Polen - ein gespaltenes Land

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Aktuelle Entwicklungen in Polen

Moderatorin Karoline Scheer zum Thema: Polen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Moderatorin Karoline Scheer zum Thema: Polen
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Breslau

Eine Straße mit alten, gepflegten Häusern
Wrocław/Breslau hat den Ruf, besonders weltoffen zu sein. In der schlesischen Metropole leben rund 630.000 Menschen. 2016 ist Breslau, gemeinsam mit dem spanischen San Sebastian, Europäische Kulturhauptstadt und damit ein Symbol europäischer Identität. Als Kulturhauptstadt steht die Stadt für Vielfalt und Toleranz – und wird gleichzeitig zum prominenten Schaufenster großer Zustimmung zur nationalistischen Politik der neu gewählten Regierung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Kaczynskis

Politische Karrieren

Anfang der 1990er-Jahre beginnt die furiose politische Karriere der Brüder Kaczynski: Der eine schafft es bis ins Präsidentenamt, der andere wird Premierminister. Ihr politisches Programm: Recht und Gerechtigkeit.

Lech Kaczynski am 27. Februar 1981 in Warschau.
Lech Kaczynski studiert in den 1980er-Jahren Jura in Warschau. Nach der Promotion lehrt er an der Warschauer Universität Arbeitsrecht. Parallel berät er die Solidarnosc in Rechtsfragen. Als die kommunistische Führung 1981 das Kriegsrecht ausruft und die unabhängige Gewerkschaft verbietet, wird er verhaftet und ein Jahr lang eingesperrt. Bildrechte: dpa
Lech Kaczynski am 27. Februar 1981 in Warschau.
Lech Kaczynski studiert in den 1980er-Jahren Jura in Warschau. Nach der Promotion lehrt er an der Warschauer Universität Arbeitsrecht. Parallel berät er die Solidarnosc in Rechtsfragen. Als die kommunistische Führung 1981 das Kriegsrecht ausruft und die unabhängige Gewerkschaft verbietet, wird er verhaftet und ein Jahr lang eingesperrt. Bildrechte: dpa
Lech Kaczynski und sein Bruder Jaroslaw im Jahr 1989 in Warschau.
Nach seiner Freilassung setzt er die Untergrundarbeit fort und avanciert zu einem engen Mitarbeiter Lech Walesas. Bruder Jaroslaw Kaczynski (rechts), der ebenfalls ein Jurastudium absolvierte, unterstützt die Solidarnosc nur kurzzeitig. Einer Verhaftung entgeht er, weil die Sicherheitskräfte es für unmöglich halten, dass es zwei Kaczynskis mit demselben Geburtsdatum geben kann. Bildrechte: IMAGO
Die beiden polnischen Zwillungsbrüder Jaroslaw (rechts) und Lech (links) Kaczynski im Oktober 2001 im polnischen Parlament.
2001 gründen die Brüder Kaczynski die "Partei für Recht und Gerechtigkeit" (PiS). Ihre Vision: Eine starke Regierung mit einem ebenso starken Präsidenten. Ihr erklärtes Vorbild ist Jozef Pilsudski, der von 1926 an Polen in einen autoritären Staat umbaute. "Pilsudski erhielt damals das Recht zum Erlass von Verordnungen mit Gesetzeskraft", schwärmte Jaroslaw Kaczynski (rechts). Bildrechte: IMAGO
Lech Kaczynski (L) und Jaroslaw Kaczynski an einem See
Die Kaczynskis pflegen ein konservatives und katholisches Weltbild. Engeren Beziehungen zu Deutschland und Russland sowie einer festeren Integration in die EU stehen sie skeptisch gegenüber. Lech Kaczynski (links) brüstet sich einmal damit, von Deutschland nicht mehr zu kennen als den Spucknapf auf einer Toilette des Frankfurter Flughafens und bedauert, dass Polen als Mitglied der Europäischen Union die Todesstrafe nicht einführen könne. Bildrechte: IMAGO
Lech Kaczynski (verstorbener polnischer Präsident) und seine Ehefrau Maria. In der Mitte ihre einzige Tochter Marta.
Lech Kaczynski ist seit 1978 verheiratet mit der in Weißrussland geborenen Maria Mackiewicz. 1980 ist ihre Tochter Marte zur Welt gekommen. Bildrechte: IMAGO
02.05.1989. Die beiden polnischen Zwillingsbrüder Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski (rechts) in Warschau.
Jaroslaw (rechts) verhält sich unauffällig und ist als Bibliothekar an der Universität Warschau beschäftigt. Als Lech Walesa 1990 zum polnischen Präsidenten gewählt wird, bestimmt er Lech Kaczynski zu seinem Büroleiter. Auch Zwillingsbruder Jaroslaw bekommt eine Anstellung im Präsidentenpalast - als Leiter der Präsidialkanzlei. Bildrechte: IMAGO
