Gäste zum Kaffee

Gäste zum Kaffee | 10.10.2011 | 16:30 Uhr : Wolfgang Ghantus - ein Diener vieler Herren

Als Simultanübersetzer von Erich Honecker kam Wolfgang Ghantus mit vielen großen Staatschefs des letzten Jahrhunderts in Kontakt. In seinem kürzlich erschienen Buch "Ein Diener vieler Herren" beschreibt er seine fast 60 Jahre im Dienste der Weltpolitik. Hier im Studio blickt er mit uns auf diese Zeit zurück.

Wolfgang Ghantus - ein Sonderfall: Eigentlich konnte man als freiberuflicher Übersetzer selbst mit SED-Parteibuch – das Wolfgang Ghantus bis zum Ende der DDR hatte – niemals an Aufträge herankommen, wie er sie hatte: Dolmetschen für die DDR-Partei- und Staatsführung, Auslandsreisen in kapitalistische Länder inklusive.

Einblicke ins Machtzentrum der DDR

Doch Ghantus' Vater war einst Widerstandskämpfer gegen die Faschisten in Frankreich gewesen - und mit diesem Familienbonus gelangte der Sohn als junger Mann direkt hinein ins Machtzentrum des sozialistischen deutschen Staates.

In seinem Buch "Ein Diener vieler Herren" beschreibt der inzwischen 80-Jährige sein Arbeitsleben im Arbeiter- und Bauernstaat und seine Begegnungen mit allen, die zu DDR-Zeiten in der Politik Rang und Namen hatten. Angefangen von Walter Ulbricht und dessen damaligem FDJ-Chef Erich Honecker über Chiles Präsidenten Salvador Allende und den legendären Che Guevara bis hin zum Hoffnungsträger der DDR - Werner Lamberz, der bei einem Ghaddafi-Besuch mit dem Hubschrauber tödlich verunglückte. Beinahe wäre das auch das Schicksal des Dolmetschers Wolfgang Ghantus gewesen, wie er in seinem Buch schreibt.

Der mysteriöse Hubschrauberabsturz

Nach dem Ende der DDR, so berichtet Wolfgang Ghantus, wurde er nicht nur von Noch-Stasi-Leuten und vom BRD-Verfassungsschutz, sondern auch von der CIA zu dem verhängnisvollen 6. März 1978, als der Hubschrauber beim Libyen-Besuch abstürzte, befragt.

Waren die meisten Aufträge für den Dolmetscher Wolfgang Ghantus eher harmloser Natur, so führten ihn doch viele Reisen ins abenteuerliche Afrika, in das die DDR-Führung zu einigen Diktatoren enge Beziehungen pflegte. So ist Äthiopien für Wolfgang Ghantus eine Art zweite Heimat geworden - und der damalige Staatschef Mengistu Haile Mariam war Ghantus durch viele Treffen weniger wie ein brutaler Machthaber, sondern vielmehr als ein großzügiger Gastgeber erschienen.

Zu förmlich erschien ihm Honecker

Mit Erich Honecker arbeitete Ghantus regelmäßig, aber vergleichsweise ungern zusammen. Zu förmlich, erinnert sich Ghantus, sei Honecker auch in kleinerem Kreis und im Privaten gewesen. Anders als dessen lebenslustige Ehefrau, deren Erscheinen vor den Fernsehkameras mit ihrer blaustichigen Toupier-Frisur den DDR-Bürgern regelmäßig ein Graus war - zumal, wenn sie sich als Volksbildungsministerin mit ihren Schutzbefohlenen gemein machen wollte, indem sie ein Pionierhalstuch umband.

Erich Honecker

Details aus dem Nähkästchen

Einige spannende Erinnerungen aus seinem Leben beschreibt Wolfgang Ghantus in seinem Buch, das er in der Sendung "Hier ab vier" am 10. Oktober 2011 vorstellt - unter anderem auch die Episode, wie er der Chefin der DDR-Staatsbank aus einer ganz persönlichen Finanzkrise heraushalf. Das und viele weitere Details aus dem Nähkästchen der Machthaber des Arbeiter- und Bauernstaates berichtet der Übersetzer Wolfgang Ghantus als Studiogast.  

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2011, 15:59 Uhr

Buchtipp

Wolfgang Ghantus
Ein Diener vieler Herren: Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt

Oktober 2011
EAN: 9783861898467
ISBN-10: 3-86189-846-2
Seitenzahl: 216
zahlreiche s/w-Fotos
200 Seiten
13,5 x 22 cm, Hardcover
ISBN 9783861898467
17,90 Euro

Erscheint bei: Militzke Verlag GmbH
Einband: gebunden

Wolfgang Ghantus

Wolfgang Ghantus, geb. 1930, hat in Leipzig und Halle Journalistik studiert. Seit 1949 arbeitet er als Dolmetscher und Übersetzer, seit 1953 auch als Simultandolmetscher. Er spricht Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch. Er war auf vier Kontinenten im Einsatz.

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