Rednerpult vor deutsch-polnischen Flaggen
Mitunter herzlich, aber nie ganz unproblematisch: Das deutsch-polnische Verhältnis Bildrechte: IMAGO

Serie zum Tag der Deutschen Einheit Polen und Deutsche: Sympathie und alte Wunden

Zwei Drittel der Polen sind Deutschland gegenüber durchaus positiv eingestellt. Deutschland gilt als Unterstützer Polens in Europa und ist der wichtigste Handelspartner. Doch die Rolle der Deutschen in der Geschichte Polens lastet immer noch schwer auf den deutsch-polnischen Beziehungen. Antideutsche Ressentiments sind sehr leicht zu wecken.

von Monika Sieradzka

Rednerpult vor deutsch-polnischen Flaggen
Mitunter herzlich, aber nie ganz unproblematisch: Das deutsch-polnische Verhältnis Bildrechte: IMAGO

"Fahr nach Deutschland, deine Möbel und Gemälde sind schon dort", meinte kürzlich der PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski und spielte damit auf den deutschen Polen-Witz an: "Fahr nach Polen, dein Auto ist schon dort". Die Botschaft Kaczynskis: Wer westlich der Oder die Polen als Autodiebe wahrnehme, der solle bitte auch daran denken, wieviel Raubgut einst aus dem besetzten Polen nach Deutschland kam.

Kaczynskis jüngste Reparationsforderungen an Deutschland treffen in Polen auf großen Zuspruch. Das zeigt, wie schnell antideutsche Ressentiments geweckt werden können.

Ein Deutscher als Nachbar - super, aber …

Dabei haben meine Landsleute laut Umfragen seit Jahren eine sehr positive Einstellung zu den Deutschen. Man hätte nichts dagegen, einen Deutschen als Nachbarn zu haben. Der würde sicher für Ordnung in seinem Garten sorgen und uns jeden Tag nett begrüßen. Deutsche als Arbeitskollegen? Auch nicht schlecht - da könnte man wohl davon ausgehen, dass sie pünktlich und ehrlich sein werden. Nur sollen sie gefälligst nicht den Besserwisser spielen und mit erhobenem Zeigefinger daherkommen. Das würde bei vielen meiner Landsleute eine allergische Reaktion hervorrufen.

Zwischen Bewunderung und Groll

Der Wahrnehmung der Deutschen in Polen liegen zwei entgegengesetzte Emotionen zu Grunde: neidvolle Bewunderung und ein tiefsitzender Groll, der mit der tragischen Geschichte der deutschen Besetzung durch Nazideutschland, aber auch mit der Teilung Polens und der preußischen Herrschaft im 19. Jahrhundert zu tun hat.

Viele Polen tun sich schwer, Deutschen auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht weil sie es nicht möchten, sondern weil sie es ihren deutschen Gesprächspartnern nicht zutrauen. Eine verzwickte Lage. Wahrscheinlich kann nur derjenige aus ihr herauskommen, der Deutschen alltäglich auf einer menschlichen Ebene begegnet.

Ein Schritt nach vorne, zwei zurück

1990 hatte noch mehr als jeder zweite Pole Angst vor einem starken, wiedervereinigten Deutschland, vor einem Deutschland, das Schlesien, Pommern und Ostpreußen zurückfordern würde. Diese Angst verschwand allmählich, nachdem Berlin die polnische Westgrenze anerkannt hatte und zum Anwalt Polens in der NATO und in der EU geworden war. Die deutsch-polnischen Beziehungen wurden so freundschaftlich, dass manche diese Ära gelegentlich als "Versöhnungskitsch" bezeichnen und den früheren polnischen Regierungen vorwerfen, die dunklen Kapitel der Geschichte völlig ausgeblendet zu haben.

Alte und neue Stereotype

Die Ära des "Versöhnungskitsches" hatte aber ihre guten Seiten. Die Menschen beiderseits der Grenze haben sich besser kennengelernt. Oder besser gesagt: überhaupt erst kennengelernt. Endlich bekam man die Gelegenheit, die Stereotype an der Wirklichkeit zu messen.

Und so empfindet so mancher Pole, der durch die polnische Variante der Marktwirtschaft und den instabilen Arbeitsmarkt abgehärtet ist, die Deutschen heute als langsam und bequem und schaut mit einer gewissen Portion Überheblichkeit auf sie herab. So baut man Minderwertigkeitskomplexe ab. Doch man weiß andererseits auch den gepflegten Umgang der Menschen im deutschen Arbeitsmilieu zu schätzen und findet es gut, dass in deutschen Unternehmen Leistung meistens mehr zählt als Beziehungen - Dinge, die viele Polen im eigenen Lande vermissen.

Mit einer Prise Humor

Außerdem wird Deutschland in Polen als ein stabiles Land gesehen, in dem die Politik und die Rechtsvorschriften nicht so oft geändert werden. Mit selbstironischem schwarzem Humor wird hier manchmal gesagt, man solle am besten einen Krieg hervorrufen, dann schnell eine weiße Fahne hissen und unter die deutsche Besatzung fallen. So würde man endlich in einem Staat leben, wo Ordnung herrscht und Recht nicht nur gesprochen, sondern auch gelebt wird.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 22.09.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2017, 16:11 Uhr

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Deutsch-Polnische Nachbarschaft spielt eine große Rolle hier bei uns im Grenzgebiet. Wir als Feuerwehr haben auch regelmäßig Übungen mit den polnischen Kollegen aus Słubice oder treffen uns zum Feuerwehrball. Aber es könnte intensiver sein. Abgesehen von Ilona kenne ich nicht viel Polen persönlich. Ilona hat hier die ganze Wache und kennt eine ganze Menge Leute auf deutscher Seite. Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr Austausch gibt. Die Sprache ist die größte Barriere, wie immer. Der Sprachkurs im vergangenen Jahr hat geholfen, die Grundbegriffe zu lernen. In Słubice drüben gibt es fast keine Barriere, fast jeder spricht da Deutsch.
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