Jaroslaw Kaczynski
1993 kommt es zum Bruch zwischen den Kaczynski-Brüdern und dem legendären Gewerkschaftsführer: Die Kaczynskis werfen Walesa vor, allzu kompromissbereit gegenüber den einstigen kommunistischen Kadern zu sein. Walesa wirft ihnen hingegen vor, hinter vielen politischen Entscheidungen Verschwörungen zu sehen. Auf dem Foto von 2015 würdigen sich Jaroslaw Kaczynski (Mitte) und Lech Walesa (rechts) keines Blickes. Bildrechte: IMAGO
Foto vom Oktober 2002 - Lech Kaczynski (links) - zu diesem Zeitpunkt Oberbürgermeister von Warschau und sein Bruder Jaroslaw Kaczynski
Der erste Erfolg der neuen Partei lässt nicht lange auf sich warten: Lech Kaczynski (links) gewinnt 2002 die Wahl zum Bürgermeister von Warschau. Als seine größte Errungenschaft während seiner Amtszeit gilt die Errichtung eines Museums für den "Warschauer Aufstand", bei dem 1944 die polnische Untergrundarmee gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte. Bildrechte: IMAGO
Präsident Lech Kaczynski gratuliert 2006 dem neugewählten Premierminister Jaroslaw Kaczynski.
2005 ein Karrieresprung: Lech Kaczynski (links) übernimmt das Amt des polnischen Präsidenten. Ein Jahr später wird sein Bruder zum Premierminister gewählt. Die Zwillingsbrüder haben nun die Macht im Land – die PiS-Partei verabschiedet die Gesetze, Lech unterschreibt sie. Bildrechte: IMAGO
Jaroslaw Kaczynski (links) reicht als polnischer Premier seinen Rücktrittsgesuch bei seinem Bruder, dem damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski (rechts) in Warschau ein.
Doch schon zwei Jahre später ist diese Zeit vorbei. Die Koalition, die die PiS mit der linkspopulistischen Bauernpartei und der rechtsklerikalen "Liga der polnischen Familien" eingegangen war, scheitert. Jaroslaw Kaczynski (links) tritt als Premier zurück und muss seinem Bruder das Rücktrittsgesuch überreichen. Bildrechte: IMAGO
lech und maria Kaczynski
Präsident Lech Kaczynski findet Rückhalt in seiner Familie – bei Frau Maria und Tochter Marta. Bruder Jaroslaw hingegen ist Junggeselle und hat keine Kinder. Er lebt mit der Mutter zusammen, bis sie 2013 stirbt. Bildrechte: IMAGO
Wrackteile liegen 2010 an der Absturzstelle eines Flugzeugs
10. April 2010. Bei einem Flugzeugabsturz nahe Smolensk kommt Präsident Lech Kaczynski ums Leben. Mit an Bord der verunglückten Maschine: Kaczynskis Frau Maria sowie hochrangige Vertreter des polnischen Staates und des Militärs. Bildrechte: IMAGO
Russland, Katyn - Gedenkstätte - 72. Jahrestag  des Massakers von Katyn
Präsident Kaczynski befand sich auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für 20.000 polnische Offiziere und Intellektuelle, die im Frühling 1940 auf Befehl Stalins in Katyn erschossen worden sind. Bildrechte: IMAGO
Bild stammt vom 13.04.2010 und zeigt Jaroslaw Kaczynski bei Trauerfeier. Sein Bruder und der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski war am 10. April 2010 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.
Jaroslaw Kaczynski ist sich sicher: Es war kein Unfall. "Sie haben meinen Bruder umgebracht", sagt er. Weil sein Bruder die Wahrheit sagen wollte über das korrupte polnische System und weil er sich mit Russland, dem alten Feind, angelegt habe. Bildrechte: IMAGO
Jaroslaw Kaczynski
Der Tod seines Zwillingsbruders habe die Normalität in seinem Leben beendet, sagt Jaroslaw Kaczynski. Jetzt beginne der Ausnahmezustand, der bis an sein Lebensende andauern werde. Kaczynski trägt nur noch schwarze Krawatten und feiert seine Geburtstage nicht mehr. Bildrechte: IMAGO
Beata Szydlo und Jaroslaw Kaczynski
Im Oktober 2015 gewinnt die PiS-Partei mit absoluter Mehrheit die Parlamentswahlen. Parteichef Jaroslaw Kaczynski bedankt sich öffentlich bei seinem toten Bruder: "Vor zehn Jahren wurde Lech zum Präsidenten gewählt. Ohne ihn wären wir jetzt nicht hier." Dann erstattet er ihm Meldung: "Herr Präsident, ich melde: Aufgabe erfüllt!" Das Amt des Regierungschefs will Kaczynski nicht übernehmen. Er schlägt Beata Szydlo als Premierministerin vor. Er selbst will als graue Eminenz im Hintergrund bleiben. Bildrechte: dpa
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Leinwandhelden

