Interview mit dem neuen Chef des Danziger Weltkriegsmuseums

Karol Nawrocki ist seit April 2017 neuer Direktor des "Museums des Zweiten Weltkrieges" in Danzig. Seiner Berufung durch die national-konservative Regierung ging ein handfester Streit über die Aussrichtung der Ausstellung voraus. Der regierenden PiS-Partei war sie nicht patriotisch genug. Im Interview spricht Karol Nawrocki über seine Pläne und darüber, wie er sie verwirklichen will.

Sie sind jetzt schon knapp zwei Monate Direktor des "Museums des Zweiten Weltkrieges". Welche inhaltlichen Ziele haben Sie sich gesetzt?

Das Museum ist und bleibt eine staatliche Kulturinstitution, die ein Bewusstsein dafür schaffen wird, wie schrecklich der Zweite Weltkrieg gewesen ist. Wir möchten mit einem neuen Konzept der ganzen Welt zeigen, was der 1. September 1939 und die Ereignisse auf der Westerplatte bedeuteten – besonders für Polen. (Anmerkung der Redaktion: Der Beschuss des polnischen Munitionslagers auf der Westerplatte markiert den Beginn des 2.Weltkrieges.1.500 deutsche griffen 182 polnischen Soldaten an, die sieben Tage erbitterten Widerstand leisteten. Für die Polen ist die Westerplatte eines der wichtigsten Symbole im Widerstand gegen Nazideutschland.)

Karol Nawrocki, neuer Chef des Museums des Zweites Weltkrieges in  Danzig.
Karol Nawrocki: Neuer Chef des Museums des Zweites Weltkrieges in Danzig. Bildrechte: Karol Nawrocki

Der Bau des Museums des Zweiten Weltkrieges war unsere Hauptinvestion. Wir werden künftige Gelder vor allem in die Ausstellung auf der Westerplatte, eine Unterabteilung des Museums, stecken. Dort wird ebenfalls eine Dauerausstellung entstehen. Mein Plan ist es, dass die Besucher zukünftig mit einem Ticket beide Museumsteile besuchen können. Wir wollen sie über den Fluss Motława von der Westerplatte bis zur Wapienniczy-Brücke zum Museum mit einem Boot fahren lassen. So sieht mein optimaler Plan aus. Mein Traum.

Schauen wir nun ganz konkret auf die bereits existierende Ausstellung im Museum des Zweiten Weltkrieges. Sie haben schon angekündigt einiges zu verändern. Was wollen Sie dort anders machen?

Veränderungen werden erst das Ende eines langen Prozesses sein. Ich sehe mich gemeinsam mit meinem Stellvertreter Prof. Berendt nicht als zweiköpfiges, unfehlbares Entscheiderteam, das immer Recht hat und weiß, wie alles zu verändern ist. Jedoch gefällt mir einiges nicht. Zum Beispiel wie die Polen der Freien Hansestadt Danzig zu Kriegszeiten dargestellt werden. Außerdem fehlen Exponate aus dem Jahr 1939. So gibt es beispielsweise nur ein Flugblatt zum Thema Verteidigung der Halbinsel Hel. Es gibt offensichtliche Fehler, aber auch Platz für  tiefgreifende Diskussionen.

Am wichtigsten ist, dass ich keine Angst davor habe, den Museumsrat aktiv mit einzubeziehen. Diese 15 Experten werden über die Ausstellung diskutieren und so auch zur öffentlichen Debatte der Ausstellungsinhalte anregen – national und international. Diese Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit hat bei meinem Vorgänger Pawel Machcewicz vollkommen gefehlt. Es wurde sich auf das eigene Umfeld konzentriert, die Meinung und Argumente anderer Historiker wurden nicht zugelassen. Ich habe meine Anmerkungen, warte gleichzeitig auf die des Museumsrates. Ich bin gegen die Haltung von Pawel Machcewicz, dass man nichts verändern und nichts kritisieren darf, dass alles ideal ist.

Sie sprechen es an: Um das Museum gab und gibt es heftige politische Diskussionen. Es wurde sogar spekuliert, ob die aktuelle PiS-Regierung das Museum nicht sogar wieder schließt. Aus deutscher Sicht scheint es, als ob der Konflikt um das Museum die allgemeine Situation in Polen widerspiegelt: Das Land ist gespalten. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Ich bin weder Politiker noch Mitglied einer politischen Partei. Ich habe anders als mein Vorgänger Professor Machcewicz, der Berater des polnischen Politikers Donald Tusk war, nie engen Kontakt zur Politik gepflegt.

