09.03.2011 : Liebes Tagebuch,
Die letzten Tage sind mir sehr nahe gegangen und es fiel mir wieder einmal richtig schwer, die Arbeit hinter mir zu lassen, wenn ich zu Hause ankam. Das Drama um den jungen Nils setzte mir sehr zu, und Gernot war emotional wirklich total aufgewühlt. So ein junger, kluger und netter Mann, der sich plötzlich mit seinem Tod konfrontiert sieht, dann Hoffnung schöpfen darf, nur, um sich kurze Zeit darauf wieder aufs Sterben vorbereiten zu müssen ... Ich möchte nicht wissen, was in diesem Jungen vorging. Und dann war er auch noch ganz allein! Es war nicht zu übersehen, dass es zwischen Gernot und Nils eine ganz besondere Bindung gab. Zwischen den beiden stimmte einfach die Chemie. Ich glaube, Nils ist für Gernot wie der Sohn, den er nie hatte. Und er hat gespürt, dass auch er für den Jungen eine Art Vaterfigur war.
In den letzten Tagen haben Gernot und ich viel zusammengesessen und geredet. Es ist manchmal nicht leicht in unserem Beruf, mit solchen Schicksalen umzugehen. Und dennoch möchten wir beide um keinen Preis der Welt einen anderen Beruf haben! Man kann vielen Menschen helfen und sieht, wie jetzt im Fall von Nils, ja auch viel Freude und Erleichterung, wenn eine Genesung doch möglich ist. In solchen Momenten denke ich, es ist gut, dass ich keine Kinder habe. Wer weiß, ob ich so viel Kraft für meine Patienten aufbringen könnte, wenn ich mich auch um Kinder und vielleicht Enkel sorgen müsste? Natürlich sehe ich viele meiner Kollegen, die das auch mit einer Familie sehr gut schaffen. Schließlich gibt einem die Liebe der Familie auch viel Kraft. Doch um Kraft zu tanken habe ich unser Haus, habe ich Gernot, habe ich das Wandern und das Malen. Und all meine Fürsorge kann ich meinen Patienten widmen - diesen Luxus genieße ich sehr. Ich finde, es ist wichtig, anderen Menschen Liebe und Kraft zu geben, wenn man das kann - und ob das nun eigene oder fremde Kinder, Not leidende Menschen oder Patienten in der Sachsenklinik sind, ist vielleicht zweitrangig. Ich weiß, dass die Begegnung mit Nils Gernot auch zum Nachdenken über sein eigenes Leben angeregt hat. Gernot hat ja mit Rebecca eine Tochter, von der ihn viel trennt. Seit Langem schon haben die beiden eigentlich gar keinen Kontakt mehr. Ich will mich da gar nicht einmischen, denn auch ich habe ja so meine Schwierigkeiten mit ihr. Trotzdem finde ich es ganz wichtig, dass Gernot mit Rebecca im Reinen ist. Er ist und bleibt ihr Vater. Deshalb bin ich sehr froh, dass die beiden telefoniert haben.
Ingrids Tagebuch
Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehnissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.

