zwei Menschen je in eine deutsche und ukrainische Fahne gehüllt
Bildrechte: dpa

Serie zum Tag der Deutschen Einheit Warum Ukrainer von Deutschland manchmal geschockt oder gelangweilt sind

Deutschland genießt vor allem bei den jungen Ukrainern einen sehr guten Ruf. Doch nicht wenige erleiden einen Schock, wenn sie Deutschland besuchen. Denn dort gibt es Internet und Mobilfunk durchaus nicht in der für sie gewohnten Qualität. Interessante Einblicke unseres ukrainischen Deutschland-Reisenden und Ostbloggers Denis Trubetskoy.

von Denis Trubetskoy

zwei Menschen je in eine deutsche und ukrainische Fahne gehüllt
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Als ich klein war, war ich großer Deutschland-Fan. Das hatte vor allem mit Sport zu tun: Gerade der Radsportler Erik Zabel war wohl das größte Idol meiner Kindheit, aber auch Sven Hannawald, Ricco Groß, Oliver Kahn oder Michael Schumacher gehörten zu meinen Favoriten. Der Sport motivierte mich, mich für andere Bereiche des Lebens in Deutschland zu interessieren und die deutsche Sprache zu lernen. Diese Begeisterung stieß allerdings auf Unverständnis – und zwar gleich aus zwei Gründen.

Ukraine und Krim litten besonders im Zweiten Weltkrieg

Zum einen komme ich aus einer Stadt, die während des Zweiten Weltkrieges stark gelitten hat. Zwischen Oktober 1941 und Juli 1942 dauerte die sogenannte Schlacht um Sewastopol auf der Krim, die in die Geschichte der Stadt als die zweite große Verteidigung Sewastopols einging. Auch heute noch wird die Hafenstadt am Schwarzen Meer von diesem Teil ihrer Geschichte geprägt. Damals wurde Sewastopol bis auf wenige Gebäuden im Zentrum komplett zerstört. Doch nicht nur die Krim, sondern die gesamte Ukraine hatte während des Zweiten Weltkrieges sehr gelitten – stärker als die meisten anderen Republiken der Sowjetunion. Daher war es manchmal nicht die beste Idee, gerade den älteren Menschen von meinem Interesse an Deutschland zu erzählen, wobei der Sport auch hier eine heilende Rolle spielte. Denn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist schon seit der Zeit von Franz Beckenbauer und Gerd Müller eines der beliebtesten Teams in der Ukraine sowie in anderen Ecken des postsowjetischen Gebietes.

Deutschland-Besuche entzaubern positives Image

Anzeigetafel mit Zugverspätung
Ostblogger Denis Trubetskoy kam mit der Deutschen Bahn öfter zu spät als mit der ukrainischen Bildrechte: imago/Ralph Peters

Der zweite Grund war – und der gilt anders als die schwierige deutsch-ukrainische Geschichte auch heute noch – dass viele Leute, die Deutschland bereits besucht haben, sichtlich enttäuscht waren. Diese Enttäuschung resultierte vor allem aus der Relativierung der vielen positiven Vorurteile über Deutschland. So habe auch ich früher gedacht, die Deutschen übertreiben es mit ihrer Kritik an der Deutschen Bahn. Mit der hatte ich allerdings ebenfalls deutlich mehr Verspätungen als mit der ukrainischen Urksalisnyzja, obwohl ich mit der Letzteren viel öfter gefahren bin.

Deutschland, wo Internet und Mobilfunk schlechter als zu Hause sind

Grünes und rotes Internetkabel bei Schneefall, Symbolfoto Zwei-Klassen-Internet
Besucher aus der Ukraine vermissen in Deutschland schnelles Internet Bildrechte: IMAGO

Insgesamt will derjenige, der aus der Ukraine nach Deutschland kommt, vor allem eines sehen: Das Technologieland Nummer eins der Welt. Klar gibt es noch Japan und andere, für die Ukrainer sind die Deutschen jedoch irgendwie näher. Dieses Image hat Deutschland vor allem durch die Vormachtstellung seiner Automobilbranche, die in Kiew und Umgebung schon immer geschätzt wurde. Doch wenn man tatsächlich in Deutschland landet, ist man auf einmal im Land des langsamen Internets und der schlechten Mobilfunkverbindungen sowie in einem Reich der Bargeldzahlungen. Für manche Leute ist das ein Schock – gerade der Gedanke, dass etwas in der armen Ukraine doch besser als im schicken Deutschland mit seinen sauberen Straßen funktionieren kann. Das gilt auch für mich: Noch immer bin ich an Deutschland stark interessiert, doch durch sehr viele Begegnungen, die ich mit diesem Land in den letzten Jahren hatte, habe ich erneut gelernt, die Ukraine zu schätzen – mit allen ihren Problemen und Schwierigkeiten.

In Deutschland fehlt einem Ukrainer der Stress

Für manche Ukrainer ist Deutschland aber auch deswegen merkwürdig, weil ihr tägliches Leben doch normalerweise aus viel Stress besteht. Die meisten deutschen Städte – außer vielleicht Berlin – können den Ukrainern jedoch dieses tägliche Dosis Adrenalin nicht geben. Der Übergang zum ruhigen Leben in einer ruhigen Stadt ist oft schwerer als gedacht. Daher ist es meist so, dass die Ukrainer irgendwo in Leipzig oder in Hamburg vorerst eine Woche Spaß haben, doch danach wird es ihnen zu langweilig. Aber natürlich gibt es auch Leute, die die deutsche Ruhe schätzen und genießen.

Inzwischen ein Synonym für die Europäische Union

Doch wenn man über das generelle Bild Deutschlands in der ukrainischen Gesellschaft spricht, hat sich dieses gerade in den vergangenen 10 bis 15 Jahren sehr verändert. Früher hat man Deutschland neben dem Zweiten Weltkrieg nur mit Autos, Bier, Ordnung, der Band Rammstein und den im postsowjetischen Gebiet berühmten deutschen Pornofilmen assoziiert. Heute ist Deutschland vor allem hier in Kiew das Synonym zur Europäischen Union. Es wird hier sehr deutlich wahrgenommen, dass das politische Berlin mittlerweile die EU anführt – und das wirkt sich positiv auf das gesamte Image des Landes. Daher hat das Land gerade bei den jungen Menschen ein sehr positives Image, währenddessen sie den Zweiten Weltkrieg langsam, aber sicher vergessen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 11.05.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2017, 16:16 Uhr