Scooter-Konzert in Leipzig am 04.03.2016
Bildrechte: MDR JUMP/ Hagen Wolf

Warum ein Scooter-Konzert auf der Krim zum Politikum wird

Die Techno-Band Scooter hat gerade erst in Leipzig gespielt, im August auf der Krim. Die Ukraine droht den Bandmusikern dafür bis zu acht Jahre Haft an. Scooter will trotzdem am Auftritt auf der Halbinsel festhalten.

von Denis Trubetskoy

Scooter-Konzert in Leipzig am 04.03.2016
Bildrechte: MDR JUMP/ Hagen Wolf

Ein geplanter Auftritt der deutschen Techno-Band Scooter wird zum Zankapfel in der Ukraine. Neben der bekannten russischen Band Leningrad sowie dem früheren ESC-Gewinner Dima Bilan gehört Scooter zu den Headlinern des ZB Festivals, das Anfang August in Balaklawa, einem Vorort der Flottenstadt Sewastopol, stattfinden soll. Das angekündigte Konzert sorgte für Aufregung, vor allem die ukrainische Botschaft in Berlin griff die deutsche Band für ihre Pläne hart an. Scooters Frontmann H.P. Baxxter rechtfertigte die Entscheidung, auf die annektierte Halbinsel zu fahren: "Das Ziel unserer Krim-Reise ist nicht, dort Politik zu machen. Wir wollen unseren dortigen Fans eine Show anbieten."

Scooter drohen acht Jahre Haft

Dass bei H.P. Baxxter und Co. ("Hyper, Hyper", "How much is the fish?") wahrscheinlich niemand ernsthaft eine politische Botschaft erwartet, spielt dabei keine Rolle. Offizieller Hintergrund ist der Reiseweg: Scooter wird nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit die Krim über Russland mit einem Flugzeug erreichen – was aus Kiewer Sicht eine Verletzung der ukrainischen Grenze darstellt. Die Ukraine besteht darauf, dass die Einreise auf die Halbinsel nur über das ukrainische Gebiet erfolgen darf. Außerdem sollen Ausländer eine Genehmigung der ukrainischen Migrationsbehörde einholen - die allerdings für die Austragung von Unterhaltungsveranstaltungen nicht ausgegeben wird. Durch diese Maßnahmen, und hier kommt der tatsächliche Hintergrund ins Spiel, will Kiew die internationale Legitimierung der Annexion der Krim verhindern. Im Normalfall würde Scooter bei Verstoß eine Einreisesperre von drei Jahren drohen. Gesetzlich möglich ist aber auch eine Haftstrafe von einem bis acht Jahre. Die ukrainische Staatsanwaltschaft hat sie der Band angedroht - auch wenn dieses drastische Mittel wahrscheinlich ohnehin nicht durchgesetzt werden kann.

Präzedenzfall Samojlowa beim ESC

Wie ernst es der ukrainischen Führung mit den Sanktionen gegen Künstler, die auf der Krim auftreten, ist, zeigte sich jüngst am Beispiel der russischen ESC-Kandidatin Julia Samojlowa . Die russische Sängerin, die ihr Land beim Contest in Kiew mit dem Lied "Flame is burning" vertreten sollte, war auf einem Konzert im Sommer 2015 auf der von Russland besetzten Krim aufgetreten – und hatte damit das ukrainische Gesetz verletzt. Nach langen Diskussionen und Beratungen entschied sich der ukrainische Sicherheitsdienst letztlich für eine dreijährige Einreisesperre für die Russin. Das Thema war damit erledigt, spielte aber bis zum Ende des ESC eine tragende Rolle. Nicht zuletzt, weil die für Kiew gesperrte Künstlerin an anderer Stelle konzertierte: Wieder auf der Krim.

