Liebes Tagebuch,
Puh, auch wenn ich Gisela wirklich mag – ich bin froh, dass sie jetzt wieder nach Hause gefahren ist! Es waren ein paar spannende Tage mit ihr, das muss ich schon sagen. Zunächst fand ich sie schon etwas schwierig, dann tat sie mir leid. Es wirkte schon ein bisschen verzweifelt, wie sie sich so an Gernot rangeschmissen hat, kaum dass sie zur Tür rein war. Aber so leicht wollte ich's mir dann doch nicht machen: Gisela abzulehnen, hätte schließlich niemandem geholfen. Und wie es meistens so ist, kommt unter der Schale dann ein ganz anderer Mensch zum Vorschein, wenn man mal genauer hinsieht. In Giselas Fall eine liebevolle, sensible, einsame Frau, die sich nach einem Menschen an ihrer Seite sehnt und die gerade viele Entscheidungen und Wendepunkte in ihrem Leben noch einmal Revue passieren lässt. Da kann man schon mal melancholisch werden, dafür habe ich allergrößtes Verständnis. Und dass Gisela sich dann ganz offen und ehrlich bei mir entschuldigt hat, das habe ich ihr hoch angerechnet. Es zeigt Größe, wenn man zu seinen Fehlern stehen kann!
Und dann hatten wir eine richtig kurzweilige Zeit miteinander und ich habe gespürt, wie gut es mir tut, einen unternehmungslustigen Menschen an meiner Seite zu haben. Gisela hat es richtig genossen, sich schick zu machen, in die Oper zu gehen, noch ein bisschen zu plaudern. An so etwas hat Gernot ja leider nicht viel Spaß! Klar, ich liebe Gernots ruhige und besonnene Art. Ich liebe den Mann, mit dem ich abends vor dem Kamin sitze und bei einem guten Glas Wein interessante Gespräche führen kann. Ich liebe den Mann, der ganz in seiner Aufgabe aufgeht, der als Arzt und Wissenschaftler viel erreicht und vielen Menschen geholfen hat. Aber manchmal, da würde ich mich eben freuen, wenn ich jemanden hätte, der außerdem das Kulturleben mit mir genießt. Leipzig hat so viel zu bieten!
Na, vielleicht kommt Gisela ja ab und zu mal vorbei? Ein bisschen anstrengend ist sie schon, aber ich habe sie doch ins Herz geschlossen. Und auch, wenn sie es zunächst auf Gernot abgesehen hatte – ihre Anwesenheit hat mir aufs Neue gezeigt, was Gernot und ich aneinander haben und wie glücklich wir miteinander sind und wie behutsam wir mit unserer Liebe umgehen. Das tat wirklich gut!
Ingrids Tagebuch
Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehnissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.