Die PiS-Partei von Jaroslaw Kaczynski stellt heute die Ministerpräsidentin von Polen. Sein Zwillingsbruder Lech war bis zu seinem Tod 2010 Staatspräsident. Berühmt waren die Kaczynskis schon als Kinder.

Bild vom November 1962. Lech (links) und Jaroslaw-kaczynski während der Dreharbeiten zum Kinofilm ("Über zwei, die den Mond gestohlen haben")
Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski legten ab Mitte der 1990er-Jahre eine atemberaubende politische Karriere hin. Ihren Landsleuten waren sie allerdings schon längst wohlbekannt – als Schauspieler. 1962 waren die Zwillinge zu Stars des polnischen Kinos avanciert, nachdem sie die Hauptrollen in dem Märchenfilm "Die zwei Monddiebe" gespielt hatten. Bildrechte: IMAGO
Bild vom November 1962. Lech (links) und Jaroslaw-kaczynski während der Dreharbeiten zum Kinofilm ("Über zwei, die den Mond gestohlen haben")
Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski legten ab Mitte der 1990er-Jahre eine atemberaubende politische Karriere hin. Ihren Landsleuten waren sie allerdings schon längst wohlbekannt – als Schauspieler. 1962 waren die Zwillinge zu Stars des polnischen Kinos avanciert, nachdem sie die Hauptrollen in dem Märchenfilm "Die zwei Monddiebe" gespielt hatten. Bildrechte: IMAGO
Bild vom April 1962. Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski (rechts) während der Dreharbeiten zum Kinofilm ("Über zwei, die den Mond gestohlen haben")
Die Helden des Märchenfilms sind die Zwillinge Jacek (Lech, links) und Placek (Jaroslaw). Statt in die Schule zu gehen oder ihren Eltern bei der Feldarbeit zu helfen, treiben sie sich lieber herum und hecken krumme Streiche aus. Eines Nachts gelingt es den beiden, den silbernen Vollmond einzufangen. Sie wollen ihn verkaufen, um bis ans Ende ihrer Tage ausgesorgt zu haben. Doch der Mond wird kleiner und kleiner und verschwindet schließlich ganz. Die Zwillinge müssen zerknirscht einsehen, dass nur Redlichkeit im Leben weiterhilft. Bildrechte: IMAGO
Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski (rechts) posieren mit ihrer Mutter
Geboren wurden Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski 1949. Die Mutter war Sprachwissenschaftlerin. Der Vater, ein polnischer Patriot, der 1944 in den Reihen der Untergrundarmee „Armia Krajowa“ gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte, arbeitete als Ingenieur. Den Kaczynskis ging es gut - sie bewohnten eine Villa mit großem Garten in einem vornehmen Stadtteil Warschaus. Bildrechte: IMAGO
Zwillingsbrüder Kaczynski
Jaroslaw (rechts) war der ältere der beiden - er wurde 40 Minuten vor seinem Bruder Lech geboren. Man konnte die eineiigen Zwillinge nur schwer auseinander halten. Es gab nur winzige Unterschiede: Lech hatte ein Muttermal auf der Wange, Jaroslaw die strubbeligeren Haare. Bildrechte: IMAGO
Die beiden zwölfjährigen Zwillingsbrüder Lech Kaczynski (rechts) and Jaroslaw Kaczynski (links) -  in Warschau am 14. November 1961.
