Proteste gegen Aleksander Vucic in Belgrad (Serbien)
Diese Demonstranten machen keinen Hehl daraus: Sie sehen im System Vučić eine Diktatur. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Serbien Demonstranten wollen "Diktatur Vučić" verhindern

Am 2. April wird Aleksandar Vučić im ersten Urnengang zum neuen serbischen Präsidenten gewählt - und plötzlich gehen Tausende Menschen in den Städten des Landes auf den Straße. Die Proteste halten an. Die hauptsächlich jungen Demonstranten befürchten, dass ihr Land mit Präsident Vučić an der Spitze auf dem besten Weg ist, eine "Diktatur" zu werden.

von Andrej Ivanji

Proteste gegen Aleksander Vucic in Belgrad (Serbien)
Diese Demonstranten machen keinen Hehl daraus: Sie sehen im System Vučić eine Diktatur. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Am 3. April waren plötzlich Tausende auf den Straßen serbischer Städte. Die vorwiegend jungen Menschen organisierten sich spontan über Instagram, Facebook und Twitter. Sie wollten ihren Unmut über den Zustand in Serbien äußern. Sie wollten sich mit dem haushohen Sieg von Ministerpräsident Alekandar Vučić bei den Präsidentschaftswahlen am Tag zuvor nicht abfinden. Und seitdem hören sie nicht mehr auf, "gegen die Diktatur" zu demonstrieren.

Trillern, pfeifen und schreien gegen das System

Proteste gegen Aleksander Vucic in Belgrad (Serbien)
Diese Teilnehmerinnen fordern: "Wir sind hungrig nach Gerechtigkeit, wir wollen Kultur, keine Butterbrote und Diktatur". Außerdem: "Weisen wir ihn (Vučić) endlich ein!" Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Jeden Tag um 18 Uhr versammeln sich die Demonstranten in Belgrad, Novi Sad, Niš, Kraljevo, Kragujevac, Zaječar, Kruševac … Dann beginnt der Protestmarsch. Sie trillern, pfeifen und schreien gegen das Regime Vučić. Sie rufen die Mitbürger auf, "zu erwachen" und sich dem Protest anzuschließen. Sie blockieren den Verkehr und machen sich erst gar nicht die Mühe, die Demos bei der Polizei anzumelden. Sie bezeichnen den gewählten Präsidenten und Immer-noch-Ministerpräsidenten Aleksandar Vučić als einen "Diktator" und verspotten ihn. Seine Initialen A.V. rufen sie wie Hundebellen: "AV AV AV AV AV!" Sie machen sich lustig über den autoritären Vučić, der auch die leiseste Kritik nicht ausstehen kann.

Regierungsnahe Medien verunglimpfen Demonstranten

Proteste gegen Aleksander Vucic in Belgrad (Serbien)
Die Massenproteste - hier in Belgrad vor dem 1999 von der NATO zerstörten Gebäude des Generalstabes - können auch die regierungsnahen Medien nicht mehr ignorieren. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Regierungsnahe Medien haben die Proteste zunächst ignoriert, sie wurden mit keinem Wort erwähnt. Doch es wurden immer mehr Menschen auf den Straßen, die Massenproteste verbreiteten sich wie Lauffeuer in den sozialen Netzwerken und es scheint, dass sie gar nicht mehr aufhören wollen. Dann bezeichneten die Vučić-treuen Medien wie der TV-Sender "Pink" und die Tageszeitung "Informer" die Demonstranten als "eine Handvoll" von "ausländisch bezahlten Söldnern", "Junkies", "Säufer" oder als "verführte Jugend". Der Ton war: Die Opposition, unterstützt von "finsteren Machtzentren wie dem Milliardär George Soros", wolle sich mit dem haushohen Sieg Aleksandar Vučićs bei den Präsidentschaftswahlen nicht abfinden und das "mazedonische Szenario" herbeirufen – eine quasi legitim gewählte Regierung mit Straßenprotesten zum Rücktritt zwingen.

Demonstranten fordern Demokratie und Jobs

"Schau, ich bin so eine Söldnerin und Süchtige", lacht die Wirtschaftsstudentin Ana. Auch ihre Freunde lachen. Warum sie denn demonstrieren? Weil in Serbien nur Mitglieder von Vučićs Serbischer Fortschrittspartei (SNS) einen Job bekommen könnten. "Und weil sich Vučić wie ein Führer aufführt, der über Gesetz und Parlament steht und die Polizei und die Justiz kontrolliert", sagt der zwanzigjährige Milan. Ob sie denn Angst hätten? "Nee!" Man sieht keine verbissenen Gesichter, bei den Demos herrscht Partystimmung.

Die Demonstranten fordern auch unabhängige staatliche Institutionen und Medienfreiheit. Vučić habe seinen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen der Gleichschaltung der Medien und der Repression zu verdanken, sagen die Demonstranten. Manche glauben, er habe die Wahlen fälschen lassen. Sie lehnen es entschieden ab, mit irgendeiner politischen Partei in Zusammenhang gebracht zu werden.

Gewerkschaften schließen sich an

Den jungen Menschen schließen sich auch immer mehr Rentner an. Ihnen wurden unlängst die Renten gekürzt. Die Proteste im wirtschaftlich ruinierten Serbien nehmen damit auch immer mehr einen sozialen Ton an. Verschiedene Gewerkschaften kündigten an, sich anzuschließen.

Inzwischen schlossen sich umgekehrt Zehntausende Demonstranten dem Protest der abtrünnigen Gewerkschaften von Polizei und Armee vor dem Regierungsgebäude in Belgrad an. Selbst die sonst regierungsfreundliche Tageszeitung "Kurir" wollte die enorme Menschenmasse nicht länger ignorieren und titelte: "Größte Proteste in der jüngeren Geschichte". In der Tat ist es die größte Demos seit der demokratischen Wende im Jahr 2000, als Slobodan Milošević zum Rücktritt gezwungen wurde. Vučić und seine Mitläufer waren auch damals an der Macht.

Es wird unangenehm für Vučić

Für den gewählten Staatspräsidenten Vučić, derzeit noch Premier, sind die Proteste bislang keine Gefahr, aber sie sind ihm unangenehm. Gerade sah er die Opposition völlig geschwächt, da entsteht plötzlich eine neue Bewegung, mit der er nicht umzugehen weiß. Der Protest wird sichtbar und könnte die schweigsame Mehrheit, die Millionen Unzufriedenen, anstecken.

Den autoritären Machtpolitiker, der mit 55 Prozent der Stimmen zum Präsident gewählt worden war und sich vor dem Wählerauditorium wie der unantastbare starke Mann aufführt und stets mit seinen "historischen" Erfolgen prahlt, bringen die spöttischen Proteste der jungen Menschen auf die Palme.

Keine Kritik aus Westeuropa

Unangenehm für Vučić ist auch, dass westliche Medien wieder Anlass haben, über seine zentralisierte, undemokratische Art der Regierungsführung zu berichten. Das könnte seine westlichen Partner womöglich noch zu Kritik bewegen. Viele Serben kritisieren, dass westeuropäische Regierungen bisher bereit seien, das Gebahren Vučić zu tolerieren, da er für sie ein Stabilitätsfaktor in der Region sei. Doch sollten die jungen Menschen in Serbien auf den Straßen ausharren, werden auch führende Politiker in der EU sie nicht länger ignorieren können.

Proteste gegen Aleksander Vucic in Belgrad (Serbien)
Demonstranten in der Straße Kralja Milana in der Nähe des Präsidentensitzes in Belgrad Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell im: Fernsehen | 21.04.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2017, 10:51 Uhr

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Andrej Ivanji
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