Save Paradise-Aktion Rumänien
Bildrechte: Matthias Schickhofer/EuroNatur

Europas letzte Urwälder in Gefahr

Zwei Drittel der noch verbliebenen Urwälder Europas liegen in Rumänien. Doch seit Jahren werden die Schutzgebiete illegal abgeholzt. Nun wächst der Druck auf die rumänische Regierung, gegen den Raubbau vorzugehen.

Save Paradise-Aktion Rumänien
Bildrechte: Matthias Schickhofer/EuroNatur

Anfang März im Făgăraș-Gebirge in den rumänischen Südkarpaten. An einer bergigen Landstraße nahe des Vidraru-Stausees haben sich etwa 30 Menschen postiert. Sie halten selbstgemalte Plakate in den grauen Himmel, ein etwa fünf Meter breites Banner haben sie quer über die Straße gespannt. "Salvează Ultimele Păduri Virgine", steht darauf (Rettet die letzten Urwälder). Mit dem Banner blockieren sie einen LKW, der die Gruppe passieren will. Seine Ladung: tonnenweise Holz aus den umliegenden Wäldern.

Mit der Aktion will die Gruppe auf den Raubbau an den einzigartigen Urwäldern Rumäniens aufmerksam machen. Schätzungsweise 3.000 Quadratkilometer dieser urtümlichen Waldgebiete gibt es noch in Europa - eine Fläche etwas größer als das Saarland. Zwei Drittel davon befinden sich in Rumänien. "Es gibt aber keine gute Dokumentation des Bestands der Urwaldflächen und der derzeitigen Zerstörungen", fasst Gabriel Schwaderer das Problem zusammen. Er ist Geschäftsführer der "EuroNatur"-Stiftung, die die Aktion im Făgăraș-Gebirge organisiert hat.

Sichtbare Umweltzerstörung

Der Fahrer des LKW hat jedoch eine offizielle Genehmigung. Den Ärger darüber hört man Hans Dieter Knapp auch Tage nach der Aktion noch an: "Ob mit oder ohne Genehmigung: Die Auswirkungen sind dieselben. Insbesondere im Einzugsgebiet eines Stausees. Man sieht das an den Bergbächen. Da kommt eine braune Brühe runter, statt glasklarem Frischwasser." Der Umweltbiologe lehrt an der Universität Greifswald und ist Mitbegründer des ostdeutschen Nationalparkprogramms.

Save Paradise-Aktion Rumänien
Der Umweltbiologe Hans Dieter Knapp bei der Protestaktion nahe des Vidraru-Stausees. Bildrechte: Matthias Schickhofer/EuroNatur

Die Zerstörung der rumänischen Urwälder hätte massive Folgen, so Knapp: "Das ist nicht nur für die Umwelt katastrophal, sondern auch für die Menschen. Ihnen wird die Lebensgrundlage zerstört. Früher gab es hier lokale Land-, Energie- und Forstwirtschaft. Das geht bald alles nicht mehr. Und das wird dazu führen, dass die Menschen woanders hin flüchten. Und das hat natürlich Auswirkungen über die Grenzen Rumäniens hinaus."

Milliardenmarkt Holzproduktion

Auch die Ursachen für den Raubbau lägen zum Teil außerhalb Rumäniens. Holzprodukte sind in Europa sehr gefragt, der Preiskampf ist immens und die Lieferströme innerhalb des Kontinents extrem vernetzt, erklärt "EuroNatur"-Geschäftsführer Schwaderer: "Wenn Sie bei Ikea ein Regal aus Fichte kaufen, kann das aus einem rumänischen Bergfichtenurwald stammen. Auch andere Möbel, Bleistifte oder die in Deutschland zunehmend genutzten Holzpellets für Öfen können aus Holz gefertigt sein, das aus den letzten Urwäldern Europas stammt."

Um genau das zu verhindern, gäbe es genügend Gesetze, erklärt Schaderer: "Die Wälder sind alle einheitlich durch europäisches Recht und das rumänische Waldgesetz geschützt. Aber die Durchsetzung funktioniert nicht." Denn die zuständige rumänische Forstbehörde "Romsilva" kontrolliere die Wälder nicht konsequent, werfen ihr Umweltschutzorganisationen wie "EuroNatur" vor - oder sie erteilen die Genehmigungen gleich selbst. "Es gibt innerhalb von Romsilva durchsetzungsstarke Kräfte, die den Urwaldschutz aushebeln", kritisiert "EuroNatur"-Geschäftsführer Schaderer.

