Liebes Tagebuch,
Was für ein Weihnachtsfest!
Ich bin noch ganz gerührt von den Ereignissen des gestrigen Abends. Der kleine Oskar ist da - ein richtiges "Christkind", er ist gesund und Arzu auch. Das war ja nach den Komplikationen, die es gab, nicht selbstverständlich ...
Man könnte auch denken, dass es Schöneres gibt, als Heiligabend bei der Arbeit zu verbringen, und dann auch noch freiwillig! Doch für mich trifft das nicht zu. Schließlich ist Arzu nach den vielen Jahren fast so etwas wie eine Tochter für mich geworden, da kann man nicht einfach nach Hause gehen und zur Tagesordnung übergehen, wenn ihr Leben und das ihres Kindes auf dem Spiel steht. Und Gernot ist schließlich auch noch geblieben, bis das Baby da war. Als wir dann Zuhause ankamen, war es schon sehr spät. Trotzdem konnten wir noch nicht schlafen, wir waren viel zu aufgeregt nach diesem ereignisreichen Abend. Also haben wir's uns mit einem Glas Wein gemütlich gemacht und haben noch einmal alles Revue passieren lassen. Plötzlich sprachen wir gar nicht mehr über den gestrigen Abend, sondern haben das ganze (fast) vergangene Jahr noch einmal betrachtet. Es war ein richtig schönes Gespräch. Und Stück für Stück sind uns die Höhe- und Tiefpunkte wieder eingefallen, viele erinnerungswerte Momente - kuriose, fröhliche, aber auch ernste - kamen uns auch ins Gedächtnis: Gernots Unfall, seine Krankheit, seine Angst davor, nie mehr operieren zu können; seine Heilung, seine Berufung an die Universität, Frau Marquardts absurde Idee, unsere Effektivität durch Rollerfahren zu steigern, die Überraschung, sie als "Sarah Turner" zu erleben, der Forschungsskandal um Dr. Heilmanns Arbeit, die - in verschiedener Hinsicht - eindrucksvolle Begegnung mit einem meiner Lieblingsschriftsteller, Emil Lerchfeld, der schreckliche Brand bei den Heilmanns, schließlich Gernots Dienstjubiläum und noch vieles mehr ... Es ist etwas Wunderbares, alles, was geschehen ist, noch einmal in Ruhe anzuschauen und dann mit dem zu Ende gehenden Jahr zu verabschieden.
Es war ein anstrengendes Jahr, in dem sich aber zum Ende hin alles zum Guten gewendet hat. Und ich bin dankbar, dass es mir selbst auch so gut geht. Ich fühle mich gesund, stark und voller Neugierde auf das, was kommen wird.
Auf ein ereignisreiches, gesundes und schönes 2011!
Ingrids Tagebuch
Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehenissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.

