Tourismus-Krise auf der Krim

Seit auf der Krim Russland wieder das Sagen hat, bleiben Urlauber aus der Ukraine aus. Zunächst konnte man den Ausfall verkraften. Doch nun steckt die Tourismusbranche auf der Halbinsel in der Krise. Anzeichen auf Besserung gibt es nicht.

von Denis Trubetskoy

Osteuropa

Denis Trubetskoy
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Unser Ostblogger Denis Trubetskoy über die Hintergünde und die Auswirkungen der Tourismus-Krise.

Do 10.08.2017 13:53Uhr 01:11 min

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Noch 2013, ein Jahr vor der Annexion durch Russland, erlebte die Krim ihre Tourismus-Bestzeit. Damals haben 5,9 Millionen Touristen die Halbinsel am Schwarzen Meer besucht. Doch zusammen mit der russischen Übernahme im März 2014 endete auch die goldene Zeit der Krim. "Offizielle Behörden versuchen, die reale Lage zu vertuschen. Die veröffentlichen Zahlen sind ein Witz", glaubt Journalist Wladislaw Ossipow. Der 32-Jährige lebt in der Krim-Hauptstadt Simferopol und schreibt oft über Tourismus-Themen. "Der offiziellen Statistik zufolge haben im letzten Jahr 5,6 Millionen Touristen besucht, 2017 hat die Krim-Regierung die 6-Millionen-Marke angepeilt. Doch die meisten Hotelbesitzer und Tourismus-Firmen zweifeln, ob wir in diesem Jahr sogar die Hälfte davon haben", sagt Ossipow.

Ein kurzes Auf gefolgt vom großen Einbruch

Paddler auf dem Meer bei Sonnenuntergang
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In den ersten drei Jahren nach der Annexion konnte die Krim ihre Tourismus-Verluste noch ausgleichen. Weil die meisten Besucher, rund zwei Drittel, früher aus der Ukraine kamen, war das nicht einfach. "In Russland ist aber 2014 ein richtiger Krim-Hype entstanden. Noch nie hatten wir so viele Anfragen von Leuten aus geografisch entfernten russischen Regionen, die die Halbinsel besuchen wollten - meist aus patriotischen Gründen", erzählt Swetlana Pantschenko, Managerin eines mittelgroßen Tourismusbüros in Jewpatorija. "Doch jedes Jahr geht die Zahl der Anfragen zurück. In diesem Jahr haben wir unseren Tiefpunkt erreicht, das muss ich ganz ehrlich sagen." Auch das offizielle Simferopol muss die Senkung der Touristenzahl mittlerweile zugeben. "Die Tourismusfirmen, mit denen wir sprechen, betonen, dass die Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent niedriger ist", sagte Sergej Strelbizkij, Tourismus-Minister der Krim, im Juli.

Jedes Hotel ist von heute auf morgen buchbar

Hotel More in Aluschta
Die Hotels auf der Krim sind nur schwach ausgelastet. Bildrechte: IMAGO/ITAR-TASS

Zwar versuchte Strelbizkij gleich, diese Nachricht zu relativieren: "Ich kann sicher davon ausgehen, dass die Krim nicht weniger beliebt ist. Die Zahl der Touristen wird zwar nicht steigen, doch sie wird auf dem Niveau des vorigen Jahres bleiben." Die Kundenmanagerin eines Fünf-Sterne-Hotels im Süden der Krim, die nicht namentlich genannt werden will, war gegenüber dem MDR aber deutlich weniger optimistisch: "Die Halbinsel erlebt eine Tourismus-Krise, das muss deutlich gesagt werden. Unsere Verluste zum vorigen Jahr betragen mehr als 30 Prozent. Anderen Hotels geht es ähnlich." Tatsächlich ist es in diesem Sommer möglich, fast jedes Hotel von heute auf morgen zu buchen. "Dass trotzdem von 5,6 Millionen Touristen gesprochen wird, ist einfach nur lächerlich", kritisiert Tourismusmanagerin Swetlana Pantschenko. Man solle die Probleme öffentlich ansprechen.

