Ingrids Tagebuch

15.12.2010 : Liebes Tagebuch,

 Ingrids Tagebuch | Gedanken und Gefühle - die Oberschwester privat

Ich bin so stolz auf Gernot!
Die meisten Frauen würden in dieser Situation vielleicht stolz darauf sein, dass ihr Mann oder Lebensgefährte sehr erfolgreich eine renommierte Klinik wie die Sachsenklinik leitet. Sie wären stolz darauf, dass er Professor ist, an der Universität lehrt oder vierzigjähriges Dienstjubiläum feiern darf. Natürlich erfüllen mich auch all diese Dinge mit Freude. Ich bin wahnsinnig froh, dass es Gernot auch gesundheitlich wieder so gut geht, dass er dieses Jubiläum wirklich genießen kann. Und ich bin sehr gern an seiner Seite und freue mich mit ihm über die vielen, vielen Gratulationen und Dankesbekundungen.
Doch während all' das geschieht, stehe ich auch ganz still und gerührt an seiner Seite und bin auf etwas ganz anderes stolz: Darauf, dass er mir sein Unglück in den letzten Tagen anvertrauen konnte. Die Erinnerung an die Zeit, in der er damals Herrn Herold operierte und ihm ein schwerer Fehler unterlaufen ist, hat ihn sehr belastet. Und er, der sonst seine Probleme stets mit sich allein ausmacht, konnte mit mir darüber reden. Er, der sonst immer auf Vernunft und einen kühlen Kopf in jeder Situation pocht, hat für sich akzeptiert, dass auch seine eigenen Ängste wichtig sind und er sich ihnen stellen muss. Es ist ganz sicher nicht einfach für einen gestandenen Arzt, einen Menschen, der es gewohnt ist, schwierige Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, seine eigene Unzulänglichkeit einzugestehen. Und gerade, weil er es getan hat, beweist er Stärke. Und gerade, weil er seine Schwäche mit mir teilt, liebe ich ihn.

Und auch dafür, dass er auch nach so vielen Berufsjahren noch Selbstzweifel hat. Ja, auch wenn sich das vielleicht komisch anhört. Ich meine: Das Schlimmste, was einem Arzt passieren kann, ist der Glaube, perfekt zu sein. Und Gernot weiß, dass jeder Arzt jeden Tag aufs Neue gefordert ist, sein Bestes zu geben und jeden Tag Gefahr läuft, einen Fehler zu begehen. Nur kritische Selbsteinschätzung und enorme Wachsamkeit können davor schützen. Ich bin sehr froh, dass Gernot dies weiß und beherzigt!

So, eigentlich wollte ich von der schönen Jubiläumsfeier gestern Abend erzählen und davon, welche Pläne Gernot und ich gemeinsam geschmiedet haben - aber nun ist dies ein ganz anderer Tagebuch-Eintrag geworden! Ich schreibe ein andermal weiter, denn bald beginnt mein Dienst in der Klink und bei den aktuellen Wetterverhältnissen dauert es von unserem Häuschen aus doch manchmal ganz schön lang nach Leipzig ...

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2010, 08:53 Uhr

Ingrids Tagebuch

Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehenissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.


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