Leichter leben | 28.11.2012 | 17:00 Uhr : Oldtimer - Traumwagen von gestern?
Verchromte Stoßstange, runde Scheinwerfer, aufgesetzte Türgriffe – Oldtimer fallen auf im Straßenbild von heute. Doch ab wann spricht man eigentlich von einem Oldtimer und was ist das Besondere? "Hier ab vier"-Autoexperte Andreas Keßler klärt Sie auf.
Im Lexikon findet man unter "Oldtimer" folgendes: "Altes, gut gepflegtes Modell eines Fahrzeuges (besonders eines Autos) mit Sammler- oder Liebhaberwert". Das aus dem englischen stammende Wort "Oldtimer" setzt sich zusammen aus "old" und "time" - was frei übersetzt etwa "Aus alter Zeit" bedeutet. Was veranlasst nun einen Menschen, so ein Fahrzeug zu sammeln und woraus ergibt sich der Liebhaberwert? Der sogenannte "Oldtimer-Bazillus" bewirkt ein spezielles Verhältnis zu einem Objekt, (hier zu einem Automobil), welches aus dem Alltagsbild verschwunden ist, schon seit geraumer Zeit vergessen war und plötzlich wieder ins Bewusstsein rückt.
Jedes Auto kann Oldtimer werden
Jedes Auto, welches vor mehr als 30 Jahren das erste Mal zum Verkehr zugelassen wurde und von einem Gutachter positiv im Hinblick auf den § 23 StVZO überprüft wurde, kann von den Zulassungsbehörden als "Oldtimer" zugelassen werden. Das Fahrzeug bekommt dann ein zusätzliches "H" auf sein Kennzeichenschild geprägt und kostet zukünftig pauschal 191 Euro Kfz-Steuer pro Jahr. Die Behörden stufen das Fahrzeug dann als "Historisches Kulturgut" ein, was als eindrucksvoller Erfolg der Oldtimerszene im Kampf um die Trennung von "Verbrauchtwagen" von den "echten Oldtimern" zu werten ist. Wenn das Alter und der Zustand o.k. sind, kann also jedes Auto die höheren Weihen des Oldi-Status erreichen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Marke das Auto trägt und aus welchem Land der Hersteller stammt.
Und was ist ein Youngtimer ...?
Youngtimer sind eigentlich Wagen, die schon mehr als 20 Jahre auf dem Buckel haben, aber noch nicht 30. Sonst wären es Oldtimer. Und es sind Autos, die irgendwie die Kurve zum Kultmobil bekommen haben. Die wahre Ursache ist aber der Umstand, dass in diesen Autos die heutige junge Generation ihre Kindheit verbracht hat. Und das verbindet. Deshalb wollen alle einen haben, von diesen schönen bunten Autos aus den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts. Aber: Sind die nicht viel zu teuer?
Ein kostspieliges Hobby?
Nehmen wir mal als Beispiel einen W123. Das ist der Vor-vor-vor-Gänger der heutigen E-Klasse von Mercedes. Ein Auto für die Ewigkeit, mit vollem Chrom, der letzte Voll-Metall-Daimler. In gutem Zustand bekommt man eine 230 E–Limousine - die häufig schon an der Grenze zum H-Kennzeichen kratzt - für etwa 4.000 bis 5.000 Euro. Sein vergleichbarer Ur-ur-Enkel E250 kostet nackt knapp 46.000 Euro, also etwa das Zehnfache. Wer redet da von "teuer"? Wer jetzt schon urteilt, ist etwas vorschnell, der Kaufpreis ist bekanntlich nicht alles.
Die Kostenkalkulation
Fuhrpark-Manager kennen den Begriff "Vollkostenrechnung", die neben der Anschaffung folgende Kostenblöcke beinhaltet: Benzin, Wartung, Versicherung, Steuer, Verschleiß/Reparaturen und Wertverlust. Letzterer ist der mit Abstand teuerste Faktor nach dem Kauf eines Autos. Ein neuer E250 wird im Laufe der ersten drei Jahre seines Lebens jeden Monat etwa ein Prozent seines Wertes verlieren - das sind umgerechnet rund 400 Euro im Monat. Und der W123? Bei guter Pflege ist der nach drei Jahren und weiteren 45.000 km Laufleistung mindestens so viel wert wie heute, eher etwas mehr. Der Faktor "Wertverlust" liegt hier also bei 0 Euro/Monat.
Rechenbeispiele ...
Zum Fahren braucht aber auch ein Youngtimer Benzin, und nicht zu knapp: Der moderne E250 ist wirklich deutlich sparsamer als sein Ahne, wobei aufgrund des gestiegenen Fahrzeuggewichtes keine Wunder zu erwarten sind. Der alte Mercedes braucht gut geschätzt etwa 3 Liter/100 km mehr. Bei 1,67 Euro pro Liter sind das 5 Euro/100 Kilometer, macht 750 Euro im Jahr an zusätzlichen Kraftstoffkosten. Dafür kosten die Reifen maximal die Hälfte und die Versicherung nimmt nur noch einen sehr kundenfreundlichen Liebhaberpreis als Prämie. Geschätzt dürfte das zusammen etwa 400 Euro zugunsten des "Alten" machen, die von den höheren Kraftstoffkosten abzuziehen wären.
Bislang ist die aktuelle E-Klasse bei den Betriebskosten also mit etwa 350 Euro/Jahr im Vorteil, was dem Wertverlust von einem knappen Monat entspricht. Umgekehrt heißt das aber, der Neu-Stern gerät mit elf Raten ins Hintertreffen. Defekte werden in den ersten drei Jahren beim Neuwagen von Garantie und Kulanz abgedeckt, beim Oldie rechnen wir mit 1.000 Euro (sehr großzügig!). Die normale Wartung kostet ähnlich viel, hier gibt es deshalb keine Kostenunterschiede. Mit diesen Zahlen gerechnet, beträgt der Kostenrückstand beim Neuwagen "nur" noch acht Monate. Die Kfz-Steuer ist auf ähnlichem Niveau, weil der 230E bereits mit einem D3-Kat ausgerüstet werden kann.
Unter dem Strich ist der Unterhalt der modernen E-Klasse etwa 3.000 Euro/Jahr teurer. Und wenn man jetzt die knapp 40.000 Euro, die beim Kauf gespart wurden, gut anlegt, gibt es alle drei Jahre etwa 3.600 Euro Zinsen. Oder einen weiteren Youngtimer. Der "Alte" ist dann schon ein Oldtimer und dadurch mehr wert ...
Andreas Keßler am Expertentelefon: 01802 151517
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(Mittwoch, 28. November, ab 16.30 Uhr)
