Ingrids Tagebuch

1. September 2010 : Liebes Tagebuch,

 Ingrids Tagebuch | Gedanken und Gefühle - die Oberschwester privat

Die letzten Tage haben mir mal wieder in aller Deutlichkeit gezeigt, wie nah in unserem Beruf (aber auch im Privatleben) Glück und Leid beieinander liegen. Nicht nur das: So oft sind sie im ersten Moment auch kaum zu unterscheiden!

Wenn ich mir ansehe, wie hart das Schicksal Dr. Heilmann und seiner Familie mitgespielt hat, empfinde ich Mitgefühl über den großen Verlust - zugleich aber sehe ich ganz deutlich, dass dieser Schrecken ihnen allen wieder einmal gezeigt hat, wie sehr sie als Familie zusammen gehören. Ich hoffe, dass auch Herr Heilmann und seine Frau dieses "Glück im Unglück" so empfinden können. Natürlich steht erst einmal der Schock im Vordergrund, der Verlust von Hab und Gut. Doch wenn ich dann - sozusagen aus der zweiten Reihe - sehe, wie Pia Heilmann die Familie mit ihrem Mut und ihrer Tatkraft zusammenhält, wie tapfer Jakob seinen Klinikaufenthalt überstanden hat , wie Frau Gauss und Herr Stein die Familie in diesen Tagen mittragen, dann wandelt sich das Mitgefühl schnell in Erleichterung: Diese Familie hat auch in der Vergangenheit schon oft bewiesen, wie sie mit Schicksalsschlägen fertig wird - und jedes Mal ist sie noch ein Stück enger zusammengerückt! Zumindest sieht es für mich so aus. Wer weiß denn schon, was hinter der Fassade wirklich los ist? Vielleicht ist Frau Heilmann gar nicht so stark? Vielleicht leiden die Kinder mehr, als man sieht? Aber eins ist sicher: Die Heilmanns sind einander sehr nah, und daraus schöpfen sie Kraft.

Wie ist das für mich, diese große Familie mitzuerleben? Manchmal gibt es mir einen kleinen Stich, wenn ich an die Kinder und Enkel denke, die - inzwischen bei den Steins zuhause - fröhlich durch die Zimmer springen; wenn ich mich mit Gernot so ganz allein in dem großen Haus sehe. Manchmal frage ich mich - reicht das? Doch immer wieder finde ich die Bestätigung in mir selbst: Ich bin glücklich so, wie es ist. Ich bin glücklich, dass Gernot und ich es so gut miteinander haben, dass wir wieder gesund sein und die gemeinsame Zeit genießen können. Trotz der mich ausfüllenden Arbeit habe ich noch genug Zeit für meine Hobbys, kann malen, zu Konzerten gehen, lesen oder alte Möbel aufarbeiten. Ich liebe unser Haus, den Garten und die sich ständig erneuernde Natur um uns herum. Und ich liebe meine Arbeit über alles, bei der ich alle Fürsorge, die ich in mir spüre, jeden Tag aufs Neue einbringen kann. Manche Schicksale sind mir so nah - zum Beispiel gerade erst Herr Brückner, der während der Operation große Angst um seine Schwester hatte. Ich war froh, dass ich ihm wenigstens ein wenig beistehen konnte. Er war so voller Schuldgefühle und brauchte ganz dringend jemanden, der versucht, ihm diese Last zu nehmen und ihm beisteht. In diesen Augenblicken bin ich immer wieder beglückt, dass ich so viel Kraft weitergeben kann!

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2010, 13:41 Uhr

Ingrids Tagebuch

Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehenissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.


Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW