Interview "Den Wettlauf zum Mond hat es nie gegeben"

Als Reaktion auf Gagarins Weltraumflug 1961 beschlossen die USA ein ehrgeiziges Programm: Der erste Mensch auf dem Mond sollte ein Amerikaner sein. 1969 hatten sie dieses Ziel mit der Apollo-Mission erreicht. Die UdSSR betrieb unterdessen ihr eigenes Mondprogramm – allerdings streng geheim. Einen bemannten Mondflug unternahm sie nicht. Das soll sich bis 2030 ändern. Ein Interview mit dem Raumfahrt-Journalisten Gerhard Kowalski über den vermeintlichen Wettlauf zum Mond.

Womit begann der sogenannte Wettlauf zum Mond?

1957 startete die UdSSR einen ersten Sputnik, am 12. April 1961 war Juri Gagarin als erster Mensch im Weltraum. Die USA waren geschockt. Sie haben sich von den Russen, die sie technologisch nicht ganz ernst genommen hatten, vorführen lassen. Am 25. Mai 1961 erklärte Präsident John F. Kennedy daraufhin, wir werden noch in diesem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond schicken und wieder heil zurück bringen. Damit begann der Wettlauf. Obwohl man eigentlich sagen muss: Einen Wettlauf zum Mond zwischen den USA und der UdSSR hat es damals eigentlich gar nicht gegeben.

Warum nicht?

Juri Gagarin und Sergej Koroljow
Der Kosmonaut Juri Gagarin (l.) und der sowjetische Raketenkonstrukteur Sergej Koroljow. Bildrechte: IMAGO

Die UdSSR hat damals in der Tat auch versucht, auf den Mond zu kommen. Das war aber streng geheim. Der sowjetische Weltraumpionier und Raketenkonstrukteur Sergej Koroljow schätzte 1961 realistisch ein: Wenn die Amerikaner zum Mond wollen, dann schaffen sie das auch. Er schlug vor, die Sowjetunion möge sich auf einen bemannten Marsflug vorbereiten. Und er begann, Trägerraketen zu konzipieren, die große Lasten in den erdnahen Orbit bringen konnten. Dort wollte man dann die Elemente des Marsraumschiffes zusammenfügen und auf die Reise schicken. Aber Koroljow starb 1966 und sein Plan wurde ad acta gelegt.

Was passierte dann?

Die Russen kamen dann aber doch zu der Überzeugung, auch zum Mond zu fliegen. 'Wir können den nicht links liegenlassen', sagte damals KPdSU-Parteichef Nikita Chruschtschow. Doch während die Amerikaner alle ihre Kräfte gebündelt hatten, haben sich in der UdSSR drei Konstruktionsbüros untereinander über den passenden Raketenantrieb gestritten. 'Insofern fand nur zwischen ihnen ein Wettlauf statt', sagte mir einst Koroljows Nachfolger Wassili Mischin.

Was ist aus dem Streit um den Raketenantrieb geworden?

Der russische Kosmonaut Alexander Samokutjajew und Raumfahrt-Journalist Gerhard Kowalski
Der Raumfahrt-Journalist Gerhard Kowalski (r.) mit dem russischen Kosmonauten Alexander Samokutjajew (l.). Bildrechte: Gerhard Kowalski

Schließlich kam man zu der Entscheidung, Koroljows Mars-Rakete zu einer Rakete aufzurüsten, die ein Mondraumschiff direkt von der Erde zum Erdtrabanten bringen kann. Dabei entstnd eine Rakete, die N-1, deren erste Stufe aus sage und schreibe 30 Triebwerken bestand. Das war natürlich äußerst problematisch, weil schnell mal eines der Triebwerke ausfallen konnte. Es klappte am Ende auch nicht. Es gab vier Startversuche und keiner hat funktioniert. Daraufhin ist das Mondprogramm, das es offiziell gar nicht gegeben hatte, 1974 eingestellt worden.

Gerhard Kowalksi 1942 in Rathenow geboren, ist Gerhard Kowalski Raumfahrt-Journalist, Buchautor und Übersetzer. Seit 50 Jahren beschäftigt er sich mit Raumfahrt-Geschichte und gilt weltweit als profunder Gagarin-Spezialist.

Wann hat die Öffentlichkeit von diesem Programm erfahren?

Das ist erst in der Amtszeit von Michail Gorbatschow rausgekommen, in den 1980er-Jahren. Zwischenzeitlich hat die UdSSR Mondsonden und Mondmobile gestartet. Es gab aber keinen Versuch mehr, eine bemannte Mission durchzuführen.

Wie hat man in der UdSSR auf die Mondlandung der Amerikaner reagiert?            

Es ist darüber ausführlich berichtet worden. Aber die Mondlandung selbst wurde nicht live im Fernsehen gezeigt. Die konnte nur ein handverlesener Kreis, darunter auch Kosmonauten, in geschlossenen Veranstaltungen sehen.

Übrigens gab es auch in China keine Direktübertragung. Vielleicht wollte man nicht so genau zeigen, wie die amerikanische Fahne auf dem Mond "weht".

Nun hat Russland beschlossen, eine bemannte Mond-Mission starten zu wollen …

So ist es. Ein Russe soll nach den neuesten Planungen bis 2030 den Mond betreten. Ein äußerst ehrgeiziges Unterfangen, zumal die Aufwendungen für die russische Raumfahrt wegen der Wirtschaftskrise erst jüngst um etwa ein Drittel gekürzt wurden. Man hat bis 2025 nur so viel Geld zur Verfügung, wie die NASA für das laufende Fiskaljahr. Das sagt alles …

Wie wichtig ist der Mond für die Russen?

Mondansicht
Die Mondflugpläne der Sowjets waren streng geheim. Bildrechte: colourbox.com

Für die Russen ist der Mond vor allem deshalb wichtig, weil sie ihn jetzt wirklich erreichen können. Und, na klar, die wollen einen der ihren auf dem Mond haben.

Für die Amerikaner ist der Mond nicht mehr interessant, sie waren schließlich schon dort gewesen. Die überlegen vielmehr, ob er eine Zwischenstation für eine Marsmission sein kann.

Was ist am Mond überhaupt so interessant?

Der Mond ist wissenschaftlich betrachtet hochinteressant, weil er quasi das "Gedächtnis" unserer Erde ist uns viel über ihre Entwicklung sagen kann. Zudem kann man von der erdabgewandten Seite des Mondes ohne Hindernisse, also ohne störende Atmosphäre, in die Tiefen des Weltalls schauen. So ein Mondflug ist also beileibe nicht nur eine Frage des Prestiges.

Also wieder kein Wettlauf zum Mond …

Es besteht dafür absolut keine Notwendigkeit mehr. Man hatte damals ja gesagt, wer den Weltraum beherrscht, beherrscht die Erde. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt geht es darum, wissenschaftlich zu arbeiten. Und das macht man am besten gemeinsam.

(zuerst veröffentlicht am 29.03.2016)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: HEUTE IM OSTEN - Die Reportage | 02.04.2016 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2017, 15:36 Uhr

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