Der Konflikt existiert, außer Frage. Ich wäre naiv, wenn ich ihn nicht bemerkt hätte. Es ist eine Auseinandersetzung, die von Leuten geführt wird, die nicht mit demokratischen Wahlen einverstanden sind. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Mehrheit der Polen Menschen ins Parlament gewählt haben, die sie nun repräsentieren. Der Minister ernennt den Museumsdirektor. Das sind europäische und demokratische Standards. Wenn jemand damit nicht einverstanden ist, ist das ärgerlich. Das heißt doch, dass er die demokratische Ordnung nicht schätzt.

Kommen wir noch einmal zur Ausstellung zurück. Ein Teil der Ausstellung widmet sich dem Holocaust. Welche Linie verfolgt das Museum?

Das ist eher eine Frage an meinen Vorgänger. Der Holocaust ist Thema, ebenso wie die Konzentrationslager. Ein Abschnitt widmet sich ausschließlich den Opfern. Persönlich, auch weil ich mich thematisch mit Polen beschäftigt habe, die ihr Leben verloren haben, weil sie Juden halfen, würde ich gerne mehr Fokus auf wichtige Polen während des Holocaustes legen – wie etwa Irena Sendlerowa. Letztendlich war Polen das einzige Land, wo es die Todesstrafe gab, wenn man Juden half.

Es gibt viele Situationen, die zeigen, dass das Verständnis zwischen Deutschen und Polen oft fehlt. Ein Beispiel ist der Film "Unsere Mütter, unsere Väter". In Polen löste er großes Entsetzen aus, weil Deutsche aus polnischer Sicht zu gut dargestellt wurden und Polen zu schlecht - im Film nehmen sie aktiv an der Judenverfolgung teil. Wie schafft man Verständnis füreinander, wenn man sich auf seine eigene Sicht konzentriert?

Dieses Museum ist das teuerste in der Geschichte Polens. Es hat den Steuerzahler eine halbe Milliarde Zloty gekostet. Es wurde mit polnischen Geldern als ein Museum gebaut, das den internationalen Dialog fördern soll. Trotzdem sollten sich Deutsche nicht wundern, dass Polen in einem in Polen gebauten Museum ihre Geschichte zeigen wollen. Deutsche Museen zeigen ja auch ihre historische Perspektive in von den Bürgern finanzierten Einrichtungen. Die Narration unseres Museums ist keineswegs auf Konfrontation aus, sie zeigt schlicht den wissenschaftlich objektiven Blick. Und aus touristischer Sicht: Wenn man in ein anderes Land reist, dann will man ja die "lokalen Gewürze", Bräuche und eben auch die Geschichte kennenlernen.

Jedoch wird das Museum auch ein Ort für Diskussion zu geschichtlichen Ereignissen und der Vergangenheit sein. Ich versichere, dass sich das nicht ändern wird. Wir werden selbstverständlich mit deutschen Historikern zusammenarbeiten. Ohne Diskussion und Offenheit in der Wissenschaft gibt es keinen Fortschritt.

2019 sind wieder Parlamentswahlen in Polen. Sollten sich dann die politischen Verhältnisse ändern und die PiS (Recht und Gerechtigkeit) nicht wiedergewählt werden, müssen Sie sich dann neue Arbeit suchen?

Die Wirklichkeit ist dynamisch. Ich habe diese Aufgabe nicht aus politischen Gründen angenommen, sondern weil ich überzeugter Historiker und Verfechter der Demokratie bin. Als mich der aktuelle Kulturminister Piotr Glinski als Direktor berufen hatte, habe ich sofort eine Verantwortung für das Museum gespürt.

Was in zwei Jahren passiert, liegt in ferner Zukunft. Direktor bin ich jetzt. Schade, dass mein Vorgänger das nicht verstanden hatte. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich mir bei einem Regierungswechsel oder wenn man mich um Ministerpräsidentin Beata Szydlo nicht mehr will, eine andere Aufgabe suche. Ich bin ja nicht Chef eines Familienunternehmens. Jeder Minister hat das Recht, mich zu entlassen. Im "Dienst für das Vaterland", also im öffentlichen Dienst, erfüllen wir eine Funktion auf Zeit. Jeder sollte das verstehen. Mein Vorgänger ebenso wie mein Nachfolger.

Karol Nawrocki ist seit April 2017 neuer Direktor des "Museum des Zweiten Weltkrieges". Der 1983 geborene Historiker hatte sich bis dahin wissenschaftlich vor allem mit der Zeit des Kommunismus in Polen auseinandergesetzt. Als Mitarbeiter der Behörde des Nationalen Gedenkens (IPN) hat er beispielsweise zu den "verstoßenen Soldaten" geforscht.

Über dieses Thema berichtet MDR auch in diesen Sendungen: Heute im Osten - Reportage | 22.04.2017 | 18:00 Uhr
MDR Aktuell im TV | 21.04.2017 | 17:45 Uhr
MDR Aktuell im Radio | 07.04.2017 | 04:23 Uhr
LexiTV | 01.09.2014 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2017, 15:19 Uhr