Millionengeschäfte durch Raubbau

So ver- oder behindere die Behörde seit Monaten Studien, die feststellen sollen, wo in Rumänien sich die schützenswerten Urwaldregionen befinden. Denn auch Mitarbeiter der Behörde verdienen - so der Vorwurf - an dem lukrativen Geschäft mit. Wie dieses Geschäft läuft, haben amerikanische Aktivisten 2015 aufgedeckt. Mit versteckten Kameras filmten sie damals Mitarbeiter eine Sägewerks in der rumänischen Stadt Sebes.

Diese erklärten, dass es kein Problem sei, Holz aus zweifelhaften Quellen zu verarbeiten. Das Sägewerk gehört der Firma Schweighofer. Der österreichische Konzern ist einer der größten Holzproduzenten Europas und Marktführer in Rumänien. Zur Zeit der Aufnahmen hatte Schweighofer ein Zertifikat des "Forest Stewardship Council" (FSC). Die NGO bescheinigt Unternehmen mit ihrem Siegel, nachhaltige Forstwirtschaft zu betreiben.

Gesetze senkt Hürden

Gerodete Fläche in Rumänien.
Zerstörung der Urwälder im Făgăraș-Gebirge. Bildrechte: Matthias Schickhofer/EuroNatur

Der Fall zeige, dass auch das unabhängige Zertifizierungssystem an seine Grenzen stoße, so Gabriel Schaderer von "EuroNatur". Denn die Zertifizierung gelte für die gesamte Produktionskette: "Wenn dann Schweighofer nicht ausreichend kontrolliert, woher das Holz stammt - und das haben sie nicht -, dann kann dieses Holz auch aus Nationalparks, Urwäldern und Naturschutzgebieten stammen, in denen in nicht nachhaltiger Weise Forstwirtschaft betrieben wurden."

Mittlerweile hat Schweighofer das FSC-Zertifikat verloren und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Unternehmen. Nach eigenen Angaben hat es die Kontrolle seiner Zulieferer massiv ausgebaut. Dabei ist Schweighofer aber nur der prominenteste Beispiel für die Methoden der Holzwirtschaft. Auch andere Unternehmen sollen es mit der Herkunft ihres Holzes nicht so genau nehmen, geduldet von den rumänischen Behörden. Und auch die bestehenden Hürden könnten bald fallen.

Moratorium zur Rettung der Urwälder

Denn aktuell liegt dem rumänischen Parlament eine Gesetzesvorlage vor, die die Strafen für illegalen Holzeinschlag um bis zu 90 Prozent senken soll. Umweltaktivisten sind bestürzt. Darum haben 200 der führenden Waldwissenschaftler und Ökologen ein öffentliches Memorandum unterschrieben, dass die Regierung auffordert, sofort gegen die Abholzung der Urwälder vorzugehen. Am Mittwoch wurde dieses der rumänischen Ministerin für Wasser und Wälder, Adriana Petcu, in Bukarest übergeben.

Darin fordern die Experten aus 27 Ländern, dass die Regierung einen sofortigen Einschlagstopp verhängt. Daraufhin sollen die zuständigen Behörden systematisch untersuchen, wo es in Rumänien noch schützenswerte Flächen gibt und diese in in den "Nationalen Katalog der Urwälder" aufnehmen. Eine Stunde dauerte das Gespräch zwischen Vertretern verschiedener NGOs und der Ministerin, an dem auch Gabriel Schaderer von "EuroNatur" teilgenommen hat.

Er gibt sich optimistisch, dass der öffentliche Druck die Regierung zum Handeln zwinge: "Eines wird der Ministerin heute sehr klar geworden sein. Dass dies eben kein rein rumänisches Thema mehr ist, sondern inzwischen ein europäisches und globales. Rumänien steht hier unter globaler Beobachtung." Die Zeit wird jedoch knapp. Rund um den Vidraru-Stausee im Făgăraș-Gebirge wurden in den vergangenen Jahren bereits mehr als ein Drittel der Urwälder zerstört. Und das Gesetz zur Lockerung der Strafen könnte bereits im April verabschiedet werden.

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2017, 16:23 Uhr

Ein kahlgeschlagener Berghang
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Jede Stunde verschwinden laut Greenpeace rund 3 Hektar Wald aus den Karpaten. Denn das Geschäft mit dem Wald ist ein äußerst lukratives.

Di 30.06.2015 14:23Uhr 02:17 min

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