarbeitung der Geschichte hat nicht stattgefunden.

Der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic, 2015, bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Srebrenica-Völkermordes.
Der serbische Präsident Aleksandar Vucic bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Srebrenica-Völkermordes. Bildrechte: dpa

So stellte man in Kroatien verbittert und mit blanker Empörung fest, dass das ICTY die Staatsspitze Serbiens und Slobodan Milosevic nicht für Kriegsverbrechen in Bosnien schuldig gesprochen hatte, obwohl zwei Drittel der Verurteilten vor dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien Serben sind. Serbiens Regierungschef Aleksandar Vučić meinte darauf verärgert, die Kroaten sollten lieber "in den Spiegel schauen". Belgrad beschuldigt Kroatien, über 200.000 Serben vertrieben und das Land systematisch ethnisch gesäubert zu haben. In Serbien liegt auch ein Haftbefehl wegen an Serben begangenen Kriegsverbrechen gegen den amtierenden kosovarischen Ministerpräsidenten Ramush Haradinaj vor, der ebenfalls vom ICTY angeklagt worden ist, doch mangels Beweise freigelassen wurde – mehrere Zeugen, die gegen Haradinaj aussagen sollten, starben unter mysteriösen Umständen.

Der Tabubruch

Franjo Tudjman
Franjo Tudjman nach der gewonnenen Präsidentschaftswahl 1997 in Zagreb Bildrechte: dpa

Der heldenhafte Kampf für die "Freiheit", für die Unabhängigkeit, die Rolle des "Gründerpräsidenten" Franjo Tudjman, ist in Kroatien Tabu. Die dabei begangenen Verbrechen werden unter den Tisch gekehrt. Ebenso, dass die Familien Praljak und Tudjman während des Kriegs reich geworden sind. Ähnlich ist es in Serbien, im Kosovo und in Bosnien, in dem wiederum junge Generationen von Bosniaken, Serben und Kroaten mit ihrer eigenen historischen Wahrheit heranwachsen.

Keine Versöhnung

Das ICTY hat es nicht geschafft, zur Versöhnung zwischen den einstigen jugoslawischen Völkern beizutragen. Sein letztes Urteil hat abermals gezeigt, wie leicht die unvernarbten Wunden wieder aufbrechen können, wie fragil die Stabilität auf dem Westbalkan ist und wie leicht die Gemüter immer wieder zu erregen sind.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Aktuell" 01.12.2017 | 17.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2017, 09:22 Uhr