In ihrem Wesen allerdings sollen sich beide schon früh heftig unterschieden haben: Lech (rechts) wird als zugänglicher, freundlicher und heiterer Knabe beschrieben, sein Bruder Jaroslaw hingegen als eher verschlossen und kalkulierend, zudem habe er stets den Ton angeben wollen. Bildrechte: dpa
Bild von Oktober 1961. Die Zwillinge Jaroslaw und Lech Kaczynski treten als Jacek und Placek im Film "Von zweien, die den Mond stahlen" auf, der von Jan Batory gedreht wurde.
Ganz ähnlich sind auch die Charaktere der beiden Filmfiguren angelegt: Placek heckt die Streiche aus, sein Zwillingsbruder Jacek hilft sie umzusetzen. Als die Brüder Kaczynski 2005 beziehungsweise 2006 die höchsten Ämter Polens übernahmen, erlebte ihr Film ein furioses Comeback – er wurde wieder in den Kinos gezeigt und auf DVD verkauft. Bildrechte: dpa
Schwarzweißbild Lech (R) und Jaroslaw Kaczynski
In der Schule sollen die Zwillingsbrüder ihre Ähnlichkeit gewitzt ausgenutzt und füreinander Prüfungen absolviert haben - Jaroslaw (links) für seinen Bruder in Mathematik, Lech war in Polnisch besser und ließ sich prüfen, wenn eigentlich Jaroslaw aufgerufen war. Den Lehrern soll nie etwas aufgefallen sein. In einem Film spielten die Zwillinge nie wieder mit. Die Dreharbeiten seien ihnen zu langweilig gewesen, gestanden sie einmal. Nach dem Ende der Schulzeit begannen beide ein Jurastudium. Bildrechte: IMAGO
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Bild vom November 1962. Lech (links) und Jaroslaw-kaczynski während der Dreharbeiten zum Kinofilm ("Über zwei, die den Mond gestohlen haben")
Lech (links) und Jaroslaw Kaczynski legten ab Mitte der 1990er-Jahre eine atemberaubende politische Karriere hin. Ihren Landsleuten waren sie allerdings schon längst wohlbekannt – als Schauspieler. 1962 waren die Zwillinge zu Stars des polnischen Kinos avanciert, nachdem sie die Hauptrollen in dem Märchenfilm "Die zwei Monddiebe" gespielt hatten. Bildrechte: IMAGO

Mutter gegensätzlicher Parteien

Lech Walesa, Polnische Gewerkschaft Solidarität 1980
Die Regierung in Warschau erklärt schon nach wenigen Tagen, die Forderungen der Werft-Arbeiter erfüllen zu wollen. Der Streik scheint damit beendet zu sein. Die Arbeiter aber wollen sich damit nicht zufrieden geben. Sie wollen auf weitere Reformen drängen. Am 17. August 1980 rufen sie ein "Überbetriebliches Streikkomitee" ins Leben, das mehr als 300 Betriebe repräsentiert und einen 21 Punkte umfassenden Forderungskatalog erarbeitet. Zu den Forderungen gehört das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Streikrecht und das Recht auf unabhängige Gewerkschaften. Zum Vorsitzenden des Streikkomitees wird Lech Walesa gewählt. Aus dieser Bewegung entwickelt sich in den nächsten Tagen die "Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarität". (Im Bild: Lech Walesa. Vor ihm, mit Brille: Anna Walentynowicz.) Bildrechte: dpa

Web-Clips

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Eine Smartphone zeigt eine App
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Junger Mann
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Bibiana Barth
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