Vorrundenspiel zwischen Ungarn und Italien bei der Wasserball-WM in Budapest am 19.07.2017. Ungarns Balazs Erdelyi (am Ball) gegen Italiens Alessandro Nora
Ungarns Wasserballer wollen bei der Heim-WM den vierten Weltmeistertitel erringen. Bildrechte: dpa

Wasserball als Volkssport

Ungarn gilt als Wasserball-verrückt. Doch woran liegt das? Die berühmten Thermalquellen spielen eine Rolle, aber auch die kommunistische Sportförderung.

von Piroska Bakos

Vorrundenspiel zwischen Ungarn und Italien bei der Wasserball-WM in Budapest am 19.07.2017. Ungarns Balazs Erdelyi (am Ball) gegen Italiens Alessandro Nora
Ungarns Wasserballer wollen bei der Heim-WM den vierten Weltmeistertitel erringen. Bildrechte: dpa

Manch einer behauptet, dass Sportler in keiner anderen Disziplin unter solch einer Belastung stehen würden wie beim Wasserball oder Waterpolo. Sie müssen nämlich über die Fähigkeiten eines Profischwimmers verfügen, stark wie Rugby-oder Hockeyspieler sein und so gut werfen können wie Handballspieler.

Britische Wurzeln

Das Spiel selbst entstand in Großbritannien, wo in den 1870er-Jahren seine Grundregeln festgelegt wurden. So gewannen die Briten auch reihenweise die ersten internationalen Wettbewerbe. Wasserball war anfangs so beliebt, dass es neben Fußball als erste Mannschaftssportart bei den Olympischen Spielen im Jahr 1900 eingeführt wurde. Natürlich als Männersport, Wasserball-Frauen mussten noch knapp 100 Jahre auf ihre Olympia-Teilnahme warten.

Weltmacht im Wasserball

Nach Ungarn kam das Spiel noch im 19. Jahrhundert. Das erste offizielle Match fand 1899 in einem Kanal des Balaton statt. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde das Land dann zu einer Weltmacht im Wasserball. Zwischen 1928 und 1939 wurde die Nationalmannschaft in über 110 Spielen nicht besiegt. 1932 gewann sie in Los Angeles das erste Mal olympisches Gold. Und das mit einem Spieler ohne linkes Bein, der nach heutigen Maßstäben an den Paralympics teilnehmen müsste.

Täglich neue Stories

Vorrundenspiel zwischen Ungarn und Italien bei der Wasserball-WM in Budapest am 19.07.2017. Übersicht über den Schwimm-Komplex
Die Wasserball-WM zieht tausende Menschen in die Schwimmstadien wie den Alfréd-Hajós-Komplex, benannt nach dem ersten Schwimm-Olympiasieger der Neuzeit. Bildrechte: dpa

Dass Wasserball endgültig berühmt und anerkannt in Ungarn wurde, lag nicht nur an den sportlichen Erfolgen, sondern auch an dem Trainer der Mannschaft. Béla Komjádi war hauptberuflich Sportjournalist und lieferte jeden Tag neue Stories aus der Schwimmhalle.

Bis heute gehört die Nationalmannschaft zur Weltspitze. Sie ist Rekordsieger bei den Olympischen Spielen, die sie neunmal gewann. Noch viel älter als der Wasserball-Enthusiasmus der Ungarn ist ihr grundsätzlicher Faible für Wasser.

Ungarns uralte Wasserliebe

Ungarn hat die fünftreichsten Thermalwasserreserven in der Welt. Allein Budapest hat mehr als 100 Thermalquellen und beinahe 50 Bäder erwarten die Einheimischen und Gäste. Schon die Römer haben Bäder in Ungarn gebaut. Auch im Mittelalter und unter der 150-jährigen türkischen Herrschaft war die Badekultur stark.

Das neue Bürgertum brachte die Badekultur im späteren 19. Jahrhundert zu seiner Blüte. Damals kamen auch die Strände in Mode, der Balaton wurde das Urlaubsziel vieler Touristen. Hinzu kamen politische Initiativen. Anfang des 20. Jahrhunderts führte die Stadtverwaltung von Budapest den Schwimmunterricht in den Schulen ein. In der Hauptstadt und anderen ungarischen Städten wurden viele Freibäder gebaut, später auch Schwimhallen. Nach Fußball und Eislaufen wurde Schwimmen so zur drittbeliebtesten Sportart.

Kommunistische Sportförderung

Der internationale Erfolg tat sein Übriges zum Erfolg des Wasserballs, der ebenfalls staatlich gefördert wurde. Eine Zäsur markierte das berüchtigte "Blutbad von Melbourne". Das hochpolitisierte Duell gegen die sowjetische Auswahl zeigte, dass die meisten Spieler gegen den blutig niedergeschlagenen Aufstand gegen die kommunistische Regierung waren.

Etwa die Hälfte der Mannschaft kehrte nach den Olympischen Spielen nicht nach Ungarn zurück. Die Regierung zog daraufhin ihre Unterstützung zwischenzeitlich zurück. Wenige Jahre später gab es jedoch Amnestien für die Spieler und auch wieder eine staatliche Förderung. Denn die Athleten sollten weiter Medaillen gewinnen. In den 1960er-Jahren musste die Regierung nämlich auch in der Sportpolitik dem sowjetischen Modell folgen.

Die Folge: Es wurden Sportarten gefördert, in denen es wenige ambitionierte Rivalen gab und der Kreis der nicht-kommunistischen Titelanwärter klein war. So waren Erfolge quasi vorprogrammiert. Deshalb wurde Wasserball in den GUS-Staaten eine der am stärksten gefördertenSportarten: Schwimmhallen wurden gebaut, in vielen Schulen war Wasserball obligatorisch.

Spannendes WM-Finale

Der Erfolg hält bis heute an. In den 21 internationalen Turnieren seit der Jahrtausendwende gewannen mit zwei Ausnahmen entweder Auswahlen aus Ungarn oder den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Doch ausgerechnet, als im Juli 2017 die WM in Budapest ausgetragen wurde, musste das ungarische Team im Finale eine Niederlage hinnehmen und sich mit Silber begnügen. Gold ging an Kroatien.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 07.10.2016 | 21:15 Uhr

(Zuerst veröffentlich am 19.07.2017)

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2017, 12:33 Uhr

Portät

Osteuropa

Piroska Bakos
Bildrechte: Piroska Bakos/MDR

Mehr zum Thema Sport