Prominente Namen mit klarem Bekenntnis

Klar ist aber auch: Krim-Auftritte internationaler Künstler sind ein Statement, und die Folgen werden in Kauf genommen. Dem serbischen Musiker Goran Bregovic wurde 2015 nach einem Konzert auf der Halbinsel nicht nur die Einreise in die Ukraine verweigert, sondern auch die Teilnahme an verschiedenen Festivals außerhalb der Ukraine, unter anderem in Polen. Was ihn allerdings ebensowenig stören dürfte wie den US-amerikanischen Schauspieler Steven Seagal, einen erklärten Bewunderer des russischen Präsidenten Putin: Der Action-Star ("Auf brennendem Eis"), dessen Martial-Arts-Künste wesentlich bekannter sind als seine musikalischen Ambitionen, war mit seiner Blues-Band im August 2014 bei einem Festival des Motorradclubs "Nachwölfe" auf der Krim aufgetreten. Eine fünfjährige Einreisesperre in die Ukraine folgte.

"Alles ist schwieriger geworden"

Für Leute wie Igor Neskubin, den Präsidenten des Rock-Clubs in der Krim-Hauptstadt Simferopol – einer der bekanntesten Promoter der Halbinsel - ist die aktuelle Situation längst zu einem Alltagsproblem geworden. Der gebürtige Simferopoler versuchte seit Jahren, westliche Musiker auf die Krim zu holen. 2014, im Jahr der russischen Annexion, gelang es ihm noch, Auftritte der Band U.D.O. des deutschen Rocksängers Udo Dirkschneider sowie des Uriah-Heep-Gründers Ken Hensley zu organisieren. Jetzt ist alles deutlich komplizierter geworden. "Klar haben auch früher keine Top-Bands die Krim besucht, sie gingen alle eher Richtung Moskau, Kiew und St. Petersburg", erklärt Neskubin. "Die Möglichkeit bestand jedoch, nichts war von vornherein ausgeschlossen." Heute sei die Situation eher so, dass trotz allen Verhandelns am Ende immer die Möglichkeit bestehe, dass das Konzert in letzter Sekunde abgesagt werde: "Dann machen wir letztlich Verluste, auch wenn uns ein super Vertrag vorliegt", so der Simferopoler. Eine andere Promoterin aus Simferopol, die ihren Namen nicht nennen will, macht sich die gleichen Sorgen: "Wir können die besten Vertragsbedingungen der Welt haben, doch am Ende gibt es in einem solchen Fall immer einen Minus."

Auch viele russische Künstler sagen "Net"

Verlierer sind auf jeden Fall die Musikfans auf der Krim. Denn es sagen nicht nur westliche Musiker ab. Die Anzahl der Auftritte russischer Künstler ist zwar seit der russischen Annexion gestiegen, dennoch mag manch einer kein Zeichen mit einem Konzert auf der Krim setzen. Wie etwa Fjodor Tschystjakow, ehemaliger Frontmann der bekannten Rock-Band Nol. Im Februar 2016 sagte er alle Auftritt auf der Schwarzmeerhalbinsel mit der Begründung ab, er wolle bei keinem den Eindruck erwecken, mit der "...ganzen Geschichte“ etwas zu tun zu haben: „Ich kann nicht einfach auf die Krim fahren, um den Menschen dort Freude zu bereiten", betonte Tschystjakow. "Ich habe keinen Spaß an dieser Situation. Die ganze Lage erschüttert mich zutiefst."

Aus der Band gefeuert

Einen ganz anderen Eindruck hinterließ im letzten Jahr die legendäre russische Band Woskressenije. Bei einem Konzert in Simferopol trat sie ohne ihren Frontmann auf. "Unser Genosse wollte die okkupierte Krim nicht besuchen. Doch wir sind da, weil die Halbinsel gehört euch", sagte ein Woskressenije-Vertreter von der Bühne. Schließlich wurde die Band von Zuschauern mit Eiern beworfen, Sänger Sapunow wurde wenige Monate danach gefeuert. Bemerkbar ist auch die Abwesenheit der großen Bands wie DDT, Maschyna Wremeni oder Aquarium, die früher oft auf der Krim vorbeischauten, nun aber der Kreml-Politik eher kritisch gegenüberstehen. Die Krim-Bewohner, die nun deutlich weniger Chancen haben, beliebte Künstler zu sehen, haben sich nach Beobachtung von Igor Neskubin mittlerweile daran gewöhnt: "Eine solche Situation ist aber niemals angenehm – vor allem für die einfachen Leute, die nichts mit der Politik zu tun haben", sagt der Promoter.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 12.05.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2017, 10:42 Uhr

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