Der patriotische Effekt ist weg

Es gibt etliche Gründe für die Tourismus-Krise auf der Krim. Beispielsweise ist der patriotische Effekt, das große Interesse gleich nach der Annexion durch Russland, dreieinhalb Jahre nach den Ereignissen vom März 2014, so gut wie weg. "Die Krim ist immer noch interessant, die Begeisterung von damals wird aber nie mehr zurückkehren", betont Journalist Ossipow. Die Zahl ukrainischer Touristen wird jedes Jahr noch niedriger, weil die Anreise auf die Krim immer schwerer wird. Seit Juli 2016 dürfen die Russen wieder das beliebte Reiseziel Türkei mit Charterflügen erreichen, nachdem sich der Konflikt zwischen den Präsidenten Putin und Erdogan um das abgeschossene russische Flugzeug erledigt hat. Ein weiterer Grund: Die Preise sind auf der Krim auf dem gleichen Niveau wie in der Türkei, der Service auf der Schwarzmeerhalbinsel kann jedoch nicht ganz mithalten.

Es kommen vor allem preisbewusste Urlauber

Kertsch-Brücke im Aufbau
Die Landverbindung von Russsland auf die Krim, die Kertsch-Brücke, soll 2019 ferrtig sein Bildrechte: IMAGO/ITAR-TASS

"Es geht allerdings nicht nur um die Zahl der Touristen an sich, sondern auch um ihre Kaufkraft", betont Pantschenko. "Mehr als 50 Prozent entscheiden sich für private Wohnungsangebote. […] Davon kriegt der Staat wenig oder gar keine Steuern. Und solche Touristen lassen auch nicht viel Geld liegen." Dieses Problem spricht auch der Journalist Wladislaw Ossipow an: "Leute, die Geld haben, machen im Ausland Urlaub. Auf die Krim fahren meist die Menschen, die die billigsten Angebote finden wollen - was ein wenig komisch wegen der hohen Preise hier ist. Eine andere Gruppe: Vertreter der Sicherheitsbehörden, die Russland nicht verlassen dürfen. Sie können eben nur auf die Krim fahren, eine andere Wahl haben sie im Sommer nicht."

Der schwierige Zugang zur Krim macht den Urlaub teuer und strapaziös

Passagiere beim Verlassen einer Fähre
Weil Flugtickets im Sommer sehr teuer sind, bleibt vielen Touristen nur die Anreise mit der Fähre. Bildrechte: IMAGO/ITAR-TASS

Dass ein Urlaub auf der Krim so teuer sein kann, hat unter anderem mit der fehlenden Landverbindung zwischen der Halbinsel und dem russischen Festland zu tun. Außer mit dem Flugzeug kann man vor der Fertigstellung der Kertsch-Brücke, die 2019 eröffnet werden soll, die Krim nur mit der Fähre über die Straße von Kertsch erreichen. "Ich habe im Juli 2015 an der Fähre zwölf Stunden bei 37 Grad verbracht, dass will ich nie mehr wiederholen", erzählt der 51 jährige Alexander aus Moskau, der Verwandte auf der Schwarzmeerhalbinsel hat. Die Flugtickets auf die Krim sind gerade im Sommer sehr teuer. "Im Durchschnitt sind die Tickets von Moskau nach Istanbul deutlich billiger als nach Simferopol. Außerdem hat man die innerrussische Konkurrenz mit Sotschi: Die Flüge dorthin sind auch billiger – und der Service hat sich zuletzt stark verbessert", kommentiert Tourismusmanagerin Swetlana Pantschenko.

Der Journalist Wladislaw Ossipow sieht keine Chance, dass sich die Lage im nächsten Jahr zum Positiven ändert. Nach seinen Worten bereiten sich die Hotelbesitzer schon jetzt auf eine noch schwächere Saison im kommenden Jahr vor. Die Krim steckt in einer verfahrenen Situation: Zum einen ist die Schwarzmeerhalbinsel nach der russischen Annexion ausschließlich vom russischen Markt abhängig, zum anderen reicht die Qualität des Urlaubs auf der Halbinsel nicht, um russische Touristen auf die Krim zu locken. Doch auch wenn es gelingen würde, sind die meisten Experten sich sicher: Auf sechs Millionen Touristen pro Jahr wird die Halbinsel in den nächsten Jahren keinesfalls kommen – offizielle Statistik hin oder her.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 17.03.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2017, 17:03 Uhr