Gäste zum Kaffee

Gäste zum Kaffee | 16.02.2012 | 16:30 Uhr : Frank Schumann gibt Einblicke in Honeckers Tagebücher

Erich Honecker war 169 Tage in Berlin-Moabit inhaftiert, ehe er Anfang 1993 nach Chile ausreiste. Im Gepäck: ein etwa 400 Seiten dickes Tagebuch. "Für Margot" stand auf dem Deckblatt. Der Verlag Das Neue Berlin veröffentlicht nun Erich Honeckers "Letzte Aufzeichnungen" - im Jahr, in welchem er 100 geworden wäre. Verleger Frank Schumann gibt Einblicke.

Verleger Frank Schumannmit Manuskript

"Meine Kleine" - so spricht Erich Honecker seine Frau Margot in seinen Tagebüchern immer wieder zärtlich an. Das ehemals mächtigste Ehepaar der DDR ist räumlich getrennt: Er ist in Untersuchungshaft in Moabit, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Sie ist schon in Chile. Auf etwa 400 Seiten hält er seine Gedanken fest. Es geht um Gefühle, Ängste und Überzeugungen. Die Tagebücher erscheinen nun, 20 Jahre später, unter dem Titel "Letzte Aufzeichnungen". Sie offenbaren Züge des SED-Staatsmannes, die man so an ihm nicht erwartet hätte.

Tagebücher an Margot

Buchcover "Letzte Aufzeichnungen" von Erich Honecker
"Letzte Aufzeichnungen" von Erich Honecker

Vom Sommer 1992 bis zum Januar 1993 befindet sich Honecker im Haftkrankenhaus in Moabit. Er hat sich vor Gericht zu verantworten, unter anderem für den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. In dieser Zeit, insgesamt 169 Tage, entstehen seine Tagebücher. Honecker hat sie für seine Frau Margot geschrieben: In seinen Zeilen wird die enge Verbundenheit mit ihr deutlich. Immer wieder schreibt er zärtliche Worte an sie. Es ist ein Blick hinter die Fassade des Ehepaares, das die DDR-Öffentlichkeit nur als funktionierendes, pflichtbewusstes Ehepaar wahrnehmen konnte. Persönliches, gar private Gedanken, blieben der Öffentlichkeit unbekannt. Umso überraschender ist die tiefe Vertrautheit und Wärme, die aus Honeckers Tagebüchern spricht.

So entsteht ein Bild Honeckers fernab der öffentlichen DDR-Propaganda. Menschliche Züge ersetzen das allgemein bekannte, starre Bild des korrekt funktionieren SED-Generalsekretärs und Staatsmannes. Doch auch seine politischen Ansichten schreibt er nieder: Er glaubt noch immer an seine Idee, ist enttäuscht über den Wandel in der DDR. Er ist tief erschüttert über ehemalige Genossen, die ihn nun ignorieren.

"Mach was draus!"

Honecker folgt nach der Haftentlassung seiner Frau nach Chile zur gemeinsamen Tochter. Schon im Herbst 1993 setzt ihm sein Gesundheitszustand stark zu, er stirbt im Mai 1994.

Margot Honecker zur Beerdigung Erich Honeckers in Chile
Margot Honecker während der Beerdigung ihres Mannes 1994

Warum die Texte Erich Honeckers erst jetzt, 20 Jahre nach ihrer Entstehung, erscheinen? Private Gedanken sollten auch privat bleiben, meinte Margot Honecker lange. Vielleicht hat sie es vorher niemandem zugetraut, sie in angemessener Form zu veröffentlichen. Vielleicht sollten die Tagebücher nicht in falsche Hände kommen. Sie gab sie nun dem Verleger und Publizisten Frank Schumann. Er wollte eine Biografie schreiben, anlässlich des 100. Geburtstags Honeckers am 25. August. Dafür besuchte er seine Witwe in ihrem Exil. Nach drei Tagen intensiven Gesprächen passierte die Überraschung: Sie gab Schumann die Tagebücher mit den Worten "Mach was draus." Niemand wusste vorher von den Texten. 

Margot Honecker nimmt nun zumindest noch etwas Einfluss auf die Veröffentlichung: Sie selbst hat ein Vorwort für den Verlag geschrieben. In einem Interview sagte sie, dass sie sich zur Veröffentlichung entschlossen habe, weil sie hilfreich sein könnten "in der politischen Auseinandersetzung um die Geschichte, indem sie einige Wahrheiten ins Licht rücken inmitten der Lügen, Fälschungen und Verleumdungen, die täglich nun schon seit zwei Jahrzehnten verbreitet werden". "artour" hat sich die "Letzten Aufzeichnungen" genauer angesehen.

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2012, 14:56 Uhr

Buchtipp

Erich Honecker:
"Letzte Aufzeichnungen"
Herausgegeben von Frank Schumann,
192 Seiten,
Berlin: Das Neue Berlin 2012,
ISBN: 978-3-360-01837-3

Kurzbiografie Erich Honecker (1912–1994)

Erich Honecker wurde 1912 in Neunkirchen (Saar) geboren. Als Funktionär der KPD wurde er 1935 von der Gestapo verhaftet und im Zuchthaus Brandenburg eingesperrt. Nach dem Krieg gehörte Honecker zu den Mitbegründern der FDJ und wurde schließlich ihr Vorsitzender. 1976 wählte ihn die Volkskammer zum Staatsratsvorsitzenden der DDR. Im Oktober 1989 musste Honecker zurücktreten. 1991 nach Moskau ausgeflogen, wurde er 1992 nach Berlin ausgeliefert. Nach Einstellung des Justizverfahrens reiste Honecker nach Santiago de Chile zu seiner Familie, wo er wenig später starb.

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