6. Oktober 2010 : Liebes Tagebuch!
Männer sind anstrengend! Ich liebe Gernot wirklich über alles und ich kann seine Situation auch gut nachvollziehen - aber, mal ganz ehrlich, er verlangt ziemlich viel von mir: Seine schlechte Laune, seine Angespanntheit, seine Ungeduld soll ich ertragen ohne Widerspruch. Über seine Probleme mit der Hand und über seine Krankheit soll ich schweigen. Aber wenn er dann Hilfe braucht oder doch mal darüber reden möchte, dann soll ich sofort vollstes Verständnis haben. Das ist gar nicht so leicht.
Schon in meinem beruflichen Alltag bin ich täglich sehr gefordert, der - durchaus nachvollziehbaren - Gereiztheit vieler Patienten mit entspannter und fürsorglicher Freundlichkeit zu begegnen. Die Patienten sind weg von ihren Lieben, weg von Zuhause, sind verunsichert und haben vielleicht starke Schmerzen. Natürlich sind sie da nicht immer ausgeglichen und lassen das auch mal an uns Mitarbeitern aus. In einer solchen Situation ist es für mich als Pflegekraft völlig selbstverständlich, ruhig zu bleiben und mich nicht persönlich angegriffen zu fühlen.
Anders ist es, wenn Gernot sich so verhält. Er ist kein "normaler" Patient - und genau das ist das Problem. Er weiß zu viel über medizinische Risiken und hat große Angst, sich zu viele Hoffnungen zu machen. Und er ist ein Mann - und nicht irgendein Mann, sondern noch dazu Klinikchef. Das bedeutet, er ist an seine Rolle als "starker Mann" gewöhnt und glaubt, dass auch ich das von ihm erwarte. Er will keine Schwäche zeigen, fühlt sich aber genau so hilflos wie alle anderen. Und das macht ihn wiederum wütend ...
Wenn er doch nur akzeptieren würde, dass ich ihn so liebe, wie er ist. Mit seinen Stärken und Schwächen - und auch mit seinen Ängsten. Aber das fällt ihm nicht leicht. Auch ich habe erst während meiner Krankheit gelernt, meine Angst zuzulassen und Unterstützung wirklich anzunehmen. Das hat mir sehr geholfen. Aber gute Ratschläge helfen Gernot jetzt auch nicht. Er muss selbst spüren, was für ihn am besten ist. Ich hoffe ja sehr, dass seine Entscheidung, die Akupunktur-Behandlung weiterzuführen, ein erster Schritt in diese Richtung ist. Ich vertraue Frau Dr. Globisch und bin fest davon überzeugt, dass diese Behandlungsmethode etwas in Bewegung bringt. Natürlich stehe ich Gernot bei, so gut ich kann, gerade in schweren Zeiten - aber ein Stückchen Hoffnung würde uns allen im Moment sehr gut tun.
Ingrids Tagebuch
Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehenissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.

